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Herzinsuffizienz im Alter — was die Altersmedizin anders denkt

07.05.2026
Naumche Matoski
Medizinischer Fachautor
Sie war 84 und kam seit zwei Jahren regelmäßig zur Aufnahme — immer wegen derselben Beschwerden. Luftnot beim Treppensteigen, geschwollene Beine, nachts nicht mehr flach liegen können. Die kardiologischen Befunde waren klar: fortgeschrittene Herzinsuffizienz mit reduzierter Pumpfunktion. Die Medikation lief nach Leitlinie — ACE-Hemmer, Betablocker, Diuretika, alles in optimierter Dosis.

Trotzdem stürzte sie zweimal, einmal mit Handgelenksfraktur. Die Nierenfunktion verschlechterte sich. Der Blutdruck war oft zu niedrig. Und der wichtigste Satz ihrer Tochter war: „Sie hat keine Kraft mehr. Nicht für das, was jetzt noch wichtig ist."

Als Geriater habe ich in solchen Situationen oft eine andere Frage als die, die kardiologische Leitlinien stellen. Nicht „Welche Therapie verlängert das Leben?", sondern: „Welche Therapie schützt das, was noch geht — und wann wird der Schutz zur Last?" Genau diese Neuausrichtung ist der Kern der geriatrischen Kardiologie.

Kurzübersicht:

Die Herzinsuffizienz ist die häufigste internistische Diagnose bei älteren Krankenhauspatienten in Deutschland — und gleichzeitig eine der klinischen Situationen, in denen sich die Geriatrie am deutlichsten von der reinen Organmedizin unterscheidet. Während kardiologische Leitlinien klare Behandlungsziele für jüngere Patienten definieren, muss bei älteren Patienten eine andere Abwägung getroffen werden: Symptomkontrolle und Lebensqualität werden oft wichtiger als prognostische Endpunkte. Rund 10 bis 20 Prozent der über 70-Jährigen sind betroffen, bei über 80-Jährigen sogar jeder Dritte. Die Fünfjahresmortalität nach Erstdiagnose liegt bei 50 Prozent — höher als bei vielen Tumorerkrankungen. Die moderne Therapie mit ACE-Hemmern, Betablockern, Mineralokortikoid-Antagonisten und den neueren SGLT2-Inhibitoren hat die Prognose verbessert, bringt aber bei fragilen Älteren besondere Herausforderungen: Stürze, Nierenversagen, Hypotonie, Elektrolytstörungen. Die Kunst der geriatrischen Herzinsuffizienztherapie liegt in der individuellen Abwägung. Dieser Artikel erklärt, worauf es ankommt — und warum bei Herzinsuffizienz am Lebensende Palliativmedizin nicht Widerspruch, sondern Ergänzung ist.

Artikelübersicht

Was ist eine Herzinsuffizienz?

Bei einer Herzinsuffizienz ist das Herz nicht mehr in der Lage über die Blutgefäße den Körper dauerhaft mit Blut zu versorgen. Die verminderte Pumpfunktion führt dazu, dass die Organe nicht mehr optimal mit Blut und Sauerstoff beliefert werden.

Es handelt sich um eine komplexe Herzerkrankung, die akut oder chronisch verlaufen kann. Die chronische Herzinsuffizienz entwickelt sich meist schleichend, während eine akute Herzinsuffizienz innerhalb kurzer Zeit auftritt und ein medizinischer Notfall sein kann.

Im Überblick: Die Herzinsuffizienz umfasst unterschiedliche Formen, Ursachen und Stadien. Sie kann die linke Herzkammer, die rechte Seite oder beide Herzkammern betreffen. Die Symptome und Therapie variieren je nach Ausprägung und Ursache. Besonders bei älteren Menschen ist die Herzinsuffizienz im Alter ein häufiges und ernstzunehmendes Krankheitsbild, das im Rahmen der Geriatrie und Altersmedizin besondere Beachtung verdient.

