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Erkrankung · Psychiatrie

Essstörungen (Eating Disorders): Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge Eating Disorder und Essstörungen bei Kindern

Susanne_Schmieder.jpgMedizinische FachautorinMag. Susanne SchmiederStand: ICD-10: F50

Kurzübersicht — das Wichtigste zuerst

Essstörungen zählen zur Gruppe der psychosomatischen Erkrankungen und gehen mit einer gestörten Beziehung zum Essen sowie zum eigenen Körper einher. Die häufigsten Formen sind Magersucht (Anorexia Nervosa), Bulimie (Bulimia Nervosa) und die Binge-Eating-Störung. Unbehandelt können sie mit ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden einhergehen. Deshalb ist eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung entscheidend für die Prognose. Die Therapie erfolgt je nach Schweregrad ambulant oder stationär und kombiniert in der Regel Psychotherapie mit einer begleitenden Ernährungstherapie.

Essstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen und betreffen zunehmend auch jüngere Kinder. Die gestörte Beziehung zum Essen und zum eigenen Körper kann unbehandelt schwerwiegende körperliche und seelische Folgen nach sich ziehen. Gleichzeitig bestehen bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung gute Chancen auf Heilung. 

Hier erfahren Sie welche Formen von Esstörungen es gibt, woran Sie erste Warnzeichen erkennen und welche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Was sind Esstörungen? Formen von Essstörungen

Essstörungen (ICD-10: F50) sind psychische Erkrankungen, bei denen sich das Essverhalten dauerhaft verändert hat und nicht mehr der Deckung des Hungers dient, sondern zunehmend zur Bewältigung innerer Konflikte eingesetzt wird. Betroffene beschäftigen sich gedanklich fast ständig mit Nahrung, Körpergewicht und der eigenen Figur. Mit dem Essen sind häufig zwanghafte Verhaltensweisen verbunden, die sich nur schwer selbstständig durchbrechen lassen.

Je nach Symptomatik werden im Wesentlichen drei Hauptformen von Essstörungen unterschieden: Magersucht, Bulimie und die Binge-Eating-Störung. Daneben gibt es Mischformen, bei denen Betroffene Merkmale unterschiedlicher Krankheitsbilder aufweisen, etwa eine atypische Bulimie oder atypische Magersucht.

Eine weitere, seltenere Form sist das Pica-Syndrom, das vor allem bei Menschen mit Entwicklungsverzögerungen, geistigen Behinderungen oder Demenz auftritt und durch die Aufnahme nicht essbarer Substanzen wie Erde oder Papier gekennzeichnet ist.

Das zentrale Merkmal der Magersucht ist ein krankhaftes Bedürfnis, das eigene Körpergewicht immer weiter zu verringern, verbunden mit einer ausgeprägten Angst vor Gewichtszunahme. Bei der Bulimia Nervosa, umgangssprachlich auch Ess-Brech-Sucht genannt, haben Betroffene meist ein normales Gewicht, neigen jedoch zu Gewichtsschankungen und wiederkehrenden Essattacken mit anschließendem Erbrechen. Bei der Binge-Eating-Störung treten ebenfalls wiederkehrende Essanfälle auf, ohne dass die Betroffenen anschließend gegensteuernde Maßnahmen wie Erbrechen oder Abführmittel einsetzen, was langfristig zu Übergewicht und Adipositas beitragen kann.

Ursachen und Risikofaktoren für die Entstehung von Essstörungen

Essstörungen entstehen meist durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Psychische Belastungen, ein geringes Selbstwertgefühl, familiäre Konflikte sowie gesellschaftlicher Druck durch ein bestimmtes Schönheitsideal spielen bei der Entstehung von Essstörungen häufig eine Rolle. Auch biologische und genetische Faktoren werden diskutiert.

Bulimie
Bulimie zählt zu den Essstörungen @ Monkey Business /AdobeStock

Besonders Jugendliche und junge Erwachsene sind gefährdet, da in dieser Lebensphase Körperbild und Identität eine zentrale Rolle spielen.

Zunehmend zeigt sich das Problem aber auch bei jüngeren Kindern, weshalb Essstörungen bei Kindern in der Fachwelt verstärkt Beachtung finden.

Symptome für gestörtes Essverhalten

Die Symptome unterscheiden sich je nach Form der Essstörung, haben jedoch gemeinsame Grundzüge: ein gestörtes Essverhalten, eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers und häufig begleitende psychosomatische Beschwerden.

