Sie ist 78, lebt zuhause, hat kaum chronische Erkrankungen, kommt mit ihren drei Medikamenten gut zurecht. Und sie sagt in der Sprechstunde fast beiläufig: „Eigentlich geht es mir ja gut. Nur — ich ermüde so schnell." Ein Satz, den man leicht übergehen kann. Ein Satz, der aber oft das erste klinische Zeichen einer beginnenden Frailty ist.
Das Frailty-Syndrom entwickelt sich nicht über Nacht. Es kündigt sich über Monate und Jahre an — in kleinen, unscheinbaren Veränderungen. Wer diese Zeichen erkennt, kann eingreifen. Wer sie übersieht, wird Monate später vor einem Patienten stehen, der nach einer kleinen Operation oder einem harmlosen Infekt nicht mehr auf die Beine kommt.
Als Geriater betrachte ich das Frailty-Screening deshalb nicht als zusätzlichen Aufwand, sondern als zentrales diagnostisches Werkzeug. Es macht sichtbar, was sonst erst im Krisenfall auffällt. Und es eröffnet ein Zeitfenster, in dem Intervention noch möglich und wirksam ist.

Frailty-Screening ist das systematische Erkennen von Gebrechlichkeit — dem klinischen Zustand reduzierter Reserven, der Patienten besonders anfällig für Stürze, Krankheiten, Operationskomplikationen und Pflegebedürftigkeit macht. Das Screening verfolgt drei Ziele:
- Frühe Identifikation: Bevor die klinischen Folgen offensichtlich sind.
- Risikostratifikation: Wie groß ist das Risiko bei geplanten Behandlungen?
- Interventionssteuerung: Welche Maßnahmen sind bei diesem Patienten prioritär?
→ Zum Gesamtbild des Frailty-Syndroms: Frailty-Syndrom.
SARC-F — der 30-Sekunden-Test
Fünf einfache Fragen, die ein Patient oder Angehöriger beantworten kann. Jede Frage wird mit 0, 1 oder 2 Punkten bewertet:
- Wie viel Kraft haben Sie? (Können Sie 4,5 kg heben und tragen?)
- Können Sie einen Raum durchqueren? (Gangfähigkeit)
- Können Sie aus einem Stuhl aufstehen? (Chair-Rise)
- Können Sie eine Treppe von 10 Stufen steigen?
- Sind Sie im letzten Jahr gestürzt?
Ab 4 Punkten Verdacht auf Sarkopenie/Frailty. Sehr einfach, auch für die Selbsteinschätzung geeignet. Nutzt als Türöffner zur vertieften Abklärung.
Clinical Frailty Scale (CFS) — der klinische Überblick
Neun Kategorien von „sehr fit" (CFS 1) bis „sterbend" (CFS 9). Die Einschätzung erfolgt über ein kurzes Gespräch mit Patient und Angehörigen. Die wichtigen Schwellen:
- CFS 1–3: Robust — normale Alltagsaktivitäten.
- CFS 4: Verletzbar — Beschwerden bei Belastung, aber noch unabhängig.
- CFS 5: Milde Frailty — Hilfe bei komplexeren Aktivitäten (Einkaufen, Finanzen).
- CFS 6: Mäßige Frailty — Hilfe bei alltäglichen Aktivitäten, eingeschränkte Treppensteigerung.
- CFS 7: Schwere Frailty — vollständige Abhängigkeit bei alltäglichen Aktivitäten.
- CFS 8–9: Sehr schwere Frailty bis terminal.
Die CFS hat sich international als schnell einsetzbares Risikoinstrument etabliert — besonders vor Operationen, auf der Intensivstation, in der Notaufnahme. Sie ist in zahlreichen Studien zur Vorhersage von Mortalität und Komplikationen validiert.
Fried-Phänotyp — der biologische Standard
Der Fried-Phänotyp wurde 2001 publiziert und ist der Referenzstandard in der Forschung. Er definiert Frailty als Vorliegen von mindestens drei der folgenden fünf Kriterien:
- Ungewollter Gewichtsverlust: 5 Prozent oder mehr in einem Jahr.
- Erschöpfung: Subjektives Gefühl, „alles ist eine Anstrengung".
- Muskelschwäche: Reduzierte Handkraft im Dynamometer (Männer unter 27 kg, Frauen unter 16 kg).
- Langsames Gehen: Gehgeschwindigkeit unter 0,8 m/s über 4 Meter.
- Niedrige körperliche Aktivität: Geringe wöchentliche Energieausgabe.
Drei oder mehr Kriterien = Frailty. Ein oder zwei Kriterien = Pre-Frailty. Der Fried-Phänotyp ist präzise, aber aufwändiger als die anderen Instrumente.
