Die Chelattherapie ist ein medizinisches Behandlungsverfahren, bei dem sogenannte Chelatbildner bestimmte Metalle im Körper binden. Die entstandenen Komplexe können anschliessend ausgeschieden werden.
Etabliert ist die Chelattherapie vor allem bei bestimmten Metallvergiftungen und Metallüberladungen. Darüber hinaus wird sie teilweise auch komplementärmedizinisch eingesetzt, beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für solche Anwendungen ist die wissenschaftliche Evidenz jedoch begrenzt beziehungsweise widersprüchlich.
Welche Chelatbildner eingesetzt werden, hängt unter anderem vom betreffenden Metall und der jeweiligen medizinischen Indikation ab. Eine Chelattherapie sollte aufgrund möglicher schwerwiegender Nebenwirkungen unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.
Was ist die Chelattherapie?
Die Chelattherapie dient dazu, bestimmte Metalle im Körper chemisch zu binden und ihre Ausscheidung zu fördern. Die eingesetzten Wirkstoffe werden als Chelatbildner oder Chelatoren bezeichnet.
Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort „chele“ für Krebsschere ab. Ähnlich einer Schere können Chelatbildner Metallionen binden. Die dabei entstehenden Komplexe werden anschliessend, abhängig vom verwendeten Wirkstoff, vor allem über die Nieren oder den Darm ausgeschieden.
Welcher Chelatbildner zum Einsatz kommt, richtet sich nach dem jeweiligen Metall, der Art und Schwere der Belastung sowie dem Gesundheitszustand des Patienten. Zu den medizinisch eingesetzten Chelatbildnern gehören beispielsweise Calcium-Dinatrium-EDTA (CaNa₂EDTA), DMSA, DMPS, Dimercaprol, Deferoxamin und Penicillamin.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Substanzen: Nicht jeder Chelatbildner eignet sich für jedes Metall. Auch Dosierung, Verabreichungsform und mögliche Nebenwirkungen unterscheiden sich erheblich.
EDTA wird zur medizinischen Chelattherapie vor allem parenteral eingesetzt. Davon zu unterscheiden sind frei verkäufliche orale EDTA-Produkte, die beispielsweise zur „Entgiftung“ angeboten werden. Ihre Wirksamkeit für solche Anwendungen ist nicht ausreichend belegt.
Gründe für die Behandlung
Eine medizinisch etablierte Chelattherapie kommt insbesondere bei bestimmten Metallvergiftungen und Metallüberladungen infrage. Welcher Chelatbildner eingesetzt wird, hängt davon ab, welches Metall beteiligt ist und wie schwer die Belastung ausgeprägt ist.
Ein Beispiel ist eine behandlungsbedürftige Bleivergiftung. Hier können je nach Befund und Schweregrad unterschiedliche Chelatbildner eingesetzt werden. Auch bei Erkrankungen, bei denen sich bestimmte Metalle krankhaft im Körper anreichern, stehen spezielle Chelatbildner zur Verfügung.
Dazu gehört beispielsweise Morbus Wilson, eine seltene erbliche Erkrankung des Kupferstoffwechsels. Dabei kann sich überschüssiges Kupfer insbesondere in der Leber, im Gehirn und in weiteren Organen ablagern. Zur Behandlung werden unter anderem kupferbindende Medikamente eingesetzt.
Nicht jede nachgewiesene Metallbelastung erfordert jedoch automatisch eine Chelattherapie. Entscheidend sind unter anderem Art und Konzentration des Metalls, mögliche Beschwerden, die Expositionsquelle sowie weitere medizinische Befunde.
Chelattherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Der Einsatz von EDTA bei Arteriosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird seit Jahren untersucht und kontrovers diskutiert. Diese Anwendung ist von der etablierten Chelattherapie bei bestimmten Metallvergiftungen zu unterscheiden.
Die 2013 veröffentlichte TACT-Studie zeigte bei Patienten nach einem Herzinfarkt einen moderaten Vorteil für einen kombinierten kardiovaskulären Endpunkt. Eine nachfolgende grosse randomisierte Studie konnte diesen Nutzen jedoch nicht bestätigen.
In der 2024 veröffentlichten TACT2-Studie mit 959 Patienten mit Diabetes und vorausgegangenem Herzinfarkt senkte die EDTA-Chelattherapie zwar die Bleikonzentration im Blut deutlich. Kardiovaskuläre Ereignisse wurden gegenüber Placebo jedoch nicht signifikant reduziert.
Eine EDTA-Chelattherapie sollte deshalb nicht als Ersatz für etablierte Behandlungen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen angesehen werden.
Die Chelat-Bei der Chelattherapie binden spezielle Wirkstoffe bestimmte Metalle im Körper und fördern deren Ausscheidung @ TarikVision /AdobeStock
Ablauf der Chelattherapie
Vor einer Chelattherapie steht zunächst eine sorgfältige medizinische Diagnostik. Dazu gehören die Krankengeschichte, mögliche Expositionsquellen, Beschwerden und abhängig vom vermuteten Metall, geeignete Laboruntersuchungen.
