Die Europäische Gesellschaft für Klinische Ernährung (ESPEN) definiert Mangelernährung im Alter nicht primär über das Körpergewicht, sondern über mehrere Dimensionen gleichzeitig. Die GLIM-Kriterien (Global Leadership Initiative on Malnutrition, 2019) verlangen für die Diagnose mindestens ein phenotypisches und ein ätiologisches Kriterium:
- Phenotypisch: Ungewollter Gewichtsverlust über 5 Prozent in drei Monaten oder über 10 Prozent in sechs Monaten, niedriger BMI (unter 20 bei Älteren), oder nachgewiesener Muskelmassenverlust.
- Ätiologisch: Reduzierte Nahrungsaufnahme oder erhöhter Bedarf durch Krankheit und Entzündung.
Das Ergebnis ist wichtig zu verstehen: Eine mangelernährte 75-Jährige kann bei normalem Gewicht deutliche Eiweißdefizite und Muskelverlust haben. Die klassische Sichtweise „schlank ist gut, dick ist schlecht" führt im Alter zu systematischen Fehldeutungen.

- Zuhause lebende Senioren: 5 bis 10 Prozent mangelernährt, 25 Prozent Risiko-Kategorie.
- Krankenhaus: 25 bis 30 Prozent der geriatrischen Patienten sind bei Aufnahme mangelernährt — viele davon werden während des Aufenthalts noch schlechter ernährt.
- Pflegeheim: 30 bis 40 Prozent der Bewohner.
- Nach Operationen: In den ersten Wochen postoperativ haben bis zu 60 Prozent der älteren Patienten ein Ernährungsdefizit — besonders relevant im Kontext des OP-Risikos im Alter.
- Dialysepatienten und Tumorpatienten: Gehören zu den höchsten Risikogruppen mit oft über 50 Prozent Prävalenz.
Die Gründe sind vielfältig und oft kumulativ:
Körperliche Gründe
- Nachlassendes Geruchs- und Geschmacksempfinden macht das Essen weniger attraktiv
- Zahnprobleme, schlecht sitzende Prothesen, Schluckstörungen
- Verlangsamte Magenentleerung und früheres Sättigungsgefühl
- Verminderte Fähigkeit, Hunger und Durst zu spüren
- Chronische Schmerzen, die Appetit und Kochlust reduzieren
- Erkrankungen mit erhöhtem Energiebedarf (COPD, Herzinsuffizienz im Alter, Tumore)
Medikamentöse Gründe
- Viele Medikamente verändern Geschmack oder Appetit — ein zentrales Thema bei Polypharmazie im Alter
- Anticholinergika trocknen den Mund aus
- Protonenpumpenhemmer stören die Vitamin-B12-Aufnahme
- Metformin kann Vitamin-B12-Mangel verursachen
- Bestimmte Antidepressiva reduzieren den Appetit
Psychische und soziale Gründe
- Depression im Alter — einer der stärksten Einzelfaktoren für Mangelernährung
- Einsamkeit — wer allein isst, isst weniger
- Kognitive Einschränkung bis Demenz im Alter — Essen wird vergessen, nicht mehr erkannt
- Armut — gesunde Lebensmittel können zu teuer werden
- Mobilitätseinschränkung — Einkaufen und Kochen werden mühsamer. Mehr dazu: Immobilität im Alter
- Trauer, Verlust, Umzug
Ärztliche und pflegerische Gründe
- Systematische Unterschätzung des Eiweißbedarfs im Alter
- Krankenhauskost, die für jüngere Patienten konzipiert ist
- Nüchternperioden vor Untersuchungen, die nicht nachgeholt werden
- Fehlende Anpassung an Schluckstörungen
→ Wie Polypharmazie im Alter Appetit und Nährstoffaufnahme beeinflussen kann.
→ Zur Rolle der Depression im Alter als Ernährungsbremse.
Die Evidenz ist eindeutig. Mangelernährung im Alter erhöht:
- Mortalität: Verdopplung der 1-Jahres-Sterblichkeit im Krankenhaus und in der Folge.
- Infektionsrisiko: Pneumonie im Alter, Wundinfektionen, Harnwegsinfekte.
- Wundheilungsstörungen: Verzögerte Heilung, erhöhtes Dekubitusrisiko.
