Sarkopenie ist eine fortschreitende muskuläre Erkrankung, die durch drei Komponenten definiert ist:
- Verminderte Muskelmasse: messbar etwa durch Bio-Impedanz-Analyse (BIA), DXA oder MRT.
- Verminderte Muskelkraft: objektiv durch Handkraftmessung mit dem Dynamometer oder den Chair-Rise-Test.
- Verminderte körperliche Leistung: gemessen über Gehgeschwindigkeit, Timed-Up-and-Go oder Short Physical Performance Battery (SPPB).
Für die klinische Diagnose hat die Europäische Arbeitsgruppe (EWGSOP2, 2019) ein zweistufiges Vorgehen etabliert: zuerst Screening mit Handkraft oder Chair-Rise-Test, bei Auffälligkeit dann Bestätigung mittels Körperzusammensetzungsmessung.

- 60 bis 70 Jahre: 5 bis 10 Prozent sarkopen.
- 70 bis 80 Jahre: 10 bis 20 Prozent.
- Über 80 Jahre: 20 bis 40 Prozent.
- Im Pflegeheim: über 40 Prozent.
- Nach Krankenhausaufenthalt: Deutlicher Anstieg — oft wird die Sarkopenie im Krankenhaus erst manifest.
Die Zahlen sind über die letzten Jahre relativ stabil, während gleichzeitig die Lebenserwartung steigt. Das bedeutet: Immer mehr Menschen leben immer länger mit einer muskulären Einschränkung, die ihr Leben deutlich beeinträchtigt — und die großteils beeinflussbar wäre.
Ab dem 30. Lebensjahr verliert ein erwachsener Mensch durchschnittlich 0,5 bis 1 Prozent Muskelmasse pro Jahr. Ab dem 60. Lebensjahr beschleunigt sich der Abbau auf 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Die Muskelkraft nimmt noch schneller ab als die Muskelmasse — das ist ein wichtiger Punkt, der oft übersehen wird. Man kann massereiche Muskeln haben, die aber trotzdem an Kraft verlieren (Dynapenie).
Die Folgen sind nicht linear, sondern stufenweise. Bestimmte Schwellenwerte markieren klinisch relevante Übergänge: Ab dem Verlust der Fähigkeit, ohne Abstützen aus einem Stuhl aufzustehen, steigt das Sturzrisiko sprunghaft. Ab einer Gehgeschwindigkeit unter 0,8 Meter pro Sekunde erhöhen sich Mortalität und Pflegerisiko deutlich.
Ein einfacher Alltagstest: Wenn Sie fünfmal hintereinander aus einem normalen Stuhl aufstehen können, ohne die Armlehnen zu benutzen, in weniger als 15 Sekunden — Ihre Muskelfunktion ist altersgerecht. Über 15 Sekunden: Verdacht auf Sarkopenie, einen Check beim Hausarzt oder Geriater in Betracht ziehen.
Sarkopenie ist multifaktoriell. Die wichtigsten Treiber:
- Bewegungsmangel: Der stärkste einzelne Faktor. Jeder Tag im Bett oder Sessel kostet Muskel. Ein Mensch mit 80 verliert bei einer Woche Bettlägerigkeit bis zu 10 Prozent seiner Muskelmasse.
- Unzureichende Eiweißzufuhr: Die altersgerechte Empfehlung von 1,0 bis 1,2 g pro kg Körpergewicht wird von den meisten Älteren nicht erreicht. Bei akuter Erkrankung sogar 1,5 g pro kg. Mehr dazu: Mangelernährung im Alter.
- Chronische Entzündung: Das sogenannte Inflammaging — chronisch erhöhte Werte von Interleukin-6, TNF-alpha und CRP — beschleunigt den Muskelabbau.
- Hormonelle Veränderungen: Rückgang von Testosteron, Wachstumshormon, IGF-1 und Vitamin D.
- Neurodegeneration: Verlust von Motoneuronen führt zu funktionaler Entkopplung von Muskelfasern.
- Medikamente: Kortikosteroide, bestimmte Statine (bei Myopathie), Protonenpumpenhemmer (über B12-Malabsorption). Siehe auch: Deprescribing und Polypharmazie im Alter.