Je nach Symptome lassen sich drei Hauptformen von Essstörungen unterscheiden:

  • Magersucht
  • Bulimie und
  • Binge-Eating-Syndrom

Das wichtigste Merkmal der Magersucht (Anorexia nervosa) ist ein krankhaftes Bedürfnis, das Gewicht zu verringern. Betroffene verspüren eine nahezu panische Angst vor Gewichtszunahme.

Deshalb versuchen sie, dem Körper so wenig Nahrung wie möglich zu geben. Außerdem achten sie darauf, dass die Nahrung kaum Kalorien enthält. Viele Patienten strengen sich zudem körperlich häufig und intensiv an, um ihren Energieverbrauch zu steigern.

Mit der Magersucht geht eine Körperschema-Störung einher. Dies führt dazu, dass sich Betroffene sogar mit extremem Untergewicht noch als zu dick empfinden.

Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) wiederum verfügen betroffene Personen meist über ein normales Gewicht, neigen aber zu Gewichtsschwankungen. Ein wesentliches Merkmal sind Essattacken und anschließendes Erbrechen. Außerdem greifen Patienten mit Essstörungen häufig unkontrolliert zu Abführmitteln.

Bei der Binge-Eating-Störung (Essattacken mit Kontrollverlust) leiden Patienten an Essattacken, die immer wieder auftreten. Bei dieser Verhaltensstörung verzichten die Betroffenen jedoch auf gewichtsreduzierende Maßnahmen. Sie verlieren das Gefühl für Sättigung und die Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme. Auch wenn die Essattacken nur von kurzer Dauer sind, kann deren Häufigkeit zu Fettleibigkeit, Adipositas, führen.

Darüber hinaus können Mischformen von Essstörungen auftreten. Dann weisen Betroffene Merkmale unterschiedlicher Krankheitsbilder auf.

Die Bezeichnung hierfür lautet beispielsweise:

  • atypische Bulimie oder
  • atypische Magersucht

Eine weitere Essstörung ist das Pica-Syndrom. Es kommt bei Patienten mit Entwicklungsstörungen, geistigen Behinderungen oder Demenz vor. Diese Menschen nehmen nicht-essbare Dinge zu sich, wie etwa Erde, Papierschnipsel oder Kot.

Wie viele Menschen sind von Magersucht oder Bulimie betroffen?

Essstörungen betreffen Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, wobei Mädchen und Frauen nach wie vor überproportional häufig erkranken.

Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten sind unter Kindern und Jugendlichen vergleichsweise häufig: Mehr als 20 Prozent der 11- bis 17-Jährigen zeigen auffällige Symptome, beispielsweise eine starke Unzufriedenheit mit Figur und Gewicht oder Heißhungeranfälle. Mädchen sind dabei fast doppelt so häufig betroffen wie Jungen. Ein auffälliges Screening bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine klinisch diagnostizierbare Essstörung vorliegt

Essstörungen bei Kindern

Essstörungen bei Kindern werden in der Praxis noch immer häufig übersehen, da gestörtes Essverhalten in jungen Jahren zunächst nicht zwingend als eigenständige Erkrankung wahrgenommen wird. Dabei zeigen sich erste Auffälligkeiten bereits im Grundschulalter, etwa ein zunehmend wählerisches oder restriktives Essverhalten, Sorgen um das eigene Körpergewicht oder ein auffälliges Vermeiden bestimmter Mahlzeiten. Da Kinder ihre Gedanken und Ängste rund um Essen und Körper nicht klar benennen können, fallen entsprechende Anzeichen Eltern und Bezugspersonen häufig erst spät auf.

Ein früher Beginn der Erkrankung, insbesondere vor dem 11. Lebensjahr, gilt als ungünstiger Faktor für den weiteren Verlauf. Gleichzeitig befindet sich der kindliche Organismus noch mitten im Wachstum, weshalb Mangelerscheinungen und ein anhaltendes Untergewicht hier besonders schwerwiegende Folgen für die körperliche Entwicklung haben können. Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie kinder- und jugendspsychiatrische Fachstellen spielen daher eine zentrale Rolle dabei, Essstörungen bei Kindern frühzeitig zu erkennen und eine altersgerechte Behandlung einzuleiten, bei der in der Regel auch die Familie eng mit eingebunden wird.

Wie erfolgt die Diagnose bei Essstörungen?

