Eine Fazialisparese bezeichnet eine teilweise oder vollständige Lähmung der mimischen Gesichtsmuskulatur. Ursache ist eine Schädigung des Nervus facialis oder der zugehörigen Nervenbahnen im Gehirn. Besonders häufig tritt die periphere Fazialisparese einseitig auf und betrifft weite Teile einer Gesichtshälfte. Typische Symptome einer Gesichtslähmung sind ein herabhängender Mundwinkel, Schwierigkeiten beim Lidschluss und eine eingeschränkte Bewegung der Gesichtsmuskeln.
Bei einer idiopathischen Fazialisparese ist die genaue Ursache nicht bekannt. Daneben können beispielsweise eine Borreliose, Zoster oticus, eine Mittelohrentzündung, ein Tumor oder andere Erkrankungen eine Fazialisparese verursachen. Eine plötzlich aufgetretene Gesichtslähmung sollte zeitnah ärztlich abgeklärt werden, da insbesondere eine zentrale Fazialisparese auch im Zusammenhang mit einem Schlaganfall auftreten kann.
Was ist eine Fazialisparese?
Die Fazialisparese, auch Fazialislähmung genannt, stellt für die Betroffenen eine ausgesprochen stigmatisierende Erkrankung dar. Sie können ihre Gesichtsmuskulatur nur unzureichend kontrollieren. Ihr Gesichtsausdruck wirkt dadurch auf andere Menschen unpassend oder auffällig. Meistens ist dabei nur eine Gesichtsseite betroffen.
Ursache für die Fazialisparese ist der 7. Gerhirnnerv (Nervus facialis-Gesichtsnerv). Er ist in erster Linie für die mimische Muskulatur verantwortlich. Ferner nimmt er Einfluss auf die Tränen- und Speichelsekretion sowie die Geschmackswahrnehmung.
Eine Vielzahl von Ursachen kann zu einer Schädigung des Nervs mit Funktionsminderung bzw. -verlust führen. Am häufigsten ist die so genannte idiopathische Fazialisparese (Bell’s palsy), die nur eine Gesichtshälfte betrifft. Eine Ursache lässt sich dafür nicht finden. Diese Form der Fazialisparese bildet sich in den meisten Fällen spontan zurück.
Weitere Ursachen sind unter anderem
- Infektionen,
- Verletzungen, z.B. im Rahmen von operativen Eingriffen,
- Tumoren.
Eine Fazialisparese tritt bei etwa 20-30 pro 100.000 Personen und Jahr auf. Eine Ursache ist in 80 Prozent nicht auszumachen.
Welche Beschwerden können bei einer Fazialisparese auftreten?
Eine Funktionseinschränkung/-verlust des N. facialis kann je nach Lokalisation folgende Beschwerden nach sich ziehen:
- Einseitige schlaffe Lähmung der mimischen Gesichtsmuskulatur
- Gesichtsasymmetrie – erweiterte Lidspalte (Verlust der Fähigkeit des vollständigen Lidschlusses mit Gefahr von Hornhautschäden)
- positives Bell-Phänomen: aufgrund des unvollständigen Lidschlusses wird die physiologische Aufwärtsbewegung des Augapfels sichtbar
- verstrichene Stirn- und Nasolabialfalten
- beeinträchtigte Sprache aufgrund der Schwäche der Wangen- und Lippenmuskulatur
- Geschmacksstörung der vorderen zwei Drittel der Zunge
- Abnahme der Speichelsekretion
- Geräusch-Überempfindlichkeit
- Abnahme der Tränensekretion

Man unterscheidet zwischen der
- zentralen Fazialislähmung (hierbei findet sich die Schädigung im Gehirn) und
- peripheren Fazialislähmung (hierbei liegt eine Schädigung des Nervs selbst vor).
Beim zentralen Lähmungstyp ist v.a. die mimische Muskulatur des Mundes betroffen. Dadurch ist der Patient im Gegensatz zum peripheren Lähmungstyp noch in der Lage, die Stirn zu runzeln.
