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Was ist eine Myelitis?
Der Begriff Myelitis leitet sich aus dem Griechischen ab („myelos“ für Mark) und beschreibt eine Entzündung des Rückenmarks. Diese Entzündung kann sich auf einen kleinen Herd beschränken oder weite Teile des Rückenmarks betreffen. Anatomisch gesehen verbindet das Rückenmark das Gehirn mit dem peripheren Nervensystem. Eine Schädigung an dieser Stelle führt dazu, dass Informationen nicht mehr korrekt weitergeleitet werden.
Eine besondere und häufige Form ist die Transverse Myelitis (Querschnittsmyelitis). Hierbei ist der gesamte Querschnitt des Rückenmarks auf einer bestimmten Höhe entzündet, was zu Symptomen führt, die einem Querschnittsyndrom ähneln, obwohl keine mechanische Verletzung vorliegt.

Akute Myelitis der Brustwirbelsäule: Die rötliche Schwellung und Läsion des Rückenmarks können die Nervensignale unterbrechen, was zu typischen Symptomen wie Lähmungen und Sensibilitätsstörungen führt.
Ursachen: Wie entsteht die Entzündung?
Die Auslöser einer Myelitis sind komplex und werden in verschiedene Kategorien unterteilt:
- Infektiöse Ursachen Viren, Bakterien oder Pilze können das Rückenmark direkt befallen oder eine überschießende Immunreaktion auslösen. Häufige Erreger sind Herpesviren (z. B. Varizella-Zoster), Enteroviren, das HI-Virus oder Bakterien wie Borrelien (Lyme-Borreliose) und Treponema pallidum (Syphilis).
- Autoimmunerkrankungen In vielen Fällen richtet sich das Immunsystem fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe.
- Multiple Sklerose (MS): Eine Myelitis ist oft der erste Schub oder ein Begleitsymptom einer MS.
- Neuromyelitis optica (NMO): Eine seltene Erkrankung, die gezielt den Sehnerv und das Rückenmark angreift.
- Systemischer Lupus erythematodes: Eine rheumatische Erkrankung, die ebenfalls das Nervensystem befallen kann.
- Idiopathische Myelitis: Bei einem Teil der Patienten lässt sich trotz ausführlicher Diagnostik keine spezifische Ursache finden. Man geht davon aus, dass es sich oft um eine postinfektiöse Immunreaktion handelt, bei der ein vorangegangener, harmloser Infekt das Immunsystem fehlgeleitet hat.
Symptome: Warnsignale des Körpers
Die Symptome hängen stark davon ab, welcher Bereich des Rückenmarks betroffen ist. Sie können sich innerhalb von Stunden oder Tagen entwickeln. Zu den Leitsymptomen gehören:
- Motorische Ausfälle: Dies beginnt oft mit einer Schwäche in den Beinen (Paraparese) und kann bis zu einer vollständigen Lähmung führen. Sind Halswirbel betroffen, können auch die Arme beeinträchtigt sein.
- Sensibilitätsstörungen: Patienten berichten oft von Taubheitsgefühlen, Kribbeln („Ameisenlaufen“), Brennen oder einem Gefühl, als ob der Rumpf fest eingeschnürt wäre (Gürtelgefühl).
- Vegetative Störungen: Sehr häufig kommt es zu einer Dysfunktion von Blase und Darm. Dies kann sich als Harnverhalt, Inkontinenz oder Verstopfung äußern. Auch sexuelle Funktionsstörungen sind möglich.
- Schmerzen: Viele Betroffene leiden unter stechenden Rückenschmerzen auf Höhe der Entzündung oder unter Nervenschmerzen, die in Arme und Beine ausstrahlen.
Diagnostik: Den Entzündungsherd finden
Bei Verdacht auf eine Myelitis ist Eile geboten. Der Neurologe wird zunächst eine klinische Untersuchung durchführen, um die Höhe der Schädigung einzugrenzen.
Das wichtigste diagnostische Instrument ist die Magnetresonanztomographie (MRT). Mit Kontrastmittel lassen sich entzündliche Herde im Rückenmark und oft auch im Gehirn sichtbar machen. Dies hilft auch, andere Ursachen wie Tumore oder Bandscheibenvorfälle auszuschließen.
Ergänzend wird fast immer eine Lumbarpunktion durchgeführt. Dabei wird Nervenwasser (Liquor) aus dem Wirbelkanal entnommen. Im Labor wird dieses auf Entzündungszellen, Eiweißgehalt und spezifische Antikörper (oligoklonale Banden) untersucht, was Hinweise auf MS oder Infektionen liefert. Blutuntersuchungen helfen zudem, spezifische Antikörper (z. B. Aquaporin-4 bei NMO) nachzuweisen.