Short Physical Performance Battery (SPPB) — der funktionelle Test
Drei Einzeltests, jeweils 0 bis 4 Punkte, maximal 12 Punkte:
- Balance-Test (Stehen mit Füßen nebeneinander, halb versetzt, hintereinander)
- 4-Meter-Gehgeschwindigkeit
- Chair-Rise-Test (fünfmal Aufstehen aus dem Stuhl ohne Armhilfe)
Unter 8 Punkten: Frailty-Verdacht. Unter 6 Punkten: deutlich erhöhtes Risiko. Sehr gut zur Verlaufsbeobachtung geeignet — die Zahl ändert sich mit Intervention.
Handkraft-Messung mit Dynamometer
Ein einzelner Test, der in wenigen Sekunden Hinweise auf Muskelstatus, Gesamtkraft und Frailty-Risiko gibt. Unter 27 kg bei Männern und unter 16 kg bei Frauen gilt als auffällig. Studien zeigen: Die Handkraft ist ein robuster Prädiktor für Mortalität und Krankenhausaufenthalte — auch unabhängig von anderen Faktoren.
→ Zur ausführlichen Darstellung des Sarkopenie-Screenings: Sarkopenie im Alter.
In der Hausarztpraxis
Die Kombination aus SARC-F-Fragebogen (30 Sekunden) und Chair-Rise-Test oder Handkraftmessung liefert in 3 bis 5 Minuten eine belastbare Einschätzung. Jährliche Durchführung bei Patienten über 70 empfohlen.
Im Krankenhaus bei Aufnahme
Die Clinical Frailty Scale ist das pragmatische Instrument — schnell, im Team einsetzbar, international akzeptiert. In vielen Kliniken inzwischen Teil der Pflegeeingangsdokumentation.
Vor geplanten Operationen
Kombination aus CFS und SPPB. Bei Hochrisikoeingriffen auch Fried-Phänotyp. Die Ergebnisse gehen in die präoperative Risikobewertung ein und lenken die Prehabilitation.
→ Zur präoperativen Bewertung im Alter: OP-Risiko im Alter.
In der geriatrischen Sprechstunde
Umfassendes Assessment mit Fried-Phänotyp, SPPB, Handkraft, Ernährungsscreening (MNA), kognitiver Testung. Ziel ist nicht nur die Kategorisierung, sondern die differenzierte Intervention.
→ Zum umfassenden geriatrischen Assessment: Geriatrisches Assessment.
In der Notaufnahme
Kurze Instrumente (CFS, SARC-F) helfen, die Versorgungsintensität zu steuern und frühzeitig geriatrische Mitbetreuung einzuleiten.
Robust (kein Frailty-Verdacht)
Der Patient hat volle Reserven. Geplante Eingriffe können mit normalem Aufwand durchgeführt werden. Präventive Empfehlungen wie Bewegung und ausgewogene Ernährung bleiben sinnvoll.
Pre-Frailty
Der Patient hat erste Einschränkungen, aber noch vorhandene Reserven. Dies ist das wichtigste Interventionsfenster: Krafttraining, Ernährungsoptimierung, Medikamentenreview, Sturzabklärung können den Übergang zur manifesten Frailty verhindern oder verzögern.
Manifeste Frailty
Deutliches Komplikationsrisiko. Vor Operationen ist Prehabilitation zwingend, nicht optional. Medikamente werden kritisch überprüft, Sturzrisiko adressiert. Das Behandlungsziel wird individualisiert — oft steht Lebensqualität vor aggressiver Therapieintensität.
Schwere Frailty
Häufig ist das Ziel der Versorgung Erhalt statt Wiederherstellung. Palliative Aspekte gewinnen an Bedeutung. Invasive Eingriffe werden kritisch hinterfragt. Die Betreuung durch Palliativmedizin im Alter und Geriatrie gewinnt an Gewicht.
→ Zur Palliativmedizin in dieser Phase: Palliativmedizin im Alter.
Ein Screening ohne Konsequenz ist Zeitverschwendung. Die wichtigsten Interventionen, die aus positiven Screening-Ergebnissen folgen:
1. Progressives Krafttraining
Die am besten belegte Einzelmaßnahme. Kraftzuwächse bis über 100 Prozent sind auch im hohen Alter möglich. Zwei- bis dreimal pro Woche strukturiertes Widerstandstraining.
2. Eiweiß- und Ernährungsoptimierung
1,0 bis 1,2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht, bei Krankheit 1,2 bis 1,5 g. Verteilt auf drei Hauptmahlzeiten mit 25 bis 30 g Eiweiß. Bei Mangelernährung Trinknahrung.
