Das geriatrische Assessment — international als Comprehensive Geriatric Assessment (CGA) bekannt — ist eine umfassende geriatrische Untersuchung — ein mehrdimensionales diagnostisches Verfahren, das speziell für ältere Patienten mit komplexen gesundheitlichen Problemen entwickelt wurde — insbesondere für multimorbide Patienten, die an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden.
Der entscheidende Unterschied zur normalen ärztlichen Untersuchung:
- Es betrachtet nicht eine einzelne Erkrankung, sondern das Zusammenspiel aller Erkrankungen, Medikamente, Funktionseinschränkungen und sozialen Faktoren.
- Es verwendet standardisierte Tests — keine subjektiven Einschätzungen, sondern messbare Ergebnisse mit konkreten Schwellenwerten.
- Aus den Ergebnissen entsteht ein individueller Behandlungsplan, der alle Problembereiche berücksichtigt.
In der Geriatrie ist das Assessment nicht ein Zusatz — es ist das Fundament jeder Behandlung. Ohne ein Assessment können wir nicht beurteilen, was ein Patient braucht, was er verträgt und welche Ziele realistisch sind.

Ein geriatrisches Assessment deckt sieben zentrale Bereiche ab. Für jeden Bereich gibt es ein spezifisches, wissenschaftlich validiertes Testinstrument:
1. Alltagskompetenz — Barthel-Index
Der Barthel-Index ist das meistverwendete Instrument in der Geriatrie. Er misst, wie selbstständig Sie zehn grundlegende Alltagsaktivitäten bewältigen: Essen, Waschen, Anziehen, Toilettengang, Baden, Aufstehen, Gehen, Treppensteigen sowie Blasen- und Darmkontrolle.
Das Ergebnis liegt auf einer Skala von 0 bis 100: 100 Punkte bedeuten vollständige Selbstständigkeit. Unter 60 Punkte besteht ein erhöhter Hilfebedarf — und eine geriatrische Frührehabilitation kann indiziert sein.
2. Mobilität und Sturzrisiko — Tinetti-Test und Timed Up and Go
Der Tinetti-Test beurteilt Gleichgewicht und Gangbild in alltagsnahen Situationen: Aufstehen, Stehen mit geschlossenen Augen, Drehen, Hinsetzen. Maximal 28 Punkte. Ein Wert unter 19 zeigt ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko an.
Der Timed-Up-and-Go-Test (TUG) ist noch einfacher: Sie stehen von einem Stuhl auf, gehen drei Meter, drehen um und setzen sich wieder. Das Ganze wird gestoppt. Unter 14 Sekunden gilt als unauffällig. Über 20 Sekunden weist auf ein erhöhtes Sturzrisiko hin.
Dieser einfache Test dauert weniger als eine Minute — und sagt mehr über Ihr Sturzrisiko aus als viele aufwendige Untersuchungen.
3. Kognition — Mini-Mental-Status-Test (MMSE) und MoCA
Der Mini-Mental-Status-Test (MMSE) prüft in wenigen Minuten Orientierung, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Sprache und räumliches Denken. Maximal 30 Punkte. Ein Wert unter 24 gibt Hinweise auf eine kognitive Einschränkung — dann wird weiter abgeklärt.
Der Montreal Cognitive Assessment (MoCA) ist sensibler für leichte kognitive Störungen und wird zunehmend als Alternative eingesetzt, insbesondere wenn ein Verdacht auf eine Frühform der Demenz besteht.
→ Mehr zur Demenz-Diagnostik — vom Uhrentest bis zur Biomarker-Analyse — finden Sie in unserem Beitrag zur Demenz-Diagnostik.
4. Stimmung — Geriatrische Depressionsskala (GDS)
Die Geriatrische Depressionsskala umfasst 15 einfache Ja/Nein-Fragen, die speziell für ältere Menschen entwickelt wurden. Ein Wert von 6 oder mehr Punkten gibt einen Hinweis auf eine mögliche Depression im Alter. Das ist wichtig, weil Depression im Alter zu den am häufigsten übersehenen Diagnosen gehört — sie wird oft als ‚Alterserscheinung' abgetan. Zur Abgrenzung empfiehlt sich auch die Seite Demenz oder Depression?