- Chronische Erkrankungen: Herzinsuffizienz, COPD, chronische Niereninsuffizienz, Tumorerkrankungen, Diabetes — alle verstärken Sarkopenie.
- Krankenhausaufenthalt: Akute Erkrankungen mit Bettlägerigkeit beschleunigen den Muskelabbau massiv — ein Grund, warum frühe Mobilisation so wichtig ist.
→ Zur übergeordneten Bedeutung für Belastbarkeit und Gesamtprognose: Frailty-Syndrom.
Die strukturierte Diagnostik folgt dem EWGSOP2-Algorithmus:
Schritt 1: Screening (SARC-F-Fragebogen)
Fünf einfache Fragen zu Kraft, Gehen, Aufstehen, Treppensteigen, Stürzen. Ein Wert ab 4 Punkten signalisiert Sarkopenie-Verdacht. Ergänzend empfehlt sich ein Frailty-Screening.
Schritt 2: Kraftmessung
- Handkraft mit Dynamometer: Männer unter 27 kg, Frauen unter 16 kg sind auffällig.
- 5-Chair-Rise-Test: Fünfmal Aufstehen ohne Armstütze in unter 15 Sekunden.
Schritt 3: Muskelmasse-Bestimmung
- Bio-Impedanz-Analyse (BIA): Im Alltag praktikabel und gut verfügbar.
- DXA (Dual-Energy X-ray Absorptiometry): Goldstandard, wird oft zusammen mit der Knochendichtemessung durchgeführt.
- MRT: Forschungsstandard, klinisch selten nötig.
Schritt 4: Körperliche Leistung
- Gehgeschwindigkeit: Unter 0,8 m/s ist auffällig.
- Timed-Up-and-Go: Über 13,5 Sekunden Hinweis auf Sarkopenie.
- SPPB (Short Physical Performance Battery): Unter 8 von 12 Punkten pathologisch.
Die Diagnose ist gesichert, wenn verminderte Kraft, verminderte Masse und verminderte körperliche Leistung nachgewiesen sind. Die schwerste Form wird als „severe sarcopenia" bezeichnet. Ein umfassendes Geriatrisches Assessment bettet diese Diagnostik in den Gesamtkontext ein.
Sarkopenie ist eine der wenigen geriatrischen Diagnosen, bei denen nicht-medikamentöse Therapie die medikamentöse deutlich übertrifft. Zwei Säulen sind entscheidend:
1. Progressives Krafttraining
Das ist der Kern der Therapie. Progressiv bedeutet: Das Gewicht oder der Widerstand wird in regelmäßigen Abständen gesteigert, weil sich der Muskel anpasst. Die Evidenz ist überwältigend:
- Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche für mindestens acht bis zwölf Wochen
- Belastung: moderat bis schwer (je nach Ausgangszustand)
- Wiederholungen: 8 bis 12 pro Übung, zwei bis drei Sätze
- Zielmuskeln: große Beinmuskulatur (Quadrizeps, Hüftstrecker, Wadenmuskulatur) und Rumpf
- Ergebnis in Studien: Kraftzuwächse von 30 bis über 100 Prozent — auch bei 85- und 90-Jährigen
Wichtig: Krafttraining ist kein aerobes Ausdauertraining. Spazierengehen, Radfahren und Schwimmen sind gut für Herz und Kreislauf, aber nicht ausreichend zum Muskelaufbau. Für Sarkopenie braucht es Widerstandstraining — idealerweise angeleitet, beginnend mit eigenem Körpergewicht oder leichten Hilfsmitteln, dann gesteigert. Ergänzend kann eine geriatrische Frührehabilitation sinnvoll sein, insbesondere nach Krankenhausaufenthalten.
2. Ausreichende Eiweißzufuhr
Die kritische Zahl: 1,0 bis 1,2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht pro Tag für gesunde Ältere. Bei Krankheit oder Stress 1,2 bis 1,5 g pro kg. Für eine 65 kg schwere Patientin bedeutet das 65 bis 80 g Eiweiß pro Tag — eine Menge, die ohne bewusste Planung oft nicht erreicht wird. Das Risiko einer Mangelernährung im Alter ist dabei eng mit der Sarkopenie-Entwicklung verknüpft.
