Der klassische Präventionsansatz — „vermeiden Sie Gefahren" — funktioniert bei Stürzen im Alter nicht, weil er das Grundproblem missversteht. Stürze entstehen nicht nur durch äußere Gefahren, sondern aus einem Zusammenspiel von inneren Faktoren (Muskelkraft, Gleichgewicht, Medikamente, Kognition, Sehvermögen) und äußeren Faktoren (Wohnumfeld, Schuhwerk, Lichtverhältnisse).
Die Konsequenz: Wer nur das Wohnumfeld anpasst, aber die inneren Faktoren ignoriert, verhindert wenige Stürze. Wer nur Medikamente reduziert, aber nicht trainiert, übersieht den stärksten einzelnen Hebel. Erst die Kombination mehrerer Maßnahmen — multifaktorielle Intervention — erzielt die großen Effekte, die in den Cochrane-Reviews dokumentiert sind.
→ Zum Gesamtbild der Sturzursachen und zur ersten strukturierten Abklärung: Stürze im Alter.

1. Strukturiertes Kraft- und Gleichgewichtstraining
Der stärkste einzelne Hebel. Studien zeigen: Progressives Training, das sowohl Muskelkraft als auch Gleichgewicht adressiert, reduziert die Sturzrate um 30 bis 40 Prozent. Zwei Programme sind besonders gut untersucht:
- Otago Exercise Programme: Strukturiertes Heimübungsprogramm mit Kraft- und Gleichgewichtsübungen, dreimal pro Woche für 30 Minuten, plus täglich Gehen. Entwickelt in Neuseeland, umfangreich validiert.
- Tai Chi: Besonders wirksam bei Gleichgewicht und Sturzvermeidung. Studien zeigen Sturzreduktion bis 40 Prozent.
- Gruppenbasiertes Kraft- und Balance-Training: In spezialisierten Sportvereinen, Physiotherapiepraxen oder Sturzpräventionskursen der Krankenkassen.
Wichtig: Spazierengehen allein genügt nicht. Aerobes Training ist für Herz und Kreislauf wichtig, aber zur Sturzprävention braucht es gezieltes Gleichgewichts- und Krafttraining — idealerweise angeleitet, beginnend mit überschaubaren Übungen, dann progressiv gesteigert. Besonders bei gleichzeitig bestehender Immobilität im Alter ist ein strukturierter Einstieg mit physiotherapeutischer Begleitung empfehlenswert.
→ Zur Rolle der Muskelkraft im Alter: Sarkopenie — Muskelabbau erkennen und stoppen.
2. Systematische Medikationsüberprüfung
Der zweitwichtigste Hebel — und der am häufigsten übersehene. Studien zeigen: Das Absetzen oder Umstellen sturzrelevanter Medikamente reduziert die Sturzrate signifikant. Die Medikamente mit dem stärksten Risikoprofil:
- Benzodiazepine (Lorazepam, Diazepam, Oxazepam)
- Z-Substanzen als Dauermedikation (Zolpidem, Zopiclon)
- Trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Doxepin)
- Stark anticholinerge Substanzen
- Opioide, besonders bei Therapiebeginn und Dosisanpassung
- Aggressiv dosierte Antihypertensiva
- Diuretika bei Dehydrierungsgefahr
- Bestimmte SSRI
Die PRISCUS-Liste und die FORTA-Klassifikation bieten strukturierte Bewertungsgrundlagen. Ein Medikationsreview ist keine einmalige Aktion, sondern ein wiederkehrender Prozess — besonders nach jedem Sturz, jedem Krankenhausaufenthalt und jeder Medikationsänderung. Ältere Patienten mit vielen Dauermedikamenten sind besonders gefährdet; hier lohnt sich ein Blick auf das Thema Polypharmazie im Alter.
→ Wie Medikamentenreduktion strukturiert abläuft: Medikamente reduzieren — Deprescribing im Alter.
→ Zum Gesamtbild der Polypharmazie als Sturzursache: Polypharmazie im Alter.
3. Behandlung der orthostatischen Hypotonie
Der Blutdruckabfall beim Aufstehen ist eine häufige und unterdiagnostizierte Sturzursache. Die Behandlung ist oft einfach und hochwirksam:
- Überprüfung und Reduktion aggressiv dosierter Blutdruckmedikamente
- Ausreichend Flüssigkeit, besonders morgens
- Langsames Aufstehen mit einer Zwischenphase im Sitzen
- Kompressionsstrümpfe
- Bei schwerer Form: medikamentöse Therapie mit Midodrin oder Fludrocortison
4. Sehkraft optimieren
Kataraktoperationen reduzieren nachweislich das Sturzrisiko am operierten Auge um bis zu 30 Prozent. Auch eine aktuelle Brille und die Korrektur refraktiver Fehler tragen bei. Vorsicht bei Gleitsichtbrillen — sie können bei einigen Patienten das Sturzrisiko erhöhen, weil Entfernungen am Boden schlechter eingeschätzt werden. Eine Zweitbrille nur zum Gehen kann in diesen Fällen sinnvoll sein.