→ Warum Depression im Alter so oft übersehen wird — und was dagegen hilft — erfahren Sie in unserem Artikel über Depression im Alter.
5. Ernährung — Mini Nutritional Assessment (MNA)
Das Mini Nutritional Assessment erfasst Ernährungszustand, Gewichtsverlauf, Appetit und Essverhalten. Ein Wert unter 17 Punkten zeigt eine manifeste Mangelernährung im Alter an — ein Problem, das bei 25 bis 30 Prozent aller hospitalisierten Senioren besteht und das Operationsrisiko, die Wundheilung und die Infektanfälligkeit erheblich beeinflusst.
6. Medikamentencheck
In der Geriatrie überprüfen wir systematisch alle Medikamente auf Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und potenziell ungeeignete Wirkstoffe. Dabei nutzen wir die PRISCUS-Liste — eine speziell für Deutschland entwickelte Negativliste von Medikamenten, die bei älteren Menschen vermieden werden sollten — sowie die FORTA-Klassifikation, die Medikamente nach ihrer Eignung für ältere Patienten bewertet.
→ Ausführliche Informationen zum Thema Polypharmazie und Deprescribing finden Sie in unseren Beiträgen zu Polypharmazie im Alter und Medikamente reduzieren (Deprescribing).
7. Soziale Situation
Wer lebt mit Ihnen? Wer unterstützt Sie im Alltag? Haben Sie eine Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung? Ist Ihre Wohnung barrierefrei? Diese Fragen sind kein Nebenschauplatz — sie entscheiden darüber, ob ein Patient nach dem Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause kann oder ob eine andere Versorgung organisiert werden muss.
Jeder Wert hat eine Konsequenz — nichts wird einfach abgeheftet. Das ist der entscheidende Unterschied des geriatrischen Assessments: Es produziert nicht nur Daten, sondern einen konkreten Behandlungsplan.
Beispiele:
- Barthel unter 60: Geriatrische Frührehabilitation kann indiziert sein, um die Alltagskompetenz wiederherzustellen.
- Tinetti unter 19 oder TUG über 20 Sekunden: Gezieltes Sturzpräventionsprogramm, Überprüfung der Medikation auf sturzfördernde Wirkstoffe, physiotherapeutisches Gleichgewichtstraining.
- MMSE unter 24: Weiterführende Demenz-Diagnostik, kognitive Stimulation, Anpassung der Medikation.
- GDS ab 6 Punkte: Verdacht auf Depression im Alter — weitere Abklärung und ggf. Therapieeinleitung.
- MNA unter 17: Ernährungsintervention, Trinknahrung, diätetische Beratung bei Mangelernährung im Alter.
- PRISCUS-Treffer: Medikament umstellen oder absetzen — Deprescribing einleiten, Alternativen prüfen.
Aus dem Gesamtbild aller Ergebnisse entsteht ein individueller geriatrischer Behandlungsplan — und genau das ist es, was die Geriatrie von anderen Fachgebieten unterscheidet: nicht die Behandlung einer Diagnose, sondern die Behandlung des ganzen Patienten.
→ Wie die geriatrische Frührehabilitation an die Assessment-Ergebnisse anknüpft, erfahren Sie in unserem Beitrag zur Geriatrischen Frührehabilitation.
Eine der wichtigsten Anwendungen des geriatrischen Assessments: die Einschätzung, ob ein älterer Patient eine geplante Operation verträgt.
Vor einem Gelenkersatz, einer Herzoperation oder einem anderen größeren Eingriff stellt sich bei älteren Patienten immer die Frage: ‚Bin ich fit genug für diese OP?' Die Antwort liefert nicht allein der Chirurg — sondern ein geriatrisches Assessment.
Wir prüfen:
- Frailty-Status: Wie belastbar ist der Patient insgesamt? Mehr zum Frailty-Syndrom.
- Delir-Risiko: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer postoperativen Verwirrtheit? Mehr zu Delir bei älteren Menschen und Delirprävention.
