Ein Gelenkersatz (Endoprothese) ersetzt ein durch Verschleiß, Verletzung oder Fraktur zerstörtes Gelenk teilweise oder vollständig durch ein künstliches Gelenk aus Metall, Keramik und Kunststoff. Die am häufigsten ersetzten Gelenke bei älteren Menschen sind:
- Hüftgelenk: Die häufigste Endoprothese. Etwa 240.000 Hüft-TEPs pro Jahr in Deutschland.
- Kniegelenk: Etwa 175.000 Knie-TEPs pro Jahr. Technisch anspruchsvoller, mit längerer Rehabilitation.
- Schultergelenk: Rund 30.000 Schulterprothesen pro Jahr, zunehmend häufig.
- Sprunggelenk, Handgelenk, Fingergelenke: Seltener, bei spezifischen Indikationen.
Die primäre Ursache für den Gelenkersatz im Alter ist die Arthrose im Alter — der fortschreitende Verschleiß des Gelenkknorpels. Prävalenzdaten:
- Radiologische Knie-Arthrose: über 40 Prozent der Menschen über 65
- Symptomatische Knie-Arthrose: 15 bis 20 Prozent
- Hüft-Arthrose: etwa 10 Prozent im höheren Lebensalter
Hinzu kommen sekundäre Indikationen: Folgen früherer Frakturen, rheumatische Erkrankungen, Hüftkopfnekrosen und nach Oberschenkelhalsbrüchen. Bei älteren Patienten mit hüftnaher Fraktur ist die Endoprothetik oft der Standardansatz — entweder in Form einer Hemiarthroplastik oder einer Total-Endoprothese.
→ Zur Versorgung nach einem Sturz mit Hüftfraktur: Oberschenkelhalsbruch im Alter.

Die Indikation für einen Gelenkersatz ist nicht primär radiologisch — sie ist funktionell und biographisch. Der Entscheidungsrahmen lautet:
- Ist der Schmerz relevant?: Nachts, in Ruhe, in den letzten sechs Monaten zunehmend?
- Ist die Funktion eingeschränkt?: Welche Aktivitäten sind verloren gegangen? Welche will der Patient zurückgewinnen?
- Ist konservative Therapie ausgeschöpft?: Physiotherapie, Gewichtsreduktion, Analgesie, Hyaluronsäure-Infiltration?
- Ist der Patient belastbar genug?: Das ist die Schlüsselfrage für ältere Menschen — und die, die in der klassischen orthopädischen Bewertung zu kurz kommt. Mehr dazu unter OP-Risiko im Alter.
- Sind die Erwartungen realistisch?: Eine Prothese nimmt Schmerzen und verbessert Funktion. Sie macht nicht aus einem frailen 85-Jährigen wieder einen 60-Jährigen.
In der modernen Altersmedizin werden vor jedem elektiven größeren Eingriff bei Patienten über 70 fünf Dimensionen strukturiert erfasst. Diese Bewertung ist keine Bürokratie — sie ist die Grundlage für eine ehrliche Risiko-Nutzen-Abwägung. Das Instrument hierfür ist das geriatrische Assessment:
- Frailty-Status: Clinical Frailty Scale oder Fried-Phänotyp. Ab CFS 5 steigt das Komplikationsrisiko deutlich. Mehr dazu: Frailty-Syndrom.
- Kognition: Präoperative MMSE oder MoCA — Vorhersage für postoperatives Delir und POCD.
- Ernährungszustand: Mini Nutritional Assessment. Mangelernährung im Alter ist ein unabhängiger Risikofaktor für Wundheilungsstörungen und Infektionen.
- Medikamentenreview: Nach PRISCUS und FORTA — im Sinne eines gezielten Deprescribings. Gerade bei Gelenkersatz relevant: Gerinnungshemmer, Benzodiazepine, anticholinerge Substanzen.
- Soziale Situation: Wer unterstützt nach der Entlassung? Ist die Wohnung für die Nachbehandlung geeignet?
→ Zur detaillierten Einschätzung der Operabilität im Alter: OP-Risiko im Alter.
→ Zur Frailty-Bewertung: Frailty-Syndrom — Gebrechlichkeit im Alter verstehen.
Die Wochen zwischen Indikationsstellung und Operation sind kein Wartezimmer. Prehabilitation — die strukturierte Vorbereitung — kann die postoperative Erholung deutlich verbessern. Drei Bausteine sind besonders wirksam:
- Kraftaufbau: Progressives Widerstandstraining zwei bis vier Wochen vor dem Eingriff. Der Muskelaufbau vor der Operation zahlt sich in jedem postoperativen Schritt aus — insbesondere zur Vorbeugung von Sarkopenie.