Der Arzt stellt die Diagnose nach der Anamnese und der körperlichen Untersuchung der Patienten.

Unter- und Übergewicht sowie Adipositas bewertet er nach dem Body-Mass-Index (BMI). Der BMI gibt die Relation zwischen Körpergewicht und Körpergröße eines Menschen an.

Im Fall einer Magersucht liegt das Körpergewicht mindestens 15 % unter dem Normalgewicht. Bei Mädchen oder Frauen bleibt häufig die Menstruation aus, es kann zu Haarausfall und Zahnschäden kommen.

Für die Diagnose einer Bulimie müssen die Essattacken über mindestens drei Monate hinweg mindestens zweimal wöchentlich auftreten. Darüber hinaus sind Herz- und Kreislaufstörungen, Nierenerkrankungen und Magen-Darm-Erkrankungen möglich. 

Für die Binge-Eating-Störung sind auf jeden Fall drei der folgenden fünf Merkmale erforderlich:

  • Essen ohne Hungergefühl
  • übermäßig schnelles Essen
  • Essen bis zum Eintreten eines Völlegefühls
  • aus Schuldgefühlen alleine essen
  • Emotionen wie Depressionen, Ekel oder Scham nach den Essanfällen

Der Münchener Verein ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen bietet einen Test zur Selbsteinschätzung des Essverhaltens. Bitte beachten Sie: Ein Selbsttest gibt Ihnen eine grobe Orientierung. Er kann in keinem Fall einen Arztbesuch ersetzen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Psychotherapie, Hilfe zur Selbsthilfe, Beratungsstellen für Betroffene und Angehörige

Die Therapie der Essstörungen basiert auf den beiden Säulen:

Psychotherapie
Psychotherapeutie hilft bei der Aufarbeitung von psychischen und sozialen Hintergründe @ WavebreakmediaMicro /AdobeStock

Sie kann sowohl ambulant als auch stationär erfolgen. In besonders schweren Fällen besteht die Möglichkeit einer längerfristigen Behandlung in therapeutischen Wohngruppen.

Hauptziele der Therapie:

  • Erlernen eines normalen Essverhaltens
  • Stabilisierung des Körpergewichts
  • Wiederherstellung eines positiven Körperbildes
  • Entwicklung eines normalen Hunger- und Sättigungsgefühls
  • Wiedererlangen von Freude und Genuss am Essen

Im Rahmen der Psychotherapie steht die Behandlung der Symptome des abnormalen Essverhaltens im Vordergrund. Dazu zählen in erster Linie Hungern, Erbrechen, Essattacken sowie mangelndes Selbstwertgefühl.

Soweit wie möglich sollen Therapeut und Patient die Ursachen für das gestörte Verhalten finden und das psychische Gleichgewicht wiederherstellen.

Zum Einsatz kommt neben der kognitiven Verhaltenstherapie auch die systemische Familientherapie. Betroffene sind dadurch in der Lage, selbst Verantwortung für ihr Essverhalten und ihr Körpergewicht zu übernehmen.

Die familienorientierte Behandlung ist vor allem für Jugendliche geeignet, die noch im Elternhaus leben. Hierbei ist es hilfreich, die gesamte Familie in die Lösung der durch die Essstörung verursachten Probleme einzubeziehen.

Die Ernährungstherapie hat zum Ziel, Betroffene über die Symptome und Folgen des gestörten Essverhaltens aufzuklären.

Darüber hinaus vermitteln Experten Kenntnisse über:

  • eine geordnete Struktur der Mahlzeiten
  • optimale Portionsgröße und
  • gesunde Lebensmittel

Ambulante Therapie

Die ambulante Behandlung erfolgt mehrmals pro Woche bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten.

Folgende Bedingungen sollten erfüllt sein:

  • der BMI liegt über 15
  • regelmäßige Gewichtszunahme bei Untergewicht
  • keine beträchtlichen bulimischen Symptome (beispielsweise drastische Essanfälle, häufiges Erbrechen, starker Missbrauch von Abführmitteln)
  • Einsicht und Motivation zur Veränderung des Essverhaltens erkennbar
  • keine Suizidgefahr
  • intaktes soziales Umfeld

Regionale Selbsthilfegruppen bieten zusätzliche Unterstützung für Betroffene. Achten Sie unbedingt darauf, dass eine geeignete Person die Treffen moderiert.

