Assisted Hatching ist eine Schlupfhilfe für den Embryo. Im Labor wird dabei die schützende Hülle, die ihn in den ersten Lebenstagen umgibt, gezielt verdünnt oder geöffnet. So soll es ihm leichter fallen, sich aus dieser Hülle zu befreien und sich anschließend in der Gebärmutterschleimhaut einzunisten. Das Verfahren kann ergänzend zu einer In-Vitro-Fertilisation (Englisch: in vitro fertilization, kurz: IVF) oder einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (Englisch: intracytoplasmic sperm injection, kurz: ICSI) eingesetzt werden.
Was ist Assisted Hatching?
Der Begriff stammt aus dem Englischen. "to hatch" bedeutet "schlüpfen". Gemeint ist also ein untersütztes Schlüpfen. Normalerweise befreit sich ein Embryo ohne fremde Hilfe selbst aus seiner Hülle, Fachleute sprechen von natural hatching. Gelingt dieser Schritt nicht, kann er sich nicht einnisten und eine Schwangerschaft bleibt aus. Das kann selbst dann passieren, wenn die Eizelle erfolgreich befruchtet wurde und sich zunächst ganz normal entwickelt hat.
Genau hier setzt Assisted Hatching in der künstliche Befruchtung an. Es gehört zu den Zusatzverfahren der asssistierten Reproduktion (Englisch: assisted reproduction). Dabei handelt es sich nicht um eine eigenständige Behandlungsform, sondern um einen zusätzlichen Arbeitsschritt im Labor. Er ist nur in Verbindung mit einer IVF oder ICSI möglich, denn nur wenn Ei- und Samenzelle außerhalb des Körpers zusammengeführt werden, ist der Embryo für Fachleute überhaupt zugänglich.
Die Zona Pellucida: Schutzhülle für den Embryo
Jede Zeizelle ist von einer elastischen, aber stabilen Hülle aus Zucker-Eiweiß-Verbindungen (Glykoproteinen) umgeben. Fachleute nennen sie Zona Pellucida, was sich mit "durchsichtige Hülle" oder "Glashaut" übersetzen lässt.
Sobald ein Spermium eingedrungen ist, verändert sich die Zona Pellucida und wird fester. So verhindert sie, dass weitere Spermien eindringen und schützt den heranwachsenden Embryo in seinen ersten Lebenstagen.

Nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt die Zellteilung. Am zweiten Tag besteht der Embryo meist aus zwei bis vier Zellen, am dritten Tag aus etwa acht. Am vierten Tag entsteht auch die sogenannte Morula, ein dicht gepackter Zellhaufen. Etwa am fünften Tag erreicht der Embryo das Blastozystenstadium: Er besteht nun aus mehr als 100 Zellen und hat im Inneren einen mit Flüssgkeit gefüllten Hohlraum.
In dieser Phase dehnt sich die Blastozyste aus, die Hülle wird dünner und reißt schließlich auf. Der Embryo schlüpft, ähnlich wie ein Küken aus dem Ei und kann sich anschließend in die Schleimhaut einnisten. Die Einnistung in die Gebärmutter beginnt in der Regel etwa sechs bis sieben Tage nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle.
- Die Lasertechnik (Laser-assisted-Hatching) ist die am häufigsten angewandte Methode. Sie erlaubt ein äußerst präzises und gezieltes Vorgehen und gilt daher als die sicherste Methode. Bei der Behandlung eröffnet oder verdünnt der Reproduktionsbiologe mittels Laserstrahl die feine Eihülle, ohne den Embryo zu beeinträchtigen.
- Eine weitere Möglichkeit ist das Auftragen einer Enzymlösung auf die Zona pellucida. Sie bewirkt, dass die Wände der Schutzhülle dünner sind. Dadurch kann der Embryo die Glashaut leichter durchbrechen und sich in der Gebärmutterschleimhaut einnisten.