Diagnostik der Fazialislähmung
In interdisziplinärer Zusammenarbeit erfolgt sowohl eine eingehende klinische und elektrophysiologische Untersuchung der Patienten. Hierbei kommen Testverfahren wie
- die Durchführung von Nervenerregbarkeitstests,
- die Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit sowie
- Elektromyographien
zur Anwendung. Ziel ist es, Ursache, Lokalisation und Ausprägung der Fazialisparese zu ermitteln. Auch die evtl. noch vorhandene Restfunktionen des N. facialis ist von Interesse.
Im Einzelfall werden noch weitere Spezialuntersuchungen mittels Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt. Im Anschluss wird gemeinsam mit dem Patienten ein individuelles Behandlungskonzept entwickelt.
Operative Therapie der Fazialisparese
Sobald davon auszugehen ist, dass sich die Lähmungszustände nicht weiter spontan bessern, ist eine operative Therapie notwendig.
Je nach Ursache und Ausprägung der Erkrankung stehen verschiedene operative Verfahren zur Verfügung. Hierzu gehören
- Techniken der Nervenrekonstruktion sowie
- sekundär plastisch-rekonstruktive Maßnahmen mit dem Ziel der Rehabilitation des Mundes bzw. des Auges.
Aufgrund der Vielfalt der möglichen operativen Eingriffe lässt sich nur schwer eine einheitliche Aussage zur Wahl der Narkoseverfahren treffen.
Die komplexen Eingriffe im Gesichtsbereich werden fast ausschließlich in Vollnarkose durchgeführt. Sie umfassen die freien Muskelverpflanzungen zur dynamischen Rekonstruktion des Mundwinkels. Der stationäre Aufenthalt kann dann 7-10 Tage dauern. Kleinere korrigierende Eingriffe können auch als ambulante Eingriffe, teilweise in örtlicher Betäubung, durchgeführt werden.
Verschiedene Methoden bei der operativen Behandlung der Fazialislähmung
Die Wahl der Methodik hängt wesentlich von
- der Ursache,
- der Zeitdauer seit Bestehen der Fazialisparese sowie
- vom Wunsch des Patienten
ab. Über das Verfahren der Wahl müssen Chirurg und Patient gemeinsam entscheiden.
Prinzipiell lässt sich zwischen
- rekonstruktiven Möglichkeiten zur Wiederherstellung des vollständigen Augenschlusses sowie
- Verfahren zur Wiederherstellung der Gesichtssymmetrie und ggf. Mundwinkeldynamik zur Wiedererlangung des Lächelns
unterscheiden.
Nervenrekonstruktion – Primäre Nervennaht
Nach erlittener Verletzung bietet die sofortige Versorgung die besten Aussichten für eine erfolgreiche Reinnervation.
Sekundäre Nervennaht – Nerveninterponate
Hierfür werden Hautnerven benötigt, die für das Gefühl zuständg sind. Dafür bietet sich z.B. N. suralis vom Unterschenkel an. Damit können Defekte im Verlauf des N. facialis erfolgreich überbrückt werden.
Hypoglossus-Fazialis-Anastomose
Hierbei werden Teile des N. hypoglossus (Zungennerv) mit peripheren Enden des N. facialis verbunden. Die Mediziner erzielen so eine Reinnervation der gelähmten Muskulatur.
Nachteil dieses Verfahrens ist das Auftreten von sogenannten „Synkinesien“, also das Auftreten von ungewollten Muskelbewegungen.
Cross-Face Nerve Graft (CFNG)
Nicht immer ist ein geeigneter zentraler N. facialis-Stumpf verfügbar. Dann bietet sich ein Nerventransplantat von der Wade an. Damit können die Mediziner die Innervation der Muskulatur der gelähmten Seite von der gesunden Seite aus erreichen.
Zusätzlich kann das CFNG als Anschlussnerv für eine freie Muskeltransplantation dienen. Zum Anschluss des CFNG muss dabei auf der gesunden Seite ein kleinerer Fazialisast verwendet werden.
Aufgrund der Redundanz des Nervs im Versorgungsgebiet kommt es dabei zu keinen funktionellen Einschränkungen auf der gesunden Seite. Unter Redundanz versteht man in diesem Kontext, dass dieselbe Funktion von mehreren Nervenästen ausgelöst wird.