- Ernährungszustand: Mangelernährung erhöht das Komplikationsrisiko erheblich.
- Kognition: Kann der Patient die Reha-Maßnahmen nach der OP verstehen und umsetzen?
- Medikation: Gibt es Wechselwirkungen, die das OP-Risiko erhöhen? Stichwort Polypharmazie im Alter.
Die Ergebnisse fließen in die gemeinsame Entscheidung ein: Ist die OP sinnvoll? Muss der Patient vorher optimiert werden? Oder überwiegen die Risiken?
→ Ausführlich dazu: OP-Risiko im Alter — wie Ärzte vor einer Operation die Belastbarkeit prüfen.
→ Speziell zum Thema Hüftprothese: Hüft-TEP ab 80 — wie geriatrische Mitbehandlung das Risiko senkt.
Prüfen Sie sich selbst oder Ihren Angehörigen anhand dieser Checkliste:
- Alter über 70 Jahre und Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen
- Kürzlich gestürzt oder Angst vor Stürzen im Alter
- Zunehmende Vergesslichkeit oder Orientierungsprobleme — möglicher Hinweis auf leichte kognitive Störung (MCI)
- Ungewollter Gewichtsverlust in den letzten Monaten
- Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten täglich — Risiko einer Polypharmazie
- Geplante Operation — mehr dazu: OP-Risiko im Alter
- Zunehmende Schwierigkeiten im Alltag — Einkaufen, Kochen, Anziehen — mögliche Zeichen von Immobilität im Alter
- Zunehmende Antriebslosigkeit oder sozialer Rückzug
Wenn Sie sich oder Ihren Angehörigen in zwei oder mehr Punkten wiedererkennen, sprechen Sie Ihren Hausarzt auf ein geriatrisches Assessment an. Er kann eine Überweisung an eine Geriatrische Institutsambulanz (GIA), Tagesklinik oder Klinik veranlassen.
Diese geriatrische Untersuchung kann in verschiedenen Settings stattfinden:
- Im Akutkrankenhaus: Im Rahmen einer geriatrischen Frührehabilitation oder als Konsil bei stationären Patienten.
- In der geriatrischen Tagesklinik: Ambulant über einen oder mehrere Tage.
- In der geriatrischen Institutsambulanz (GIA): Als ambulante Untersuchung.
- Zuhause: In besonderen Fällen als hausärztlich veranlasstes Assessment.
Die Dauer beträgt in der Regel 45 bis 90 Minuten. Es ist kein einzelner Arzttermin, sondern eine Teamleistung: Geriater, Physiotherapie, Ergotherapie und Pflege arbeiten zusammen, um ein vollständiges Bild zu erstellen.
Die Wirksamkeit des geriatrischen Assessments ist durch hochwertige Studien belegt:
- Cochrane-Review 2017 (Ellis et al.): 29 randomisierte Studien mit 13.766 Patienten zeigten: Ältere Patienten, die ein CGA erhielten, waren signifikant häufiger am Leben und in ihrer eigenen Wohnung (RR 1,06). Die Wahrscheinlichkeit einer Pflegeheimeinweisung war um 20 Prozent reduziert (RR 0,80) — und das mit hoher Evidenzsicherheit.
- Umbrella-Review 2022 (Veronese et al., Age & Ageing): 31 systematische Reviews mit insgesamt 279.744 Patienten bestätigten: CGA reduziert Stürze um 49 Prozent, Dekubitus um 54 Prozent und Delirium bei Hüftfrakturen um 29 Prozent — jeweils mit hoher Evidenzsicherheit.
- Meta-Analyse 2025 (Hayes et al., JAGS): 22 Studien mit 7.219 Patienten zeigten, dass auch ambulantes (home-based) CGA die Alltagsfunktion, die Lebensqualität und die Patientenzufriedenheit verbessert.
In klaren Worten: Ein geriatrisches Assessment kann darüber entscheiden, ob Sie nach einer Erkrankung nach Hause zurückkehren — oder in ein Pflegeheim eingewiesen werden. Es ist eine der wenigen Maßnahmen in der Medizin, die nachweislich die Selbstständigkeit älterer Menschen schützt.