- Ernährungsoptimierung: Proteinzufuhr 1,2 bis 1,5 g pro kg Körpergewicht. Bei Mangelernährung Trinknahrung und ernährungstherapeutische Beratung.
- Medikamentenanpassung: Potenziell riskante Substanzen vor dem Eingriff reduzieren oder absetzen — das geriatrische Medikationsreview ist ein präoperativer Baustein, keine Nachsorge.
Randomisierte Studien zeigen: Patienten mit strukturierter Prehabilitation vor Hüft- oder Knieprothese haben kürzere Liegedauern, weniger Komplikationen und erreichen ihr präoperatives Funktionsniveau schneller zurück. Die Investition von vier bis sechs Wochen lohnt sich.
Der eigentliche Eingriff dauert bei einer Hüft-TEP meist 60 bis 90 Minuten, bei einer Knie-TEP etwas länger. Moderne Anästhesieverfahren — regional oder in Kombination mit leichter Narkose — haben die Risiken deutlich reduziert.
Entscheidend für den Verlauf sind die ersten 72 Stunden:
- Mobilisation am ersten postoperativen Tag (Fast-Track-Konzept)
- Konsequente Schmerztherapie ohne Übermedikation mit Opioiden
- Delir-Screening durch Pflege und Ärzte
- Thromboseprophylaxe und Atemtherapie
- Ernährungsüberwachung und Flüssigkeitsmanagement
→ Was ein postoperatives Delir ist und wie es verhindert wird: Delir bei älteren Menschen.
Nach der Akutphase folgt typischerweise:
- Geriatrische Frührehabilitation: im Akutkrankenhaus, insbesondere bei multimorbiden Patienten mit komplexem Bedarf. Mehr dazu: Geriatrische Frührehabilitation.
- Anschlussrehabilitation (AHB): in einer spezialisierten Reha-Klinik, typischerweise drei Wochen.
- Ambulante Physiotherapie: über Wochen bis Monate zur weiteren Kräftigung und Gangschulung — besonders wichtig zur Vorbeugung von Stürzen im Alter.
Die Prognose ist in den meisten Fällen gut: Hüft-Endoprothesen haben eine Überlebenszeit von 90 bis 95 Prozent nach 15 Jahren, Knie-Endoprothesen ähnlich. Die Revisionsrate — also die Notwendigkeit einer erneuten Operation — liegt bei unter 1 Prozent pro Jahr.
→ Zur geriatrischen Frührehabilitation: Geriatrische Frührehabilitation.
→ Speziell zur Hüftprothese: Hüft-TEP ab 80.
→ Speziell zur Kniegelenkprothese: Knieprothese — was ältere Patienten wissen sollten.
Gelenkersatz ist eine orthopädische Leistung. Die Auswahl des Implantats, die operative Technik, die postoperative orthopädische Nachsorge — all das ist originäre orthopädische Kompetenz. Die Altersmedizin ergänzt diese Expertise um die Perspektive der Gesamtsituation des Patienten:
- Indikationsprüfung unter Berücksichtigung von Frailty und Lebenserwartung
- Optimierung der Ausgangslage (Ernährung, Medikamente, Grunderkrankungen)
- Delir-Prävention und postoperative Mitbetreuung
- Strukturierte Rehabilitationsplanung
- Sekundärprävention (Osteoporose, Sturzabklärung)
Gerade in spezialisierten Zentren wird diese Zusammenarbeit — häufig als Ortho-Geriatrie oder Alterstraumatologie bezeichnet — zum Standard. Leading Medicine Guide führt eine Vielzahl erfahrener Orthopäden und Unfallchirurgen, deren Profile bei komplexen Fragestellungen eine gute Ergänzung zur geriatrischen Einschätzung bieten.
→ Zur Gesamtperspektive der Alterstraumatologie: Alterstraumatologie — unfallchirurgische Versorgung im Alter.
Nicht jeder Gelenkersatz im Alter braucht eine geriatrische Mitbetreuung. Folgende Situationen sind jedoch klare Anlässe:
- Alter über 75 mit fünf oder mehr Dauermedikamenten — Stichwort Polypharmazie im Alter
- Vorbestehende kognitive Einschränkung oder Verdacht auf Demenz im Alter
- Zeichen von Frailty (Erschöpfung, Muskelschwäche, Gewichtsverlust)
- Wiederholte Stürze im Alter in den letzten zwölf Monaten
- Unklare Operabilität aus internistischer Perspektive
- Wunsch nach einer strukturierten Risiko-Nutzen-Bewertung jenseits des rein orthopädischen Blicks
→ Wie ein umfassendes geriatrisches Assessment abläuft: Geriatrisches Assessment.