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Alterstraumatologie — wenn ältere Menschen verunfallen

Der Sturz war unspektakulär. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit auf dem Weg ins Bad, ein Stolpern über die Teppichkante, ein Fall aufs Gesäß. Keine große Höhe, keine hohe Geschwindigkeit — das, was ein Dreißigjähriger mit einem blauen Fleck abhaken würde. Bei einem achtzigjährigen Menschen ist es häufig anders. Das Röntgenbild zeigt eine komplexe pertrochantäre Fraktur. Die Operation ist nötig, und mit ihr beginnt ein Prozess, der weit über den Operationssaal hinausreicht.

Die Alterstraumatologie ist aus der Erkenntnis entstanden, dass die traditionelle Trennung zwischen Unfallchirurgie (kümmert sich um den Knochen) und Geriatrie (kümmert sich um alles andere) für ältere Patienten nicht funktioniert. Wenn der Oberschenkelhalsbruch am Tag 1 perfekt versorgt wird, der Patient am Tag 3 aber ein Delir entwickelt, am Tag 5 eine Pneumonie bekommt und am Tag 10 ins Pflegeheim entlassen wird — dann war die operative Leistung hervorragend und das Gesamtergebnis trotzdem schlecht.

Als Geriater arbeite ich in der alterstraumatologischen Kooperation mit der Unfallchirurgie. Was dort entsteht, ist nicht eine Addition zweier Spezialitäten, sondern eine andere Form der Versorgung — mit anderen Zielen, anderer Zeitlogik und anderen Qualitätsmaßstäben.

Empfohlene Spezialisten

Kurzübersicht:

Alterstraumatologie bezeichnet die spezialisierte unfallchirurgische Versorgung älterer Menschen, bei der orthopädische Expertise und geriatrische Mitbetreuung strukturell zusammenarbeiten. Die Notwendigkeit dafür wächst dramatisch: Die Zahl hüftnaher Frakturen bei über 80-Jährigen hat sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. In meiner eigenen Klinik sehen wir einen ähnlichen Trend — von 109 Hüftfrakturen 2019 auf 217 Fälle 2025. Die klassische Unfallchirurgie reicht hier nicht aus: Ältere Patienten haben andere Verletzungsmuster (niedrigenergetische Stürze statt Hochrasanztraumata), andere Komplikationsprofile (Delir, Pneumonie, Dekubitus) und andere Behandlungsziele (Erhalt von Selbstständigkeit statt bloßer Frakturheilung). Alterstraumatologische Zentren verbinden deshalb drei Elemente: schnelle operative Versorgung innerhalb von 24 bis 48 Stunden, geriatrisches Co-Management ab dem ersten Tag und strukturierte Frührehabilitation. Studien zeigen: Wo diese drei Elemente zusammenkommen, sinkt die Mortalität um bis zu 30 Prozent, und signifikant mehr Patienten kehren in ihre eigene Wohnung zurück. Dieser Artikel erklärt, was Alterstraumatologie leistet, welche Frakturen besonders häufig sind und warum die Qualität der Nachsorge oft wichtiger ist als die operative Technik.

Artikelübersicht

Alterstraumatologie - Weitere Informationen

Was ist Alterstraumatologie?

Alterstraumatologie ist die interdisziplinäre Versorgung älterer Patienten mit unfallbedingten Verletzungen. Sie verbindet drei Elemente:

  • Unfallchirurgische Kompetenz: Operative Versorgung mit Implantaten und Techniken, die auf osteoporotischen Knochen und Multimorbidität ausgerichtet sind.
  • Geriatrisches Co-Management: Gemeinsame medizinische Betreuung ab Aufnahme — Delir-Prävention, Schmerztherapie, Ernährung, Flüssigkeitsmanagement, Medikationsreview, Mobilisationsplanung.
  • Strukturierte Rehabilitation und Sekundärprävention: Frührehabilitation ab dem ersten postoperativen Tag, gefolgt von Anschlussrehabilitation und Sturz-/Osteoporose-Präventionsprogramm.

Das Modell ist in Deutschland in den letzten zehn Jahren stark ausgebaut worden. Zertifizierte AltersTraumaZentren (ATZ DGU) haben definierte Strukturstandards — fest etablierte Geriatrische Mitbetreuung, standardisierte Behandlungspfade, Qualitätsindikatoren, regelmäßige Überprüfung.

Alterstraumatologie

Welche Verletzungen treten besonders häufig auf?

