Die geriatrische Frührehabilitation (Frühreha oder Akutgeriatrie) ist ein Behandlungskonzept, bei dem medizinische Akutbehandlung und Rehabilitation gleichzeitig im Akutkrankenhaus stattfinden — nicht nacheinander. Der Patient ist noch im Krankenhaus, wird noch medizinisch behandelt, erhält aber parallel bereits ein strukturiertes Therapieprogramm.
Das Besondere: Dieses Modell existiert in dieser Form nur in Deutschland. Es ist im Abrechnungssystem verankert (OPS 8-550) und unterliegt klaren Qualitätskriterien:
- Mindestens 20 Therapieeinheiten pro Woche (je 30 Minuten) aus mindestens zwei Therapiebereichen.
- Behandlung durch ein interdisziplinäres Team unter Leitung eines Geriaters.
- Individueller Behandlungsplan innerhalb der ersten 24 Stunden nach Aufnahme.
- Wöchentliche Teamkonferenz zur Überprüfung und Anpassung der Therapieziele.
Das bedeutet in der Praxis: Kein Patient liegt untätig im Bett und wartet auf den Reha-Platz. Die Rehabilitation beginnt sofort.

Viele Patienten und Angehörige verwechseln die geriatrische Frührehabilitation — oft auch geriatrische Reha genannt — mit der Anschlussrehabilitation (AHB) oder der ambulanten Reha. Die Unterschiede sind jedoch grundlegend:
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Geriatrische Frühreha
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Anschlussreha (AHB)
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Ambulante Reha
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Zeitpunkt
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Während der Akutbehandlung
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Nach Abschluss der Akutphase
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Nach Entlassung
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Patient ist...
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Noch akut krank
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Medizinisch stabil und selbständig
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Weitgehend stabil
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Wo?
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Im Akutkrankenhaus
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In Reha-Klinik
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Ambulant / zuhause
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Dauer
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14–21 Tage
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3–4 Wochen
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Wochen bis Monate
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Team
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Geriater + interdisziplinäres Team
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Reha-Mediziner + Team
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Therapeuten + Hausarzt
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OPS-Code
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OPS 8-550
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Der entscheidende Punkt: In der Frühreha ist der Patient noch akut krank. Er braucht gleichzeitig noch akute medizinische Behandlung und Rehabilitation. Genau diese Kombination macht das deutsche Modell einzigartig — und besonders wirksam für ältere, multimorbide Patienten.
Die geriatrische Frührehabilitation richtet sich an ältere Patienten, die nach einem akuten Ereignis einen relevanten Funktionsverlust erlitten haben und intensive Betreuung benötigen. Typische Situationen:
→ Mehr zur Behandlung von Knochenbrüchen bei älteren Menschen finden Sie in unserem Beitrag zur Alterstraumatologie.
→ Speziell zum Oberschenkelhalsbruch: Ursachen, Operation und Rehabilitation.
Die Stärke der Frührehabilitation liegt nicht in einer einzelnen Person, sondern im Team. Jedes Teammitglied bringt eine eigene Perspektive ein:
- Geriater (Teamleitung): Koordiniert die Gesamtbehandlung, steuert Medikation und medizinische Therapie — auch im Sinne eines konsequenten Deprescribings — und leitet die Teambesprechungen.
- Physiotherapie: Mobilisation, Gangtraining, Gleichgewichtsübungen, Sturzprävention.
- Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten — Anziehen, Waschen, Essen, Kochen. Hilfsmittelberatung.
- Logopädie: Behandlung von Schluckstörungen (Dysphagie) und Sprach- oder Kommunikationsstörungen.
- Neuropsychologie: Kognitive Diagnostik, Gedächtnistraining, Delir-Monitoring.
- Sozialarbeit: Entlassungsplanung, Organisation von Pflegediensten, Pflegegrad-Antrag, Hilfsmittelversorgung.
- Pflege: Aktivierende Pflege — das bedeutet: Hilfe zur Selbsthilfe, nicht Übernahme aller Aufgaben.
Um Ihnen eine realistische Vorstellung zu geben, beschreibe ich einen typischen Frühreha-Verlauf nach einem Oberschenkelhalsbruch bei einer 82-jährigen Patientin:
Tag 1 — Assessment und erste Mobilisation: Umfassendes geriatrisches Assessment (Barthel, Tinetti, MMSE, GDS, MNA). Erste Mobilisation an die Bettkante. Medikamentenüberprüfung. Individueller Therapieplan wird erstellt.
Tag 2–3 — Stehen mit Unterstützung: Erste Stehversuche am Bett mit physiotherapeutischer Begleitung. Ergotherapie beginnt mit Selbstversorgungstraining (Waschen, Anziehen). Logopädie bei Schluckstörungen.