5. Wohnumfeldanpassung (in Kombination mit Training)
Für sich allein wirkt Wohnumfeldanpassung weniger stark als erwartet — ihre Wirkung entfaltet sich in Kombination mit den anderen Maßnahmen. Die wichtigsten Punkte:
- Haltegriffe im Bad, besonders bei Dusche und Toilette
- Rutschfeste Matten, auch in der Badewanne
- Ausreichende Beleuchtung, besonders nachts auf dem Weg zur Toilette
- Keine losen Teppiche oder Kabel
- Feste, geschlossene, gut sitzende Schuhe — auch in der Wohnung
- Toilettensitzerhöhung bei Hüft- oder Knieproblemen — besonders relevant nach Gelenkersatz im Alter
- Bettaufstehhilfe und Nachttischhöhe anpassen
- Treppengeländer beidseitig
6. Vitamin D bei nachgewiesenem Mangel
Vitamin-D-Substitution bei Mangel reduziert die Sturzrate moderat. Wichtig: bei nachgewiesenem Mangel. Hochdosisstudien ohne Mangel haben in manchen Fällen sogar ein erhöhtes Sturzrisiko gezeigt. Die Empfehlung lautet deshalb: Blutwert bestimmen, bei Mangel 800 bis 1.000 I. E. täglich, nicht pauschal bei allen Senioren. Ein Vitamin-D-Mangel steht auch in engem Zusammenhang mit Osteoporose im Alter — beide Probleme sollten gemeinsam adressiert werden.
7. Hüftprotektoren bei Hochrisikopatienten
Gepolsterte Hüftprotektoren können bei pflegebedürftigen oder institutionalisierten Senioren mit hohem Sturzrisiko die Rate hüftnaher Frakturen reduzieren — ein wichtiger Aspekt, da der Oberschenkelhalsbruch im Alter zu den folgenreichsten Sturzverletzungen zählt. Entscheidend ist die konsequente Anwendung — auch nachts, auch beim Toilettengang.
8. Geriatrisches Assessment und multifaktorielle Intervention
Der Rahmen, in dem die einzelnen Maßnahmen ihre Wirkung entfalten: eine strukturierte Erfassung aller Sturzrisikofaktoren und die individuelle Kombination der wirksamen Interventionen. Studien zeigen, dass multifaktorielle, individualisierte Programme nach geriatrischem Assessment die Sturzrate um 20 bis 30 Prozent senken. Ein ergänzendes Frailty-Screening hilft dabei, besonders gefährdete Patienten frühzeitig zu identifizieren.
→ Zum umfassenden geriatrischen Assessment: Geriatrisches Assessment.
Ebenso wichtig ist die Kenntnis der Maßnahmen, die trotz ihrer Popularität keine oder kaum Wirkung haben:
- Vitamin D ohne nachgewiesenen Mangel: Ohne Substitutionsindikation kein Nutzen, in Hochdosis sogar potenziell schädlich.
- Isolierte Wohnumfeldanpassung ohne Training: Deutlich weniger wirksam als in Kombination.
- Schuheinlagen und spezielle Schuhe allein: Ohne strukturierte Abklärung oft ohne Effekt.
- Magnesium, Kalzium, Multivitamine bei ausreichender Ernährung: Kein Sturzreduktionseffekt nachgewiesen. Bei echter Mangelernährung im Alter ist die Situation jedoch anders zu bewerten.
- Pauschale Gehhilfenempfehlung: Rollator oder Gehstock sind bei bestimmten Patienten hilfreich, bei anderen erhöhen sie das Risiko, wenn sie nicht korrekt angepasst und eingeübt werden.
- Bewegungseinschränkung aus Angst: Der kontraproduktivste Ansatz überhaupt. Wer sich weniger bewegt, verliert Kraft und Gleichgewicht — und stürzt dann schwerer. Dies begünstigt zudem das Frailty-Syndrom.
???? Die stärkste einzelne Empfehlung zur Sturzprävention ist nicht mehr Vorsicht — sondern mehr gezielte Bewegung. Wer zwei- bis dreimal pro Woche gezieltes Gleichgewichts- und Krafttraining macht, senkt sein Sturzrisiko deutlicher als durch jede Wohnumfeldanpassung.