Noch wichtiger als die Gesamtmenge ist die Verteilung: 25 bis 30 g Eiweiß pro Hauptmahlzeit sind nötig, damit die Muskelprotein-Synthese stimuliert wird. Ein Frühstück aus Marmeladenbrot deckt kaum 5 g. Ein Quarkfrühstück mit Nüssen und Beeren deckt 25 g.
- Proteinreiche Nahrungsmittel: Quark, Hüttenkäse, Eier, Fisch, mageres Fleisch, Hülsenfrüchte, Tofu, Sojaprodukte, Molkepulver.
- Bei unzureichender Zufuhr: Trinknahrung oder Proteinpulver — medizinisch sinnvoll, nicht Sport-Marketing.
3. Kombination: Training plus Eiweiß
Die beiden Säulen wirken synergistisch. Eiweiß allein ohne Training führt nicht zu Muskelaufbau. Training ohne ausreichendes Eiweiß führt zu Ermüdung ohne Aufbau. Kombiniert potenziert sich die Wirkung.
4. Vitamin-D-Ausgleich bei Mangel
Bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel (unter 50 nmol/l) ist die Substitution sinnvoll — sie verbessert Muskelkraft und Gleichgewicht moderat. Ohne Mangel kein Routineeinsatz.
5. Weitere Interventionen
- Behandlung zugrundeliegender Erkrankungen (Herzinsuffizienz, COPD, Niereninsuffizienz)
- Depression behandeln — sie verstärkt den Muskelabbau über Bewegungsmangel und Appetitverlust
- Medikamentenreview auf sarkopeniefördernde Präparate — Deprescribing prüfen
- Hörgerät- und Sehhilfenkorrektur, um soziale Teilhabe und Bewegung zu ermöglichen
→ Wie Mangelernährung und Sarkopenie zusammenhängen: Mangelernährung im Alter.
→ Zur Bedeutung von Immobilität bei Krankheit: Immobilität im Alter.
Sarkopenie ist selten isoliert. Sie ist oft ein Frühzeichen für eine umfassendere Entwicklung:
- Frailty: Sarkopenie ist einer der zentralen Bausteine des Frailty-Syndroms.
- Sturz- und Frakturrisiko: Verdreifachtes Sturzrisiko, verdoppeltes Frakturrisiko. Besonders gefürchtet: der Oberschenkelhalsbruch im Alter.
- Eingeschränktes Operationsergebnis: Mehr postoperative Komplikationen, längere Erholungsdauer. Relevant für das OP-Risiko im Alter.
- Verzögerte Rekonvaleszenz nach Krankheit: Jede Krankenhausphase kostet zusätzlich Muskel.
- Mortalität: Unabhängiger Prädiktor für erhöhtes 1- und 5-Jahres-Sterberisiko.
Die Konsequenz: Wer im Alter plötzlich Treppen meidet, nach dem Einkauf erschöpft ist oder beim Aufstehen Armlehnen braucht, sollte das nicht abtun. Es ist ein strukturelles Warnsignal, das durch gezielte Intervention umkehrbar ist. Begleitend sollte auch auf eine mögliche Osteoporose im Alter geachtet werden, da beide Erkrankungen häufig zusammen auftreten.
→ Zum Gesamtbild der Gebrechlichkeit: Frailty-Syndrom.
→ Zur Sturzprävention: Sturzprävention.
Konkrete Anlässe:
- Zunehmende Schwierigkeiten beim Aufstehen aus dem Sessel, Treppensteigen oder Tragen
- Ungewollter Gewichtsverlust ohne andere Erklärung
- Zunehmende Unsicherheit beim Gehen, Sturzneigung
- Rasche Erschöpfung bei alltäglichen Aktivitäten
- Vor oder nach einem geplanten größeren Eingriff — insbesondere relevant für Gelenkersatz im Alter
- Nach Krankenhausaufenthalt mit deutlichem Funktionsverlust
Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt. In der Geriatrie ist Sarkopenie Teil jedes Assessments und wird in Zusammenarbeit mit Physiotherapie, Ernährungsberatung und — bei Bedarf — Neurologie oder Endokrinologie behandelt.
→ Wie ein umfassendes geriatrisches Assessment die Sarkopenie-Diagnostik einbettet: Geriatrisches Assessment.