Qualifizierte Gruppenleiter können Betroffene sein, die sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt haben und stabil sind. Außerdem existieren professionell begleitete Gruppen. Diese leiten Sozialpädagogen oder Psychotherapeuten.

Stationäre Therapie

Die stationäre Behandlung ist bei sehr schweren sowie besonders langen Essstörungen indiziert und kommt unter folgenden Bedingungen in Betracht:

  • der BMI liegt unter 15
  • schneller Gewichtsverlust, der zudem länger anhält
  • beträchtliche bulimische Symptome (beispielsweise drastische Essanfälle und häufiges Erbrechen, starker Missbrauch von Abführmitteln)
  • Suizidgefahr
  • kein intaktes soziales Umfeld
  • erfolglos gebliebene ambulante Therapie

Für Patienten mit Magersucht ist eine stationäre Behandlung häufig notwendig, da die Gewichtsabnahme mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist.

Digitale Technik in der Therapie

Namhafte Experten aus der Wissenschaft haben sich in der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS e.V.) zusammengeschlossen. Sie erforschen unter anderem internetbasierte Therapieangebote.

Diese dienen unter anderem zur Nachsorge nach einem stationären Aufenthalt. Auf der Website des Vereins finden Sie Informationen zum aktuellen Stand der Forschung.

Prognose und Heilungsverlauf bei Essstörungen

Vor allem für jüngere Patienten besteht bei frühzeitigem Therapiebeginn eine gute Chance auf Heilung. Sollten Sie oder ein Mitglied Ihrer Familie eine Essstörung haben, ist es wichtig, möglichst schnell ärztlichen Rat zu suchen.

Je früher die Behandlung beginnt, desto besser normalisiert sich das Gewicht und die Betroffenen erhalten wieder eine normale Lebenserwartung.

In einigen Fällen bleiben die Essstörungen jedoch auch unter Behandlung chronisch oder es kommt zu Rückfällen.

Die Aussichten auf Heilung sinken mit:

  • Beginn der Erkrankung vor dem 11. Lebensjahr
  • niedrigem Ausgangsgewicht und
  • langer Dauer der Essstörung

Vor allem Patienten mit Magersucht sind von Austrocknung oder akutem Organversagen mit Todesfolgen bedroht.

Daher sollten Angehörige die Anzeichen für Essstörungen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt wahrnehmen und entsprechende Therapiemaßnahmen einleiten.

Häufige Fragen

Welche Essstörungen gibt es?

Die häufigsten Formen sind Magersucht (Anorexia Nervosa), Bulimie (Bulimia Nervosa) und die Binge-Eating-Störung. Daneben exisieren Mischformen sowie seltenere Erkrankungen wie das Pica-Syndrom.

Wie erkennt man eine beginnende Essstörung?

Warnzeichen sind unter anderem ein auffällig verändertes Essverhalten, starkes Untergewicht oder Gewichtsschwankungen, eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme, gedankliche Fixierung auf Essen und Körper sowie sozialer Rückzug.

Sind Essstörungen heilbar?

Ja, vor allem bei frühzeitigem Behandlungsbeginn bestehen gute Heilungschancen. Die Therapie kombiniert in der Regel Psychotherapie mit einer begleitenden Ernährungstherapie und erfolgte je nach Schweregrad ambulant oder stationär.

An wen können sich Betroffene und Angehörige bei Essstörungen wenden?

Erste Anlaufstellen sind Hausärztinnen und Hausärzte, spezialisierte Fachärzte, Beratungsstellen sowie Selbsthilfegruppen. 

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Über den Fachautor

Mag. Susanne Schmieder

Medizinische Fachautorin

Mag. Susanne Schmieder – medizinische Fachautorin: fundierte Fachbeiträge, Expertenwissen und medizinische Einblicke im Leading Medicine Guide.

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Quellen
  • Spitzer, N. (2016): Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen: Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer-Verlag.
  • Jacob, G. und Melchers, F. (2017): Ratgeber Schematherapie: Eigene Verhaltensmuster erkennen und verändern. Reihe „Fortschritte der Psychotherapie. Hogrefe-Verlag.
  • Sipos, V. & Schweiger, U. (2016): Therapie der Essstörung durch Emotionsregulation. 2.Auflage. Kohlhammer-Verlag.
  • Jacobi et. al. (2016): Anorexia und Bulimia nervosa: Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm. BELTZ-Verlag.

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