Nach einem Sturz entwickeln viele ältere Menschen eine Angst vor weiteren Stürzen, die paradoxerweise das Risiko erhöht. Sie bewegen sich vorsichtiger, weniger, zögernder — und verlieren dadurch weiter an Muskelkraft und Gleichgewicht. Das Ergebnis ist ein selbsterfüllender Kreislauf. In der Geriatrie heißt dieses Syndrom „Fear of Falling" oder Post-Fall-Syndrom.
Die Behandlung ist nicht Beruhigung, sondern strukturiertes Training in geschütztem Rahmen — idealerweise in einem Sturzpräventionsprogramm mit psychologischer Begleitung. Die schrittweise Rückgewinnung von Bewegungsvertrauen ist Teil der Therapie. Bei begleitender depressiver Symptomatik sollte auch eine Depression im Alter als mögliche Ursache ausgeschlossen werden.
Zuhause lebende Senioren
Schwerpunkt: strukturiertes Heimtraining (Otago, Tai Chi), Medikationsreview durch Hausarzt oder Geriater, gezielte Wohnumfeldanpassung, Sehkraftoptimierung. Sturzpräventionskurse der Krankenkassen sind eine gute Einstiegsmöglichkeit.
Im Pflegeheim
Schwerpunkt: strukturierte Gruppenprogramme für Bewegung, Hüftprotektoren bei Hochrisikopatienten, Medikationsreview, strukturierte Mobilisation nach Tagesablauf. Die Heimleitung und der betreuende Hausarzt sind hier entscheidende Partner. Bei kognitiv eingeschränkten Bewohnern ist zudem auf eine konsequente Delirprävention zu achten, da Verwirrtheitszustände das Sturzrisiko erheblich erhöhen.
Nach einem Krankenhausaufenthalt
Schwerpunkt: strukturierte Frührehabilitation, Medikationscheck (neue Präparate aus dem Klinikaufenthalt), Sekundärprävention nach Sturz oder Fraktur (Osteoporosebehandlung, Abklärung der Sturzursache), Neu-Etablierung des häuslichen Sicherheitsumfelds.
→ Zur geriatrischen Frührehabilitation nach Sturz oder Fraktur: Geriatrische Frührehabilitation.
→ Zur Sekundärprävention nach osteoporotischer Fraktur: Osteoporose im Alter.
- Gemeinsam ein Sturzpräventionsprogramm suchen: Krankenkassen, Sportvereine, Volkshochschulen, Physiotherapiepraxen. Gemeinsamer Start erhöht die Durchhaltewahrscheinlichkeit deutlich.
- Die Medikationsliste jährlich überprüfen lassen: Bei Hausarzt oder Geriater — und dabei gezielt auf ein mögliches Deprescribing sturzrelevanter Substanzen hinwirken.
- Wohnumfeld gemeinsam begehen: Mit dem Blick des Fremden. Stolperfallen sind für Bewohner oft unsichtbar.
- Sehhilfen und Hörgeräte aktuell halten: Und auch tragen.
- Nach einem Sturz nicht beschwichtigen, sondern abklären: Der erste Sturz ist das wichtigste Zeitfenster — und kann auf eine zugrundeliegende Arthrose im Alter oder andere behandelbare Ursachen hinweisen.
- Bewegungsangst ernst nehmen, aber gegensteuern: Gemeinsame Spaziergänge, kleine sichere Aktivitäten, graduell gesteigerte Anforderungen.
Klare Anlässe für eine strukturierte Sturzabklärung:
- Nach dem ersten Sturz, auch ohne sichtbare Folgen
- Bei mehr als einem Sturz in zwölf Monaten
- Bei neu aufgetretener Gangunsicherheit oder Schwindel
- Bei Polypharmazie mit fünf oder mehr Dauermedikamenten
- Vor geplanten Operationen mit Mobilitätseinschränkung — hier ist auch eine Einschätzung des OP-Risikos im Alter empfehlenswert
- Bei Sturzangst, die das tägliche Leben einschränkt
- Nach Krankenhausaufenthalt mit neuer Medikation oder Funktionsverlust
Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt. Bei komplexen Situationen — mehrere Risikofaktoren, Polypharmazie, kognitive Einschränkung — ist die geriatrische Perspektive besonders wertvoll. Sie bringt die Gesamtschau, die einzelne Fachdisziplinen oft nicht leisten können. Das Fachgebiet Geriatrie und Altersmedizin bietet hierfür die notwendige interdisziplinäre Expertise.
→ Zur detaillierten Sturzabklärung durch einen Geriater: Stürze im Alter.