- Eine dritte Option bedient sich einer feinen Glasnadel, mit deren Hilfe der Biologe die Zona pellucida einritzt. Da dies manuell geschieht, ist der Erfolg allerdings von der Geschicklichkeit des jeweiligen Arztes abhängig. Diese Option ist naturgemäß mit einem höheren Risiko verbunden.
Ablauf der Behandlung bis zum Transfer
Für Patientinnen bedeutet die Schlupfhilfe keinen zusätzlichen Eingriff. Die Kinderwunschtherapie folgt dem gewohnten Ablauf: Nach einer hormonellen Stimulation der Eierstöcke werden Eizellen entnommen und im Labor mit den Samenzellen zusammengebracht. Die so entstandenen Embryonen reifen anschließend einige Tage im Brutschrank heran.
Kurz vor der Übertragung, meist am dritten oder fünften Entwicklungstag, öffnet oder verdünnt das Labor die Hülle. Bei einem Kryotransfer geschieht das nach dem Auftauen. Der eigentliche Embryotransfer unterscheidet sich nicht von einer Behandlung ohne Schlupfhilfe.
Der Embryo wird mit einem dünnen, weichen Katheter über die Scheide und den Gebärmutterhals in die Gebärmutterhöhle übertragen. Das ist in der Regel schmerzlos und dauert nur wenige Minuten. Etwa zwei Wochen später zeigt ein Bluttest, ob eine Schwangerschaft eingetreten ist.
Wann kommt Assisted Hatching bei IVF und ICSI infrage?
Das Verfahren ist keine Standardmaßnahme und wird nicht bei jeder Behandlung eingesetzt. Kinderwunschzentren bieten es gezielt an, wenn ein erschwertes Schlüpfen vermutet wird.
Häufig genannt werden ein Alter der Frau ab etwa 37 bis 38 Jahren sowie mehrere erfolglose Versuche, obwohl sich die Embryos gut entwickelt hatten. Auch eine unter dem Mikroskop auffallend dicke oder verhärtete Hülle kann ein Anlass sein, ebenso Behandlungszyklen mit zuvor eingefrorenen und wieder aufgetauten Blastozyten.
Wichtig ist: Für keine dieser Gruppen ist ein Nutzen eindeutig belegt. Ob die Schlupfhilfe in Ihrer Situation sinnvoll ist, sollten Sie deshalb gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt anhand Ihrer persönlichen Vorgeschichte abwägen.
Wie wirksam ist das Verfahren?
Ob die Schlupfhilfe tatsächlich zu mehr Schwangerschaften und Geburten führt, wird seit vielen Jahren untersucht und ist weiterhin umstritten. Die bislang umfassendste Auswertung ist eine Cochrane-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021. Dabei handelt es sich um eine Metaanalyse, also eine Zusammenfassung vieler randomisierter kontrollierter Studien (meta-analysis of randomized controlled trials).
Das Ergebnis: Assisted Hatching führt wahrscheinlich kaum oder gar nicht zu mehr Lebendgeburten. Möglicherweise kommt es etwas häufiger zu einer klinisch nachweisbaren Schwangerschaft, gleichzeitig traten Mehrlingsschwangerschaften häufiger auf. Die Aussagekraft vieler eingeschlossener Studien ist allerdings begrenzt.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen die amerikanischen Fachgesellschaften American Society of Reproductive Medicine (ASRM) und Society for Assisted Reproductive Technology (SART), die die Studienlage in Leitlinien bewertet haben. Die aktuelle Fassung aus dem Jahr 2022 rät vom routinemäßigem Einsatz ab. Auch für einzelne Gruppen, etwa ältere Frauen oder Paare nach mehreren erfolglosen Versuchen, reichen die Belege aus Sicht der Fachleute nicht für eine klare Empfehlung aus.
Welche Risiken gibt es?
Nach heutigem Wissensstand schadet die Schlupfhilfe weder dem Erbgut noch der Gesundheit des Kindes. Aussagekräftige Langzeitdaten sind jedoch begrenzt.