Tag 4–7 — Gehen mit Rollator: Erste Gehübungen auf dem Flur. Gleichgewichtstraining. Kognitive Stimulation. Teambesprechung: Therapieziele überprüfen und anpassen.
Tag 8–14 — Alltagstraining: Treppensteigen üben. Selbstständiges Waschen und Anziehen. Wohnraumanpassung planen. Sozialarbeit bereitet Entlassung vor.
Tag 14–21 — Entlassungsvorbereitung: Abschluss-Assessment: Barthel-Index vergleichen (Aufnahme vs. Entlassung). Hilfsmittel organisieren. Pflegedienst einweisen. Hausarzt informieren. Reha-Empfehlung aussprechen.
???? Der messbare Unterschied: Bei Aufnahme lag der Barthel-Index unserer Beispielpatientin bei 35 (hoher Hilfebedarf). Bei Entlassung nach zwei Wochen Frühreha bei 60 (weitgehend selbstständig im Alltag). Dieser Zugewinn von 25 Punkten bedeutet den Unterschied zwischen Pflegeheim und Zuhause.
In der Geriatrie messen wir Erfolg nicht anhand von Laborwerten, sondern anhand von Funktion. Das wichtigste Instrument:
Der Barthel-Index — gemessen bei Aufnahme und bei Entlassung. Die Differenz zeigt den funktionellen Zugewinn. In einfachen Worten:
- Barthel 0–30: Der Patient braucht bei fast allem Hilfe.
- Barthel 35–60: Teilweise selbstständig, braucht aber regelmäßig Unterstützung.
- Barthel 65–95: Weitgehend selbstständig im Alltag.
- Barthel 100: Vollständig selbstständig.
→ Welche Tests im geriatrischen Assessment genau durchgeführt werden, erfahren Sie in unserem Beitrag zum Geriatrischen Assessment.
Die Entlassung aus der Frühreha ist kein Ende, sondern ein Übergang. Wohin der Weg führt, hängt vom erreichten Funktionsniveau ab:
- Barthel 70 oder höher: Entlassung nach Hause, ggf. mit ambulanter Physiotherapie und Haushaltshilfe.
- Barthel 40–70: Ambulante Physiotherapie und Haushaltshilfe oder Kurzzeitpflege mit weiterer Therapie.
- Barthel unter 40: Weitere stationäre Versorgung, Pflegeeinrichtung oder intensivierte häusliche Pflege.
In jedem Fall wird ein Entlassungsbrief erstellt, der alle Befunde, Therapieempfehlungen und Anschlussmaßnahmen für den Hausarzt zusammenfasst.
Wenn Ihr Angehöriger nach einer Hüftfraktur, einem Schlaganfall oder einer schweren Erkrankung nicht mehr alleine aufstehen kann — fragen Sie den behandelnden Arzt gezielt nach einer geriatrischen Frührehabilitation. Auch wenn vor einer geplanten Operation bereits Einschränkungen in der Mobilität, Kognition oder Selbstversorgung bestehen, sollten Sie ein geriatrisches Assessment einfordern. Je früher die Frührehabilitation beginnt, desto höher sind die Chancen auf eine Rückkehr nach Hause. Achten Sie dabei auch auf Zeichen eines Frailty-Syndroms, da diese Patienten besonders von einer frühen Intervention profitieren.
Die Frührehabilitation ist Teamarbeit — und Sie als Angehörige sind Teil dieses Teams:
- Bringen Sie bequeme Schuhe, Brille und Hörgerät mit. Ohne sie kann Ihr Angehöriger nicht sicher mobilisiert werden — und das Risiko eines Delirs steigt.
- Besuchen Sie regelmäßig. Vertraute Gesichter reduzieren das Delir-Risiko und fördern die Motivation.
- Fragen Sie nach dem Therapieplan. Sie haben das Recht zu erfahren, welche Ziele gesetzt wurden und wie der Fortschritt ist.
- Beteiligen Sie sich an der Entlassungsplanung. Je früher Sie einbezogen werden, desto besser gelingt der Übergang nach Hause. Eine rechtzeitig erstellte Patientenverfügung kann dabei ebenfalls wichtige Orientierung geben.
- Ermutigen Sie, aber überfordern Sie nicht. Fortschritte brauchen Zeit. Feiern Sie kleine Erfolge: Das erste Mal alleine aufgestanden. Der erste Gang zum Waschbecken.
→ Warum Stürze bei älteren Menschen so häufig sind und wie man sie verhindern kann, erfahren Sie in unserem Beitrag zu Stürzen im Alter sowie in unserem Artikel zur Sturzprävention.