Herzinsuffizienz im Alter

Einteilung der Herzinsuffizienz

Mediziner unterteilen eine Herzinsuffizienz anhand verschiedener Merkmale in unterschiedliche Formen:

  • akut oder chronisch
  • Links- oder Rechtsherzinsuffizienz
  • systolische oder diastolische Herzinsuffizienz
  • anhand der Symptome in verschiedenen Schweregrade

Beginnt eine Herzschwäche plötzlich innerhalb weniger Stunden oder Tage, liegt eine akute Herzschwäche vor.

Anatomie des Herzens und der Herzklappen
Anatomie des menschlichen Herzens © bilderzwerg | AdobeStock

Chronisch ist die Herzschwäche, wenn sich die Erkrankung über Monate oder gar Jahre entwickelt.

Der Körper kann die verminderte Leistung des Herzens bei einer chronischen Herzschwäche bis zu einem gewissen Grad ausgleichen. So kann sich der Herzmuskel verdicken, um eine höhere Pumpleistung zu entwickeln. Auch eine erhöhte Herzschlagfrequenz kann eine Herzinsuffizienz kompensieren.

Patienten mit einer kompensierten Herzinsuffizienz haben häufig erst bei starker körperlicher Belastung Beschwerden. Dagegen treten bei der dekompensierten Herzschwäche bereits in Ruhe oder geringer körperlicher Belastung Symptome auf.

Ist für die Herzschwäche die linke Herzhälfte verantwortlich, besteht eine Linksherzinsuffizienz. Dann staut sich das Blut im Lungenkreislauf.

Bei der Rechtsherzinsuffizienz ist die rechte Herzhälfte von der Störung betroffen. Dadurch kommt es zu einem Blutstau im Körperkreislauf.

Die globale Herzinsuffizienz zeigt Beschwerden beider Formen.

Liegt eine verminderte Pumpfunktion des Herzmuskels vor, besteht eine systolische Herzinsuffizienz (Herzmuskelsschwäche). Füllt sich dagegen das Herz bei normaler Pumpleistung nicht ausreichend, spricht man von einer diastolischen Herzinsuffizienz.

Die New York Heart Association (NYHA) hat Kriterien zur Einteilung einer Herzschwäche in Stadien / Schweregrade entwickelt:

  1. Im Stadium I bestehen keine Beschwerden bei normaler körperlicher Belastung
  2. Im Stadium II bestehen leichte Beschwerden (Atemnot und Schwäche) bei normaler körperlicher Belastung sowie Leistungsminderung
  3. Im Stadium III besteht eine erhebliche Leistungsminderung bei gewöhnlicher körperlicher Belastung
  4. Im Stadium IV besteht bereits in Ruhe Atemnot

Ursachen und Risikofaktoren der Herzinsuffizienz

Die Ursachen einer Herzinsuffizienz sind vielfältig. Häufig liegt eine bereits bestehende Herzerkrankung zugrunde, die die Funktion des Herzmuskels dauerhaft beeinträchtigen kann.

Die häufigste Ursache ist die koronare Herzkrankheit (KHK). Sie ist oft Ursache für einen Herzinfarkt, bei dem das Herz wegen verengter Herzkranzgefäße nicht mehr ausreichend Sauerstoff erhält.

Bluthochdruck ist ebenfalls ein zentraler Risikofaktor. Hier muss das Herz eine höhere Leistung erbringen, was dem Körper auf Dauer nicht gelingt und kann auf Dauer zu einer Herzinsuffizienz führen.

Weitere Ursachen können auch folgende Erkrankungen sein:

Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht sind zusätzliche Faktoren, die diese Erkrankung verschlechtern können. Auch Vorhofflimmern im Alter ist ein häufiger Auslöser oder Verstärker einer Herzinsuffizienz bei älteren Patienten. Darüber hinaus können Begleiterkrankungen wie Diabetes im Alter das Risiko einer Herzinsuffizienz erhöhen und den Verlauf negativ beeinflussen. Ebenso kann ein bestehendes Frailty-Syndrom den Krankheitsverlauf erheblich verschlechtern.

