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Palliativmedizin im Alter — Würde und Linderung bis zuletzt

„Ab wann ist man eigentlich ein Palliativpatient?" Diese Frage wird mir in der Sprechstunde häufig gestellt — oft zögerlich, manchmal mit Angst. Die Antwort überrascht viele: Palliativmedizin beginnt nicht in der letzten Lebenswoche. Sie beginnt in dem Moment, in dem die Haltung von „wir heilen diese Krankheit" zu „wir begleiten diesen Menschen" wechselt. Das kann Monate vor dem Tod sein, manchmal Jahre.

Die gedankliche Gleichsetzung von Palliativmedizin mit Sterbebegleitung ist einer der größten Irrtümer der öffentlichen Wahrnehmung. Sie führt dazu, dass palliative Angebote zu spät eingeschaltet werden — oft erst in den letzten Tagen, obwohl sie Wochen oder Monate vorher Lebensqualität und Würde verbessert hätten.

Als Geriater arbeite ich viel mit Palliativmedizinerinnen und Palliativmedizinern zusammen. Und ich sehe jeden Unterschied, den eine frühzeitige Einbindung macht — für Patienten, für Familien, für den Verlauf selbst.

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Kurzübersicht:

Palliativmedizin ist die aktive, umfassende Versorgung von Menschen mit fortschreitenden, nicht heilbaren Erkrankungen. Sie beginnt nicht in den letzten Lebenstagen, sondern oft Monate bis Jahre vor dem Tod. Das Ziel ist nicht Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern bestmögliche Lebensqualität, Symptomkontrolle und Würde. In Deutschland sterben etwa 45 Prozent der Menschen in Krankenhäusern, 30 Prozent in Pflegeheimen, nur etwa 20 bis 25 Prozent zuhause — obwohl die meisten Menschen den häuslichen Tod bevorzugen. Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist keine Schicksalsfrage, sondern eine Frage der rechtzeitigen Versorgungsplanung. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) und stationäre Palliativ- und Hospizangebote machen einen würdigen Lebensabschluss am gewünschten Ort in den meisten Fällen möglich. Dieser Artikel erklärt, was Palliativmedizin konkret leistet, wann sie einsetzt und was Patienten und Angehörige wissen sollten — weit bevor die letzte Phase beginnt.

Artikelübersicht

Palliativmedizin im Alter - Weitere Informationen

Definition und Ziele der Palliativmedizin

Unter Palliativmedizin versteht man die ganzheitliche Behandlung von Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung. Das bedeutet, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist und der Patient in absehbarer Zeit an seiner Erkrankung versterben wird.

Die Palliativmedizin begleitet den Patienten in dieser Zeit. Sie hat folgende Ziele, modifiziert nach WHO:

  • Beherrschung der Schmerzen und Minderung des Leids,
  • Einbeziehung psychologischer und spiritueller Wünsche des Patienten,
  • Einbeziehung des familiären Umfeldes,
  • Sorge und Beistand in der Todesstunde.

Nach dem Tod des Patienten bietet die Palliativmedizin den Angehörigen Hilfe beim Umgang mit dem Verlust.

Wann beginnt das palliativmedizinische Krankheitsstadium eines Kolonkarzinom-Patienten?

Es gibt beim Kolonkarzinom keine definitiven labor- oder bilddiagnostischen Kriterien, die für die Einleitung einer palliativmedizinischen Krankheitsphase sprechen.

Die folgende Liste fasst aber einige Kennzeichen zusammen:

Relative Zeichen dafür, dass der Tumor durch vergangene Therapien nicht vollständig beseitigt werden konnte, sind:

  • Tumorausdehnung,
  • Tumorverengungen des Darms und
  • Metastasenbildung.

Diese Anzeichen sprechen dafür, dass der Patient mit einer palliativmedizinischen Krankheitsphase und dem Tod rechnen könnte. Bei älteren Patienten mit Frailty-Syndrom kann der Übergang in die Palliativphase früher eintreten und erfordert eine besonders sensible Einschätzung.

Beschwerden von Patienten mit Kolonkarzinom während der palliativmedizinischen Krankheitsphase

Bedürfnisse des Patienten während der palliativmedizinischen Phase beim Kolonkarzinom

Die zeitgenössische Medizin ist stark technisch orientiert. Gerade in der palliativmedizinischen Krankheitsphase stehen technische Behandlungsverfahren aber nicht im Vordergrund. Hier geht es eher um eine umfassende allgemeine Betreuung, auch außerhalb von Palliativstationen.

Die Behandlung orientiert sich an den Krankheitszeichen der oben stehenden Liste. Viele Patienten haben aber vielmehr einen starken Wunsch nach Gesprächen. Dass gerade dieser Wunsch schwerer als früher erfüllbar ist, hängt mit der Personalreduktion und der starken Bürokratisierung im Gesundheitswesen zusammen.

Schwer kranke Frau im Krankenhausbett
In der Palliativmedizin beim Kolonkarzinom kommt es mehr auf menschliche Nähe an als auf weitere Behandlungen © Photographee.eu | AdobeStock

Kranke wissen durch Selbstbeobachtung und Verhaltensänderung ihrer Bezugspersonen, wie es um sie steht. Die Hoffnung auf Beseitigung des Tumorleidens steht lange im Vordergrund. Sie geht dann aber über in den Wunsch, in der letzten Lebensphase nicht leiden zu müssen. Besonders bedürfen sie einer spirituellen Begleitung durch Seelsorger oder Familie.

Technische Behandlungen, wie z.B. eine Bauchwasserpunktion oder Bluttransfusion, sollten nur unter dem Aspekt einer Leidensverringerung erfolgen.

Mit einer Patientenverfügung, besser noch zusätzlich mit einer Vorsorgevollmacht, kann der Patient bestimmen,

  • welche Behandlung noch geschehen und
  • was unterlassen werden soll,

wenn er verwirrt ist. Gerade bei älteren Patienten empfiehlt sich auch ein strukturiertes geriatrisches Assessment, um Therapieziele und Behandlungsgrenzen realistisch einzuschätzen. Kranke fühlen sich auch geborgen, wenn sie wissen, dass ihr Sterben z.B. durch eine terminale Sedierung leichter ist und für ihre Angehörigen gesorgt wird. Ein frühzeitig geregelter Umgang mit Polypharmazie im Alter und ein gezieltes Deprescribing können in dieser Phase unnötige Belastungen reduzieren.

Quellen

  • World Health Organization (2020): Definition of Palliative Care. WHO, Genf.
  • S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. AWMF-Register 128-001OL, aktuelle Fassung.
  • Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP): Versorgungsstrukturen der Palliativmedizin in Deutschland. Aktuelle Fassung.
  • Temel JS, Greer JA, Muzikansky A et al. (2010): Early palliative care for patients with metastatic non-small-cell lung cancer. New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa1000678