3. Strukturiertes Medikamentenreview
Nach PRISCUS-Liste 2.0, FORTA und STOPP/START. Ziel ist die Reduktion sturzfördernder, delir-begünstigender und unnötiger Präparate. Mehr zum strukturierten Deprescribing.
4. Sturzabklärung und Sturzprävention
Multifaktorielle Intervention: Medikamentenprüfung, Wohnumfeld, Sehkraft, Kraft- und Balance-Training. Mehr zur Sturzprävention im Alter.
5. Vitamin-D-Substitution bei Mangel
Moderate Verbesserung von Muskelfunktion und Sturzrisiko bei nachgewiesenem Mangel.
6. Behandlung begleitender Erkrankungen
Depression, Schlafapnoe, Herzinsuffizienz im Alter, Schilddrüsenprobleme — alles, was zur Frailty beiträgt, wird gezielt angegangen.
7. Soziale Aktivierung
Tagespflege, Seniorentreffs, strukturierte Gruppenaktivitäten. Isolation ist ein eigener Frailty-Treiber.
8. Prehabilitation vor geplanten Eingriffen
Kraftaufbau, Eiweißoptimierung, Medikamentenanpassung, kognitive Vorbereitung in den Wochen vor der Operation. Mehr zum OP-Risiko im Alter.
→ Zur Sarkopenie als zentrale biologische Grundlage: Sarkopenie.
→ Zur Mangelernährung und Eiweißtherapie: Mangelernährung im Alter.
→ Zur Sturzprävention: Sturzprävention.
→ Zum Medikamentenreview: Polypharmazie im Alter und Medikamente reduzieren.
- Screening ohne Konsequenz: Der Test wird durchgeführt, aber das Ergebnis führt zu keinen Interventionen. Der häufigste und folgenschwerste Fehler.
- Falsche Instrumente für das Setting: Der Fried-Phänotyp gehört nicht in die Notaufnahme. Die CFS passt nicht zur Langzeit-Rehabilitation. Das richtige Werkzeug zur Fragestellung wählen.
- Kein Re-Screening: Frailty ist ein dynamischer Zustand. Regelmäßige Überprüfung ist wichtiger als eine einmalige Einordnung.
- Frailty als Schicksal missverstehen: Pre-Frailty und sogar manifeste Frailty sind teilweise reversibel — mit den richtigen Interventionen.
- Patienten nicht einbeziehen: Ein Screening-Ergebnis, das dem Patienten nicht erklärt wird, führt zu keiner Verhaltensänderung.
???? Die wichtigste Frage nach jedem Frailty-Screening ist nicht „Welche Kategorie?", sondern „Was folgt daraus?" Ohne konkreten Interventionsplan ist jedes Screening verlorene Zeit — für Arzt und Patient.
- Auf die Frühzeichen achten: Gewichtsverlust, nachlassende Belastbarkeit, immer häufigere Erschöpfung. Das ist nicht „normales Altern", sondern ein Anlass zur Abklärung.
- Screening einfordern: Bei Hausarzt, vor Operationen, bei Krankenhausaufnahme. Fragen Sie: „Ist ein Frailty-Screening gemacht worden?"
- Interventionen begleiten: Gemeinsam Krafttraining, Bewegungseinheiten, Ernährungsplanung — das erhöht die Durchhaltewahrscheinlichkeit deutlich.
- Regelmäßig wiegen: Einmal monatlich. Unerklärter Gewichtsverlust von 5 Prozent in drei Monaten ist Anlass für ärztliche Abklärung.
- Soziale Teilhabe fördern: Gemeinsame Aktivitäten, Besuche, Ehrenämter — oft der unterschätzte Schlüssel zur Stabilität.
- Bei neu aufgetretener Erschöpfung, Schwäche oder abnehmender Belastbarkeit
- Bei ungewolltem Gewichtsverlust über 5 Prozent in drei Monaten
- Bei mehreren Stürzen im Alter im letzten Jahr
- Vor geplanten größeren Operationen über 70 Jahre
- Nach Krankenhausaufenthalt mit funktionellem Verlust
- Bei Polypharmazie mit fünf oder mehr Dauermedikamenten
- Wenn Hausarzt und Fachärzte unterschiedliche Einschätzungen geben
Leading Medicine Guide führt eine Reihe erfahrener Geriater und Fachärzte, die auf die strukturierte Beurteilung älterer Patienten spezialisiert sind. Ein Frailty-Screening ist oft der erste Schritt zu einer Versorgung, die die Gesamtsituation des Menschen in den Blick nimmt — nicht nur einzelne Organe oder Symptome.
Die Geriatrie ist nicht die Disziplin der letzten Jahre — sie ist die Disziplin der besten letzten Jahre.