Therapie und Rehabilitation
Die Behandlung der Myelitis zielt darauf ab, die Entzündung so schnell wie möglich zu stoppen und die Nervenfunktion wiederherzustellen.
Akuttherapie In der akuten Phase, besonders wenn keine infektiöse Ursache vorliegt, ist die hochdosierte Gabe von Kortikosteroiden (Kortison) über die Vene (Stoßtherapie) der Standard. Das Kortison wirkt stark entzündungshemmend und abschwellend.
Zeigt das Kortison keine ausreichende Wirkung, kommt oft eine Plasmapherese (Blutwäsche) oder eine Immunadsorption zum Einsatz. Dabei werden schädliche Antikörper und Entzündungsfaktoren aus dem Blut gefiltert. Bei infektiöser Ursache werden stattdessen gezielt Virostatika oder Antibiotika verabreicht.
Rehabilitation Nach der Akutphase ist eine langfristige Rehabilitation entscheidend. Da sich Nervengewebe nur langsam erholt, benötigen Patienten Geduld. Physiotherapie hilft gegen Lähmungen und Spastik, Ergotherapie unterstützt die Rückkehr in den Alltag, und logopädische Maßnahmen können bei seltenen Schluckstörungen helfen. Medikamente können zusätzlich gegen neuropathische Schmerzen oder Blasenstörungen eingesetzt werden.
FAQ: Die 8 wichtigsten Fragen zur Myelitis
Was ist der Unterschied zwischen Myelitis und Transverser Myelitis?
Myelitis ist der Überbegriff für jede Entzündung des Rückenmarks. Die Transverse Myelitis ist eine spezifische Form, bei der die Entzündung den gesamten Querschnitt des Rückenmarks auf einer bestimmten Ebene betrifft. Dies führt dazu, dass die Funktionen (Motorik, Sensorik) unterhalb dieser Ebene auf beiden Körperseiten gestört sind.
Ist eine Myelitis heilbar?
Die Prognose ist variabel. Etwa ein Drittel der Patienten mit idiopathischer Transverser Myelitis erholt sich vollständig. Ein weiteres Drittel behält moderate Einschränkungen (z. B. Gangunsicherheit, Harndrang) zurück, während das letzte Drittel mit dauerhaften, schweren Behinderungen leben muss. Eine frühzeitige Therapie verbessert die Heilungschancen erheblich.
Kann eine Myelitis ansteckend sein?
Die Myelitis selbst ist nicht ansteckend. Sie ist eine Entzündungsreaktion im Körperinneren. Wenn die Myelitis jedoch durch einen Virus (wie Enteroviren oder Polio) verursacht wurde, kann der Erreger selbst ansteckend sein, führt aber bei anderen Personen nicht zwingend ebenfalls zu einer Myelitis.
Wie unterscheidet man Myelitis von Multipler Sklerose?
Eine Myelitis ist oft ein Symptom oder ein "Schub" im Rahmen einer Multiplen Sklerose (MS). Tritt die Myelitis einmalig auf und finden sich im MRT des Gehirns keine weiteren Herde, spricht man von einer isolierten Myelitis. Finden sich jedoch auch im Gehirn Läsionen oder treten wiederholt Entzündungen auf, ist die Diagnose MS wahrscheinlicher.
Wie lange dauert ein Schub einer Myelitis?
Die akute Phase mit der stärksten Entzündung dauert meist einige Tage bis Wochen. Die Erholungsphase beginnt oft nach 2 bis 12 Wochen und kann sich über bis zu zwei Jahre hinziehen. Die schnellsten Fortschritte werden meist in den ersten drei bis sechs Monaten nach Beginn der Therapie gemacht.
Welche Spätfolgen können auftreten?
Zu den häufigsten Spätfolgen gehören eine dauerhafte Spastik (Muskelsteifigkeit), chronische neuropathische Schmerzen, Blasen- und Darmfunktionsstörungen sowie sexuelle Dysfunktionen. Auch eine rasche Ermüdbarkeit (Fatigue) kann bestehen bleiben.
Kann Impfen eine Myelitis auslösen?
Es gibt sehr seltene Berichte über Myelitis-Fälle nach Impfungen. Experten gehen jedoch davon aus, dass das Risiko einer Myelitis durch die natürliche Infektion (gegen die geimpft wird) weitaus höher ist als das extrem geringe Risiko einer Impfnebenwirkung. Meist handelt es sich um eine fehlgeleitete Immunantwort.
Welcher Arzt behandelt eine Myelitis?
Der richtige Ansprechpartner ist der Facharzt für Neurologie (Neurologe). Im Akutfall sollte immer eine Klinik mit neurologischer Abteilung aufgesucht werden. Für die Nachsorge sind zudem Reha-Mediziner, Physiotherapeuten und Urologen (bei Blasenproblemen) wichtig.