Symptome der Herzinsuffizienz

Die Symptome einer Herzinsuffizienz sind abhängig von der Form der Herzinsuffizienz sowie vom Stadium der Erkrankung.

Typische Beschwerden der Linksherzinsuffizienz sind:

  • Husten und Atemnot sowie
  • Wasseransammlungen in der Lunge (Ödeme) oder Lungenödem

Bei der Rechtsherzinsuffizienz kommt es typischerweise zu Ödemen in den Geweben, insbesondere den Beinen und im Bauchraum. 

Auch Atemnot ist möglich. Im fortgeschrittenen Stadium treten Symptome wie schwere Atemnot bereits in Ruhe auf. Die Belastbarkeit ist vermindert, häufiges nächtliches Wasserlassen ist ebenfalls ein typisches Symptom.

Erste Anzeichen einer Herzinsuffizienz sind oft unspezifisch und werden daher spät erkannt. Zu den ersten Symptomen zählen schnelle Erschöpfung und Luftnot bei Belastung. Bei Seniorinnen und Senioren können diese Beschwerden mit einem allgemeinen Frailty-Syndrom oder Immobilität im Alter verwechselt werden, was die Diagnose erschwert.

Im fortgeschrittenen Stadium treten schwere Beschwerden bereits in Ruhe auf. Eine schwere Herzinsuffizienz kann lebensbedrohlich sein.

Die Einteilung erfolgt nach der New York Heart Association (NYHA) in vier Stadien, die den Grad der Einschränkung der Leistungsfähigkeit beschreiben.

Diagnostik der Herzinsuffizienz

Die Diagnose einer Herzinsuffizienz erfolgt in mehreren Schritten. Neben der Anamnese ist die körperliche Untersuchung ein wichtiger Bestandteil.

Zur weiterführenden Diagnostik gehören:

Bei der Echokardiographie (zeigt die Funktion der Herzkammer) erfolgt die Unterscheidung zwischen systolischer Herzinsuffizienz und diastolischer Insuffizienz, bzw. auch zwischen Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion und Herzinsuffizienz mit anhaltender Ejektionsfraktion.

Häufig liefert auch ein Röntgenbild Hinweise, z.B. auf Wassereinlagerungen in der Lunge oder ein vergrößertes Herz.

Bei geriatrischen Patienten empfiehlt sich zusätzlich ein geriatrisches Assessment, um den funktionellen Gesamtzustand und mögliche Begleiterkrankungen wie Sarkopenie oder Mangelernährung im Alter zu erfassen.

Ärztin führt ein Ruhe-EKG an einem Patienten durch
Eine Ärztin führt in Ruhe-EKG durch. Ein EKG zeichnet die Herzimpulse auf und zeigt krankhafte Veränderungen © Gennadiy Poznyakov / Fotolia

Therapie der Herzinsuffizienz

Eine Herzmuskelsschwäche ist nicht heilbar. Die Behandlung der Herzinsuffizienz zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern.

Die Behandlung einer Herzinsuffizienz ist individuell und hängt von der Ursache und der Schwere der Herzschwäche ab.

Häufig kommen je nach zugrundeliegender Erkrankung bestimmte Medikamente zum Einsatz:

  • ACE-Hemmer senken den Blutdruck
  • Betablocker beugen Herzrhythmusstörungen vor
  • Diuretika fördern die Wasserausscheidung und
  • Digitalis­präparate verbessern die Pumpkraft des Herzens

Wichtig für die medikamentöse Therapie ist die konsequente Einnahme der verordneten Medikamente durch Patientinnen und Patienten. Gerade bei älteren Menschen mit mehreren Vorerkrankungen ist dabei das Thema Polypharmazie im Alter zu beachten – eine zu hohe Anzahl gleichzeitig eingenommener Medikamente kann Wechselwirkungen verursachen und den Therapieerfolg gefährden. In solchen Fällen kann ein gezieltes Deprescribing sinnvoll sein.