- Komplikationen nach Operationen: Deutlich erhöhte Rate von Komplikationen in allen chirurgischen Disziplinen.
- Liegedauer: Im Schnitt 3 bis 7 Tage länger.
- Sarkopenie und Frailty: Die direkte biologische Verbindung — ohne ausreichend Eiweiß kein Muskel, ohne Muskel keine Funktion. Mehr dazu: Sarkopenie im Alter und Frailty-Syndrom.
- Krankenhauswiederaufnahmen: Deutlich erhöht in den drei Monaten nach Entlassung.
- Pflegeheimeinweisungen: Erhöhtes Risiko, die Selbstständigkeit zu verlieren.
- Gesamtkosten: Mangelernährung erhöht die Gesundheitskosten pro Patient erheblich.
→ Zur eng verbundenen Muskelabbauproblematik: Sarkopenie im Alter.
→ Zum übergeordneten Frailty-Syndrom.
Die strukturierte Ernährungsabklärung ist keine Kür, sondern Pflicht — besonders vor geplanten Operationen, bei Krankenhausaufnahme und in der hausärztlichen Betreuung multimorbider Patienten. Das Frailty-Screening schließt die Ernährungsbewertung standardmäßig mit ein.
Screening-Tests
- Mini Nutritional Assessment (MNA): Der Standard in der Altersmedizin. Erfasst Gewichtsverlauf, Appetit, BMI, Wadenumfang, Mobilität. Ein Screening-Wert unter 12 erfordert die Langform; unter 17 spricht für manifeste Mangelernährung.
- Nutritional Risk Screening (NRS-2002): Im Krankenhaus weit verbreitet. Erfasst Krankheitsschwere und Ernährungszustand.
- MUST (Malnutrition Universal Screening Tool): Besonders im ambulanten Bereich nützlich.
Diagnosesicherung nach GLIM-Kriterien
Bestätigung durch Kombination aus phenotypischen und ätiologischen Kriterien. Einbeziehung der Körperzusammensetzung (BIA, DXA) bei differenzierter Fragestellung.
Ursachenabklärung
- Ausführliche Ernährungsanamnese über mehrere Tage
- Mundhöhlen- und Zahnstatus, Schluckuntersuchung bei Verdacht
- Labor: Gesamteiweiß, Albumin, CRP, Transferrin, Vitamin B12, Folsäure, Vitamin D, Eisen, Ferritin, Zink, TSH
- Medikamentenreview auf appetitmindernde oder malabsorptive Wirkstoffe — strukturiert nach Deprescribing-Kriterien
- Depressions- und Kognitionsscreening
- Bei unklarem Gewichtsverlust Tumorsuche
???? Die einfachste klinische Frühwarnung: Gewichtsverlauf. Wenn ein älterer Angehöriger in drei Monaten mehr als 5 Prozent seines Körpergewichts verliert — ohne bewusste Diät — ist das nicht „abnehmen", sondern ein medizinischer Abklärungsgrund. Ein unerklärter Gewichtsverlust von 5 Kilogramm bei einer 70-kg-Patientin ist die Grenze.
1. Eiweißzufuhr optimieren
Die zentrale Zahl: 1,0 bis 1,2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht pro Tag für gesunde Ältere. Bei Krankheit, Heilung nach Operationen oder Mangelernährung 1,2 bis 1,5 g pro kg. Für eine 70-kg-Patientin also 70 bis 105 g täglich.
Wichtig sind nicht nur Gesamtmenge, sondern Verteilung und Qualität:
- 25 bis 30 g pro Hauptmahlzeit stimulieren die Muskelsynthese
- Tierisches Eiweiß (Fisch, Eier, mageres Fleisch, Milchprodukte) mit hohem Leucin-Anteil besonders wirksam
- Pflanzliche Kombinationen (Hülsenfrüchte plus Getreide) gut ergänzend
- Quark-, Hüttenkäse- und Joghurtprodukte als einfache Eiweißquellen
2. Energiezufuhr sichern
Bei Mangelernährung genügt Eiweiß nicht — der Gesamtkalorienbedarf muss gedeckt sein. 30 bis 35 kcal pro kg Körpergewicht pro Tag sind bei Älteren typisch, bei Krankheit mehr. Wer zu wenig Energie insgesamt aufnimmt, verbrennt zugeführtes Eiweiß für Energie — und kann keinen Muskel aufbauen.