Muskelumlagerungen/-verpflanzungen (Neuromuskuläre Transposition)
Auch die Einbringung eines innervierten Kaumuskels in die gelähmte mimische Muskulatur ist möglich, z.B. durch Umlagerung. Hierfür eignet sich insbesondere der Schläfenmuskel oder der Kaumuskel. Sie werden über einen nicht betroffenen Hirnnerv versorgt, den Nervus trigeminus.
Auch die freie neurovaskuläre funktionelle Muskeltransplantation gehört zum Routinerepertoire spezialisierter Zentren. Hierunter versteht man die Verwendung eines freien Muskel-Nerv-Gefäß-Transplantates als Ersatz für die gelähmte Gesichtsmuskulatur. Denkbar wären z.B. ein Teil des Oberschenkel- (M. gracilis) oder Rückenmuskels (M. latissimus dorsi)
Dabei muss die komplette Gefäßversorgung und nervale Versorgung des Muskels im Gesicht wieder hergestellt werden. Das erfordert einen mehrstündigen mikrochirurgischen Eingriff.
Ein solcher Eingriff erzielt die besten Ergebnisse, da eine dynamische Rekonstruktion des Lächelns möglich ist. Der Vektor (die Zugrichtung) des Muskels im Gesicht lässt sich damit frei wählen. Somit lässt sich das gewünschte Ergebnis am besten der Gegenseite anpassen.
Als Spendernerv dient dabei
- entweder ein CFNG, das in einem vorherigen Eingriff vorgelegt wurde (mit einem zeitlichen Abstand von 6-9 Monaten), oder
- direkt der Nerv für den Kaumuskel.
Statische Zügelungsoperationen
In einigen Fällen kann die statische Zügelung durch Sehnenstreifen (meist vom Oberschenkel entnommen) notwendig sein. Hierbei wird lediglich die Symmetrie des Gesichtes wiederhergestellt. Eine Dynamik des Mundwinkels, z.B. zum Lächeln, lässt sich damit nicht erzielen.
Vor allem bei Patienten im hohen Lebensalter ohne maximalen Therapiewunsch kann dies eine zufriedenstellende Option sein.
Rekonstruktive Eingriffe für den Lidschluss
Statische Zügelungsoperationen, ggf. mit Implantation eines Oberlidgewichtes: In vielen Fällen ist bereits eine Straffung des Lidbändchens am Unterlid ausreichend, um einen Augenschluss zu erreichen.
Zusätzlich können bei Bedarf Gewichte im Oberlid, z.B. aus Gold oder Platin, implantiert werden. Dann hilft die Schwerkraft mit, um die Augen vollständig zu schließen.
Manche Patienten möchten die Augen willentlich wieder zusammenkneifen können. Dann benötigen sie eine dynamische Wiederherstellung des Augenschlusses.
Hierzu bieten sich Muskelumlagerungsverfahren an. Z.B. kann ein Teil eines Schläfenmuskels so umgelagert werden, dass in den ersten Monaten das Zubeißen zum Augenschluss führt.
In der Regel kommt es innerhalb weniger Monate zu einer Verselbstständigung dieses Mechanismus. Dann ist der Augenschluss auch ohne Zubeißen möglich.
Die erste Zeit nach der chirurgischen Behandlung der Fazialislähmung
Eine spezielle Nachbehandlung ist in der Regel nicht notwendig. Intraoperativ eingelegte Drainagen zur Abführung des Wundwassers werden im Rahmen des stationären Aufenthaltes entfernt. Der Fadenzug erfolgt nach 10-12 Tagen.
Bei Verfahren, die auf der Regeneration des Nervs beruhen (CFNG, freie Muskelverpflanzung), ist mit einigen Monaten Regenerationszeit zu rechnen. Erst dann sind erste Muskelaktivitäten sichtbar. Ggf. kann auch die post-operative Gesichtsgymnastik den Regenerationsprozess unterstützen.
Mögliche Risiken und Komplikationen bei der Operation der Fazialisparese
Kein Eingriff kann die komplette Mimik oder Funktionalität wiederherstellen. Dennoch lassen sich gute Ergebnisse erzielen, die für die oftmals stigmatisierten Patienten eine deutliche Verbesserung bedeuten.
Die teilweise hochkomplexen, langwierigen operativen Eingriffe bringen aber auch Risiken mit. Es besteht wie bei jeder Operation das Risiko für Nachblutungen oder Infektionen. Sie sind jedoch kontrollierbar. Je komplexer der Eingriff, desto höher ist auch das Risiko, dass das Ergebnis nicht zufriedenstellend ist.