Bei Patienten mit lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kann ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator (ICD) zum Einsatz kommen. Auch ein biventrikulärer Herzschrittmacher kann helfen, die Herzschwäche auszugleichen.

Wenn sich der Zustand trotz der medikamentösen und invasiven Herzinsuffizienz-Therapie weiter verschlechtert, kann eine Herztransplantation erforderlich werden. Bei älteren Patienten, bei denen eine Transplantation nicht infrage kommt, spielen Palliativmedizin im Alter und eine frühzeitig erstellte Patientenverfügung eine wichtige Rolle für die weitere Versorgungsplanung.

Verlauf und Prognose der Herzinsuffizienz

Der Verlauf der Herzinsuffizienz ist unterschiedlich und hängt stark vom Zeitpunkt der Diagnose und der konsequenten Therapie ab.

In frühen Stadien kann die Erkrankung oft stabil gehalten werden. Bei einer kompensierten Herzinsuffizienz treten Beschwerden meist nur unter Belastung auf. Ohne adäquate Behandlung kann sich die Erkrankung jedoch verschlechtern. Eine mögliche Folge einer Herzinsuffizienz sind schwere Einschränkungen in der Leistungsfähigkeit sowie Organschäden. Ältere Patienten sind besonders gefährdet, in der Folge eine Depression im Alter zu entwickeln oder eine Pneumonie im Alter zu erleiden. Um Stürzen und weiteren Folgeschäden vorzubeugen, ist eine begleitende Sturzprävention sowie eine frühzeitige geriatrische Frührehabilitation empfehlenswert.

Die Lebenserwartung bei Herzinsuffizienz hängt von vielen Faktoren ab, darunter Ursache, Schweregrad und Therapieerfolg.

Welche Fachärzte und Spezialkliniken behandeln die Herzinsuffizienz?

Spezialisten für Herzinsuffizienz sind Fachärzte für Kardiologie (Herzkrankheiten). Für eine weiterführende Diagnose oder spezifische Therapie der Herzschwäche kann es erforderlich sein, weitere Spezialisten hinzuzuziehen, wie:

  • Radiologen
  • Gefäß- und Herzchirurgen sowie
  • Transplantationsmediziner
  • Spezielle Kliniken für Herzinsuffizienz sind meist Kliniken für Kardiologie

Häufige Fragen

Was sind typische Symptome einer Herzinsuffizienz?

Zu den häufigsten Beschwerden zählen Atemnot, Husten, reduzierte Leistungsfähigkeit und Wassereinlagerungen. Diese Symptome können je nach Stadium variieren.

Wie wird eine Herzinsuffizienz diagnostiziert?

Die Diagnose einer Herzinsuffizienz erfolgt durch Anamnese, körperliche Untersuchung, EKG, Bildgebung und Laborwerte.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung der Herzinsuffizienz umfasst eine medikamentöse Therapie, technische Unterstützungssysteme und in schweren Fällen eine Herztransplantation.

Wie hoch ist die Lebenserwartung mit Herzinsuffizienz?

Die Lebenserwartung bei Herzinsuffizienz ist individuell und hängt von Verlauf, Therapie und Begleiterkrankungen ab.

Medizinisches Spektrum

Spezialisierungen

Quellen

  • McDonagh TA, Metra M, Adamo M et al. (2021): 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure. European Heart Journal. DOI: 10.1093/eurheartj/ehab368
  • Nationale Versorgungsleitlinie Chronische Herzinsuffizienz (NVL), aktuelle Fassung.
  • Pandey A, Kitzman D, Reeves G (2019): Frailty Is Intertwined With Heart Failure: Mechanisms, Prevalence, Prognosis, Assessment, and Management. JACC Heart Failure.
  • Sokoreli I, de Vries JJG, Pauws SC, Steyerberg EW (2016): Depression and anxiety as predictors of mortality among heart failure patients: systematic review and meta-analysis. Heart Failure Reviews.

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