Wie jeder Eingriff im Labor ist auch dieser nicht völlig risikofrei. Eine Verletzung des Embryos, die zu seinem Verlust führt, ist selten, lässt sich aber nicht ganz ausschließen. Bei der mechanischen und chemischen Methode gilt das Risiko als etwas höher, als bei der Lasertechnik. Diskutiert wird außerdem, ob eine geöffnete Hülle die Entstehung ein eiiger Zwillinge begünstigen kann. Die Studienlage dazu ist jedoch uneinheitlich. Ungeklärt ist zudem, ob eine verhärtete Hülle auch eine natürliche Schutzfunktion haben könnte, etwa indem sie die Einnistung wenig entwicklungsfähiger Embryos erschwert.
Besprechen Sie mögliche Risiken und die realistischen Erfolgsaussichten vor der Behandlung ausführlich mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt.
Was kostet die Behandlung?
Die Preise legt jedes Zentrum selbst fest. Häufig liegen sie etwa bei 150-170€ pro Embryo. Manche Zentren berechnen auch einen Pauschalbetrag pro Behandlungszyklus. Da ein Nutzen nicht ausreichend belegt ist, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten nicht. Auch private Krankenversicherungen erstatten sie in der Regel nicht.
Fragen Sie im Zweifel vorab bei ihrer Versicherung nach und lassen sie sich vor Behandlungsbeginn einen schriftlichen Kostenplan geben.
Welche Spezialisten führen die Behandlung durch?
Die erste Anlaufstelle ist ein Kinderwunschzentrum oder eine reproduktionsmedizinische Praxis. Dort arbeiten Fachärztinnen und Fachärzte für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit dem Schwerpunkt Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin eng mit Reproduktionsbiologinnen und Reproduktionsbiologen in Labor zusammen.
Die Ärztinnen und Ärzte beraten Sie, planen die Behandlung und führen die Eizellenentnahme sowie die Übertragung durch. Die Schlupfhilfe selbst erfolgt im Labor.
Achten Sie bei der Wahl eines Zentrums auf Erfahrung, eine offene Beratung zu Nutzen und Grenzen der angebotenen Zusatzverfahren und transparente Kosten.
Gerade bei einem lange unerfüllten Kinderwunsch ist es hilfreich, wenn das Behandlungsteam auch die emotionale Belastung im Blick hat.
Häufige Fragen
Tut die Behandlung weh?
Nein, die Schlupfhilfe findet ausschließlich im Labor statt. Sie spüren nichts davon. Die anschließende Übertragung läuft genauso ab, wie ohne Zusatzverfahren und ist in der Regel schmerzlos.
Erhöht das Verfahren die Chance schwanger zu werden?
Das ist nicht sicher belegt. Große Auswertungen zweigen allenfalls einen kleinen Effekt auf die Schwangerschaftsrate, aber keinen sicheren Vorteil bei der Zahl der Geburten.
Steigt das Risiko für Zwillinge?
Studien fanden etwas häufiger Mehrlingsschwangerschaften. Ob die Öffnung der Zona Pellucida die Entstehung eineiiger Zwillinge fördert, ist bislang nicht eindeutig geklärt.
Wann wird die Hülle geöffnet?
In der Regel kurz vor der Übertragung, also meist am dritten oder fünften Entwicklungstag. Bei eingefrorenen Embyros erfolgt der Schritt nach dem Auftauen.
Über den Fachautor
PD Dr. med. Melanie Henes
Medizinische Fachautorin · Ltd. Schwerpunktoberärztin der Hormon- und Kinderwunschsprechstunde und Dysplasieeinheit der Universitäts-Frauenklinik Tübingen · Tübingen
Mehr über den Fachautor →Quellen
- Assisted hatching of fertilised eggs in assisted conception (IVF and ICSI). Cochrane, 2021
- Role of assisted hatching in in vitro fertilization: a guideline. Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine; Practice Committee of the Society for Assisted Reproductive Technology, 2014