3. Mikronährstoffe
- Vitamin D: Häufiger Mangel, Substitution bei nachgewiesenen Werten unter 50 nmol/l — besonders wichtig auch zur Prävention von Osteoporose im Alter.
- Vitamin B12: Besonders bei Protonenpumpenhemmer- oder Metformin-Einnahme.
- Folsäure: Bei spezifischen Konstellationen.
- Eisen: Bei Anämie, aber nur bei nachgewiesenem Mangel.
- Zink: Bei Wundheilungsstörungen und rezidivierenden Infekten.
- Flüssigkeit: Trinkbedarf etwa 1,5 bis 2 Liter pro Tag, bei Hitze oder Diuretika mehr. Dehydrierung ist eine eigene klinische Kategorie und eng mit Mangelernährung verbunden.
4. Trinknahrung
Oral Nutritional Supplements (ONS) sind eine der am besten belegten Interventionen der Altersmedizin. Sie liefern pro Portion typischerweise 250 bis 400 kcal und 15 bis 20 g Eiweiß. Studien zeigen: Bei Patienten mit Mangelernährung oder Risiko reduziert Trinknahrung Mortalität, Komplikationen und Krankenhauswiederaufnahmen. Verschrieben wird sie auf Rezept und vom Arzt individuell dosiert.
5. Behandlung der Ursachen
- Depression im Alter erkennen und behandeln — oft der entscheidende Hebel
- Schluckstörungen diagnostizieren und anpassen (Konsistenzmodifikation, Logopädie) — häufig nach geriatrischer Frührehabilitation
- Zahnbehandlung, Prothesenanpassung
- Medikamentenreview auf appetit- oder absorptionsstörende Präparate — mehr dazu: Deprescribing
- Soziale Isolation angehen — gemeinsame Mahlzeiten, Essensdienste, Tagespflege
- Bei kognitiver Einschränkung: Strukturierte Mahlzeitenbegleitung, klare Präsentation
- Regelmäßig wiegen: Einmal monatlich genügt. Aufschreiben. Tendenzen sind aussagekräftiger als Einzelwerte.
- Essverhalten beobachten: Wie viel wird tatsächlich gegessen? Bleibt Essen liegen?
- Kleidung bemerken: Weiter werdende Hosen, lose sitzende Ringe — oft früher sichtbar als Zahlen auf der Waage.
- Gemeinsam essen: Wer mit anderen isst, isst mehr. Das ist keine Pädagogik, sondern Datenlage.
- Kleine Portionen, hohe Dichte: Vollfettstufe statt fettreduziert, Butter statt nichts, Sahne in Suppen.
- Eiweißreiche Zwischenmahlzeiten: Quark, Joghurt, Hüttenkäse, hartgekochte Eier.
- Ernährung nicht moralisieren: Nicht „gesund" gegen „ungesund" stellen. Für Ältere zählt zuerst die Menge und Dichte, dann die Komposition.
Anlässe für eine strukturierte Ernährungsabklärung:
- Ungewollter Gewichtsverlust über 5 Prozent in drei Monaten oder 10 Prozent in sechs Monaten
- Anhaltende Appetitlosigkeit über mehrere Wochen
- Sichtbare Muskelabnahme, Schwäche, Kraftverlust — mögliche Zeichen einer Sarkopenie
- Häufige Infekte, schlechte Wundheilung
- Vor geplanten größeren Operationen — relevant für das OP-Risiko im Alter
- Nach Krankenhausaufenthalt mit Funktionsverlust
- Bei Schluckstörungen oder Veränderungen beim Essen
Die erste Adresse ist der Hausarzt, der bei Bedarf an eine Ernährungstherapie, Logopädie oder Geriatrie überweist. Spezialisierte geriatrische Zentren arbeiten interdisziplinär mit Ernährungstherapeuten, die den Unterschied zwischen Ratgeber-Tipps und evidenzbasierter, individuell angepasster Ernährungstherapie erklären können.
→ Wie ein umfassendes geriatrisches Assessment die Ernährung strukturiert bewertet.