Die Stabilität und Funktionalität des menschlichen Gebisses beruhen auf einem komplexen Gleichgewicht. Die Qualität Ihrer Zähne ist maßgeblich davon abhängig, ob sich die Zähne gegenseitig stützen und ob sie Gegenspieler im Ober- und Unterkiefer beim Kauen und Zubeißen haben.
Entsteht eine Lücke, hat dies weitreichende Konsequenzen für das gesamte Gebiss. In der Zahnmedizin beobachtet man in solchen Fällen häufig, dass die Nachbarzähne in den freien Raum kippen, was die Statik des gesamten Zahnbogens gefährdet.
Gleichzeitig neigt der Gegenspieler im gegenüberliegenden Kiefer dazu, in die Lücke hineinzuwachsen (Elongation), um den fehlenden Kontakt beim Zubeißen wiederherzustellen. Langfristig bildet sich der Kiefer im Bereich der Lücke zurück, da der stimulierende Kaudruck fehlt.
Um die Ästhetik des Gebisses zu erhalten und funktionelle Störungen des Kiefergelenks zu vermeiden ist ein zeitnaher Lückenschluss essenziell.
Dies kann folgendermaßen erfolgen:
- Mit einem kieferorthopädischen Lückenschluss (Spange)
- Mit einer prothetischen Restauration (Brücke oder Implantat)
- Mit einer Zahntransplantation als Alternative für eine rein biologische Lösung
Zahntransplantationen ermöglichen es, fehlende Zähne auf biologische Weise zu ersetzen. @ Alexandre / AdobeStock
Eine Zahntransplantation wird zumeist dann in Erwägung gezogen, wenn ein frühzeitiger Zahnverlust auftritt, der durch herkömmliche Methoden nur schwer zu versorgen wäre.
Weitere häufige Ursachen sind ein schweres Trauma, wie etwa eine Zahnunfall beim Sport oder eine tiefgreifende Karies oder bakteriell bedingte Wurzelspitzenentzündung (Parodontitis apicalis), die zur Zerstörung der Zahnsubstanz führt.
Ein Eingriff in der Oralchirurgie zur Verpflanzung ist zudem bei genetisch bedingten Nichtanlage oder multiplen Nichtanlagen bleibender Zähne indiziert. In diesen Fällen wird oft der Milchzahn zu lange im Mund behalten, da die Nachfolger fehlen.
Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Ankylose, eine pathologische Verwachsung der Zahnwurzel mit dem umgebenden Knochen, die eine normale Zahnbewegung verhindert. Auch wenn ein wichtiger Eckzahn oder Backenzahn im Kiefer verlagert ist und trotz chirurgischer Bemühungen nicht erfolgreich freigelegt und in den Zahnbogen eingeordnet werden kann, stellt die Verpflanzung eines Zahnes eine hervorragende Lösung dar. Insbesondere im Wechselgebiss ermöglicht dieses Verfahren, dass sich das Gebiss harmonisch weiterentwickelt.
In der modernen Praxisklinik wird heute fast ausschließlich die autogene Zahntransplantation durchgeführt. Das bedeutet, dass der Spenderzahn und der Empfängerort zum selben Individuum gehören. Diese autogene Transplantation verhindert immunologische Abstoßungsreaktionen, da das Immunsystem den Zahn als körpereigenes Gewebe erkennt. Ein spezieller Fall ist die autogene Milchzahntransplantation, die bei der jungen Patienten zum Einsatz kommen kann.
Je nachdem, wo Ihr Zahnarzt den Zahn entnimmt und wohin er diesen transplantiert, unterscheidet er zwischen folgenden Transplantationsarten:
- Autogene Zahntransplantation: Bei der autogenen Zahntransplantation wird der Zahn im Mund eines Patienten an eine andere Stelle verpflanzt.
- Isogene Zahntransplantation: Der Patient erhält einen Zahn von einer genetisch identischen Person, z.B. bei eineiigen Zwillingen.
- Allogene Zahntransplantation: Patient erhält einen Zahn von einer nicht genetisch identischen Person.
Die autogene Zahntransplantation ist heute fixer Bestandteil der Zahnmedizin. @ ViDi Studio / AdobeStock
Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen führen heute ausschließlich autogene Zahntransplantationen durch, weil sie dabei keine Immunreaktionen erwarten. Körpereigenes Material stuft Ihr Immunsystem nicht als fremd ein und stößt es somit nicht ab (anders bei Materialien wie Metallen und Legierungen).
Der größte Vorteil einer Transplantation gegenüber einem künstlichen Implantat liegt in der Erhaltung des Parodontinums (Zahnhalteapparat). Ein Transplantat verfügt über eine lebendige Wurzelhaut mit Sharpey-Fasern, die eine physiologisch korrekte Verbindung zum Kieferknochen herstellen. Dadurch bleibt die Propriozeption (das Gefühl für den Kaudruck) erhalten. Während ein Implantat starr im Knochen verankert ist, kann ein transplantierter Zahn bei jungen Patienten mit dem Kieferwachstum mitwandern.
Dies ist besonders in der Oberkieferfront entscheidend, um ein natürliches Erscheinungsbild zu bewahren. Das umgebende Gewebe und der Knochen werden durch den Zahn stimuliert, was einem Knochenabbau entgegenwirkt. Experten wie Filippi oder Dirk Nolte haben in zahlreichen Studien dargelegt, dass die Erfolgsquoten bei korrekter Indikation denen von Implantaten in nichts nachstehen, bei deutlich besserer biologischer Integration.