So kann z.B. bei der Nervenverpflanzung die Nervenregeneration ausbleiben. Bei der freien Muskelverpflanzung kann es aufgrund von Durchblutungsstörungen zum Verlust des Muskels kommen. Beim CFNG können außerdem Nervenfasern auf der gesunden Gesichtsseite geschädigt werden.
Generell sind diese Komplikationen jedoch selten. Sie lassen bei Ausbleiben des Erfolges außerdem noch Möglichkeiten zu weiteren alternativen Eingriffen.
FAQ
Was ist eine Fazialisparese und welche Symptome sind typisch?
Eine Fazialisparese ist eine Parese beziehungsweise Lähmung der Gesichtsmuskulatur infolge einer Schädigung des Nervus facialis oder seiner zentralen Nervenbahnen. Ein typisches Symptom ist ein einseitig herabhängender Mundwinkel. Außerdem können Betroffene Schwierigkeiten haben, die Stirn zu runzeln, die Zähne zu zeigen oder das Auge vollständig zu schließen. Je nach Ort der Schädigung können weitere Funktionen des Nervs beeinträchtigt sein.
Was ist der Unterschied zwischen einer peripheren und einer zentralen Fazialisparese?
Bei einer peripheren Fazialisparese liegt die Schädigung im Verlauf des Gesichtsnervs außerhalb seiner zentralen Steuerung. Dadurch kann die gesamte mimische Muskulatur einer Gesichtshälfte einschließlich der Stirnmuskulatur gelähmt sein. Eine zentrale Fazialisparese entsteht dagegen durch eine Schädigung der Nervenbahnen im Gehirn und kann beispielsweise bei einem Schlaganfall auftreten. Die Unterscheidung periphere oder zentrale Fazialisparese ist deshalb für die weitere Diagnostik besonders wichtig.
Welche Ursachen kann eine Fazialisparese haben?
Die häufigste Form ist die idiopathische Fazialisparese, bei der die Ursache nicht eindeutig festgestellt werden kann. Daneben kommen Infektionen wie Borreliose oder Herpes Zoster beziehungsweise Zoster oticus, entzündliche Erkrankungen, Erkrankungen des Ohrs und Tumoren als mögliche Ursachen infrage. Auch operative oder traumatische Schädigungen des Gesichtsnervs sind möglich. Bei einer zentralen Fazialisparese muss unter anderem an Erkrankungen des Gehirns wie einen Schlaganfall gedacht werden.
Wie erfolgt die Diagnostik bei einer Fazialisparese?
Die Diagnostik beginnt mit der Anamnese und einer neurologischen Untersuchung von Gesicht und Hirnnerven. Dabei werden unter anderem Lidschluss, Mundbewegungen und die Fähigkeit geprüft, die Stirn zu runzeln. Je nach vermuteter Ursache der Fazialisparese können Blutuntersuchungen, bildgebende Verfahren oder eine Untersuchung des Nervenwassers erforderlich sein. Ziel ist es, den Ort der Schädigung einzugrenzen und insbesondere behandelbare Ursachen zu erkennen.
Wie wird eine Gesichtslähmung behandelt und kann sie sich vollständig zurückbilden?
Die Behandlung einer Gesichtslähmung hängt von ihrer Ursache ab. Bei der idiopathischen Fazialisparese empfiehlt die DGN-Leitlinie unter anderem eine frühzeitige Glukokortikoidtherapie; bei unvollständigem Lidschluss ist außerdem der Schutz der Hornhaut wichtig. Bei anderen Formen richtet sich die Therapie gezielt gegen die zugrunde liegende Erkrankung. Eine vollständige Rückbildung ist insbesondere bei der idiopathischen Form häufig möglich, allerdings können bei einem Teil der Betroffenen funktionelle Einschränkungen oder Synkinesien beziehungsweise unwillkürliche Mitbewegungen zurückbleiben.
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Über den Fachautor
Sabine Schneider
Chefredakteurin
Sabine Schneider ist ausgebildete Medizinische Praxisassistentin und verfügt über langjährige praktische Erfahrung im medizinischen Umfeld.
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