Ob eine Chelattherapie notwendig ist und welcher Wirkstoff eingesetzt wird, richtet sich nach dem jeweiligen Befund. Auch die Art der Anwendung und die Behandlungsdauer unterscheiden sich je nach Chelatbildner und Indikation. Einige Wirkstoffe werden als Infusion oder Injektion verabreicht, andere können oral eingenommen werden.
Während der Behandlung können regelmässige Laboruntersuchungen notwendig sein. Dabei werden je nach eingesetztem Medikament beispielsweise Nieren- und Leberfunktion, Blutbild sowie Elektrolyte und Mineralstoffe kontrolliert.
Die Dauer einer Chelattherapie lässt sich nicht pauschal angeben. Sie hängt unter anderem vom verwendeten Chelatbildner, der Art und Schwere der Metallbelastung sowie vom individuellen Verlauf ab.
Komplikationen und Risiken der Chelattherapie
Eine Chelattherapie kann relevante Nebenwirkungen verursachen. Welche Risiken bestehen, hängt insbesondere vom verwendeten Chelatbildner, der Dosierung, der Art der Anwendung und bestehenden Erkrankungen ab.
Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören beispielsweise Übelkeit, Kopfschmerzen, Blutdruckveränderungen, Reaktionen an der Infusionsstelle sowie Veränderungen des Mineralstoff- und Elektrolythaushalts.
Einige Chelatbildner können insbesondere bei falscher Dosierung oder bei bestehenden Vorerkrankungen die Nierenfunktion beeinträchtigen. Auch ein ausgeprägter Abfall bestimmter Mineralstoffe im Blut kann gefährlich werden.
Deshalb können vor und während der Behandlung Kontrollen der Nieren- und Leberfunktion, des Blutbildes sowie der Elektrolyte und Mineralstoffe erforderlich sein. Gegenanzeigen und notwendige Kontrolluntersuchungen unterscheiden sich je nach eingesetztem Chelatbildner.
Eine Chelattherapie sollte nur nach sorgfältiger medizinischer Abklärung und unter fachkundiger ärztlicher Überwachung erfolgen.
Wie wirksam ist eine Chelattherapie?
Die Wirksamkeit einer Chelattherapie hängt entscheidend von der zugrunde liegenden Erkrankung und dem verwendeten Chelatbildner ab.
Bei bestimmten Metallvergiftungen ist die Chelattherapie eine etablierte medizinische Behandlung. Ziel ist es, die Belastung mit dem betreffenden Metall zu reduzieren und weitere toxische Schäden zu verhindern.
Davon zu unterscheiden sind Anwendungen ausserhalb etablierter Indikationen, beispielsweise bei Arteriosklerose oder zur allgemeinen „Entgiftung“. Für solche Anwendungen lässt sich aus der derzeitigen Studienlage kein allgemeiner gesundheitlicher Nutzen ableiten.
Fazit
Die Chelattherapie ist ein medizinisches Verfahren, mit dem bestimmte Metalle gebunden und deren Ausscheidung gefördert werden können. Bei ausgewählten Metallvergiftungen und Metallüberladungen ist der Einsatz bestimmter Chelatbildner etabliert.
Davon zu unterscheiden sind komplementärmedizinische Anwendungen, etwa bei Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder zur allgemeinen „Entgiftung“. Für diese Einsatzgebiete ist die wissenschaftliche Evidenz teilweise begrenzt oder widersprüchlich.
Die 2024 veröffentlichte TACT2-Studie konnte beispielsweise keinen signifikanten kardiovaskulären Nutzen einer EDTA-Chelattherapie bei Patienten mit Diabetes und vorausgegangenem Herzinfarkt nachweisen.
Eine Chelattherapie sollte daher nur bei sorgfältig geprüfter Indikation und unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.
Über den Fachautor
Sabine Schneider
Chefredakteurin
Sabine Schneider ist ausgebildete Medizinische Praxisassistentin und verfügt über langjährige praktische Erfahrung im medizinischen Umfeld.
Mehr über den Fachautor →Quellen
- World Health Organization (WHO): WHO guideline for clinical management of exposure to lead. 2021.
https://www.who.int/publications/i/item/9789240037045 - StatPearls / National Center for Biotechnology Information (NCBI Bookshelf): Antidotes.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK539884/ - National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Chelation for Coronary Heart Disease: What You Need To Know.
https://www.nccih.nih.gov/health/chelation-for-coronary-heart-disease-what-you-need-to-know - Lamas GA, Goertz C, Boineau R, et al.: Effect of Disodium EDTA Chelation Regimen on Cardiovascular Events in Patients With Previous Myocardial Infarction: The TACT Randomized Trial. JAMA. 2013;309(12):1241–1250.
https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/1672238 - Lamas GA, Anstrom KJ, Navas-Acien A, et al.: Edetate Disodium–Based Chelation for Patients With a Previous Myocardial Infarction and Diabetes: TACT2 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2024;332(10):794–803.
https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2822472 - National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Questions and Answers: The NIH Trials of EDTA Chelation Therapy for Coronary Heart Disease.
https://www.nccih.nih.gov/health/questions-and-answers-the-nih-trials-of-edta-chelation-therapy-for-coronary-heart-disease