Für eine erfolgreiche Zahntransplantation verwendet Ihr Kieferchirurg:
- Weisheitszähne
- Prämolaren (kleine Backenzähne)
- Milcheckzähne
Die besten Erfolgsaussichten haben Zahntransplantationen bei Kindern und Jugendlichen, da es noch zu keinem abgeschlossenem Wurzelwachstum kam. Daher kann bei einem solchen unabgeschlossenem Wurzelwachstum der Zahn nach der Verpflanzung wieder an das Blut- und Nervensystem angeschlossen werden.
Aber auch bei ausgewachsenen Zähne kann Ihr Zahnarzt mit guten Erfolgschancen transplantieren.
In vielen Fällen ist die kieferorthopädische Transplantation eines Weisheitszahn die erste Wahl.
Die Zähne 18, 38 und 48 werden oft als Spender für verloren gegangene Molaren (große Backenzähne) verwendet.
Auch ein kleiner Backenzahn (=Prämolaren) kann an die Stelle eines Schneidezahns oder eines Eckzahns treten, wobei die Krone später durch eine ästhetische Korrektur angepasst wird.
Vor der Operation steht eine umfassende Diagnostik in der Praxisklinik an. Mit modernen bildgebenden Verfahren wird die Wurzellänge und die Form des Spenderzahns radiologisch vermessen. In spezialisierten Fällen, wie in der Praxisklinik MKG-MUC von Prof. Dirk Nolte, wird oft durch den Kieferorthopäden eine 3D-Planung durchgeführt, um das Transplantatbett millimetergenau vorzubereiten.
Wenn die Zahntransplantation durchgeführt wird, geschieht dies zumeist unter örtlicher Betäubung, auf Wunsch auch im Dämmerschlaf. Der Operateur entnimmt den Spenderzahn so schonend wie möglich, um die empfindliche Wurzelhaut nicht zu verletzen. Zeitgleich wird der Zielort unter kieferorthopädischer Präzision vorbereitet. Falls dort noch ein nicht erhaltungswürdiger Zahn vorhanden ist, wird dieser extrahiert. Das Zahntransplantat wird dann vorsichtig eingesetzt und mittels einer flexiblen Schienung an den Nachbarszähnen fixiert. Diese Schiene stabilisiert den Zahn während der ersten kritischen Phase der Einheilung.
Postoperativ ist eine strenge Compliance seitens des Patienten gefordert:
- Keine heißen Getränke trinken
- Nicht rauchen
- Keine körperlichen Belastung
- Eisbeutel oder kalte Tücher verwenden, um Schwellungen zu reduzieren
- Medikamente nehmen, die Entzündungen und Schmerzen lindern
- Ihren Mund sehr sauber halten und Spüllösungen verwenden, die Keime abtöten.
Darüber hinaus dürfen Sie den transplantierten Zahn während der Einheilzeit nicht übermäßig belasten. Nach etwa 7 bis 10 Tagen entfernt Ihr Zahnarzt die Nähte und die Schiene.
Schlechte Mundhygiene und dadurch entstehende Infektionen sind einer der Hauptgründe für eine Scheitern des Eingriffs. In den folgenden Monaten überwacht der Kieferorthopäde den Prozess radiologisch. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Vorbeugung einer Resorption (Wurzelauflösung).
Zwei Monate nach der Transplantation kontrolliert er den Heilungsverlauf mithilfe eines Periotests. Nach etwa acht Wochen hat sich die Pulpa (Zahnmark) eines jugendlichen Zahns bereits wieder neu gebildet und der Zahn seine Sensibilität gewonnen. Bei Erwachsenen dauert dies etwas länger.
Nach Transplantationen von wurzelunreifen Zähnen kontrolliert Ihr Zahnchirurg das Einwachsen des transplantierten Zahnes zusätzlich im ersten Jahr nach dem Eingriff mindestens einmal im Quartal anhand von Röntgenbildern, im darauffolgenden Jahr alle sechs Monate.
Fangen Sie direkt nach der Operation mit dem Kühlen an, um eine Schwellung vorzubeugen. @ absolutimages / AdobeStock
Zahntransplantationen stellen heute eine gute und etablierte Alternative zu Implantaten dar und ersetzen verloren gegangene oder nicht angelegte Zähne auf natürliche Weise.
Vor allem bei jungen Menschen transplantieren Zahnärzte mit großem Erfolg. Da sich der Kiefer noch im Wachstum befindet, wachsen die verpflanzten Zähne gut an und entwickeln sich danach wie natürliche Zähne weiter.
Was ist der Unterschied zwischen einer Zahntransplantation und einem Implantat?
Bei einer Transplantation wird ein körpereigener, natürlicher Zahn verpflanzt, der über eine lebendige Wurzelhaut verfügt. Ein Implantat hingegen ist eine künstliche Schraube aus Titan oder Keramik. Die Transplantation ist biologisch vorteilhafter, da der Zahn mit dem Kiefer mitwachsen kann, was besonders bei Kindern und Jugendlichen wichtig ist.
Wie hoch sind die Erfolgsraten bei diesem Eingriff?
Die Erfolgsraten sind bei korrekter Durchführung sehr hoch und liegen bei erfahrenen Spezialisten bei über 90%. Besonders hoch sind die Chancen bei Jugendlichen mit noch nicht abgeschlossenen Wurzelwachstum.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Zahntransplantation?
Bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen einer kieferorthopädischen Behandlung werden die Kosten oft von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sofern die medizinische Notwendigkeit nachgewiesen ist. Bei Erwachsenen ist dies meist eine Privatleistung, die jedoch oft günstiger sein kann, als eine aufwendige Implantatversorgung inklusive Knochenaufbau.
Wie schmerzhaft ist die Operation?
Der Eingriff wird unter lokaler Anästhesie durchgeführt und ist währenddessen schmerzfrei. Postoperative Schwellungen sind normal und lassen sich gut mit gängigen Schmerzmitteln und Kühlung behandeln.