Die Verletzungsmuster im Alter unterscheiden sich deutlich von denen jüngerer Patienten. Typisch sind:

  • Hüftnahe Frakturen: Der Oberschenkelhalsbruch und die pertrochantäre Fraktur — zusammen rund 150.000 Fälle pro Jahr in Deutschland.
  • Distale Radiusfraktur: Der Sturz auf die ausgestreckte Hand. Oft der „erste Warnruf" für Osteoporose im Alter.
  • Proximale Humerusfraktur: Oberarmbruch am Schultergelenk — häufig bei Frauen nach der Menopause.
  • Wirbelkörperfrakturen: Oft spontan oder nach minimalem Trauma. Viele bleiben klinisch stumm und werden erst durch Körpergrößenverlust oder Rundrücken auffällig.
  • Beckenringfrakturen: Besonders bei hochbetagten Frauen mit schwerer Osteoporose.
  • Oberschenkelschaft und periimplantäre Frakturen: Häufiger bei Patienten mit bestehenden Endoprothesen.
  • Sturzbedingte Kopfverletzungen: Hohes Risiko, insbesondere bei Patienten unter Antikoagulation — hier jedes Schädel-Hirn-Trauma ernst nehmen.

In meiner eigenen Klinik, den Main-Kinzig-Kliniken Schlüchtern, ist der Oberschenkelhalsbruch nach wie vor der häufigste Grund für eine alterstraumatologische Aufnahme. Die Fallzahlen haben sich zwischen 2019 und 2025 nahezu verdoppelt — von 109 auf 217 Fälle pro Jahr. Diese Entwicklung entspricht dem bundesweiten Trend und macht die strukturierte orthogeriatrische Versorgung zur Regel, nicht zur Ausnahme.

Zur häufigsten und folgenreichsten Fraktur im Alter: Oberschenkelhalsbruch im Alter.

Zur häufigsten Ursache dieser Frakturen: Stürze im Alter.

Zur Rolle der Osteoporose als Fundament des Frakturrisikos: Osteoporose im Alter.

Was macht die Alterstraumatologie anders als die klassische Unfallchirurgie?

1. Andere Zielgrößen

Klassische unfallchirurgische Qualitätskriterien konzentrieren sich auf die Frakturheilung, den Implantatsitz, die Funktion des betroffenen Gelenks. In der Alterstraumatologie treten andere Zielgrößen hinzu — teils gleichrangig, teils vorrangig:

  • Erhalt oder Rückgewinn der vorbestehenden Mobilität
  • Vermeidung und Behandlung eines Delirs
  • Rückkehr in die eigene Wohnung
  • Sekundärprävention weiterer Frakturen
  • Lebensqualität, nicht nur Lebensverlängerung

2. Andere Zeitlogik

Bei jüngeren Patienten kann eine Operation auch um Tage verschoben werden, wenn es organisatorisch nötig ist. Bei älteren Patienten ist die Zeit bis zur Operation ein eigenständiger Prädiktor für Mortalität und Komplikationen. Die S3-Leitlinie fordert deshalb die Versorgung hüftnaher Frakturen innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Mehr dazu unter OP-Risiko im Alter.

3. Andere Komplikationsperspektive

Die klassischen Komplikationen der Unfallchirurgie — Wundinfektion, Implantatlockerung, Nachblutung — sind auch im Alter relevant, treten aber hinter andere Komplikationen zurück, die im jüngeren Lebensalter seltener sind:

  • Postoperatives Delir — 30 bis 50 Prozent nach hüftnaher Fraktur
  • Pneumonie durch Bettlägerigkeit
  • Dekubitus
  • Harnwegsinfekt und Urosepsis
  • Akute Nierenfunktionsstörung durch Flüssigkeits- und Medikamentenprobleme
  • Funktioneller Abbau trotz technisch erfolgreicher Operation — ein Zeichen von Frailty

4. Andere Team-Zusammensetzung

Die alterstraumatologische Versorgung ist kein Zwei-Personen-Modell (Chirurg plus Anästhesist). Sie ist ein Team aus Unfallchirurgie, Geriatrie, Anästhesie, Physiotherapie, Ergotherapie, Pflege, Sozialarbeit, Logopädie und teilweise Ernährungstherapie. Die Wirksamkeit entsteht durch die Zusammenarbeit, nicht durch die Addition.

Der typische Behandlungsverlauf im AltersTraumaZentrum

Tag 0: Aufnahme und Vorbereitung

  • Notfallversorgung durch die Unfallchirurgie
  • Sofortige geriatrische Mitbeurteilung — Assessment, Medikation, Delir-Risiko
  • Schmerztherapie mit möglichst wenig Opioid
  • Flüssigkeitsmanagement, Ausschluss begleitender Ursachen des Sturzes
  • Anästhesiologische OP-Freigabe (Regional- vs. Allgemeinanästhesie)

Tag 1: Operation und erste Mobilisation

  • Operation innerhalb von 24 Stunden (spätestens 48 Stunden)
  • Mobilisation an die Bettkante noch am OP-Tag oder spätestens Tag 1
  • Delir-Screening
  • Thromboseprophylaxe, Atemtherapie, Sekretmanagement

Tag 2 bis 7: Frührehabilitation im Akuthaus

  • Gangschulung mit Gehhilfe
  • Ergotherapie für Alltagsaktivitäten
  • Täglicher orthogeriatrischer Round mit beiden Teams
  • Medikationsanpassung durch Deprescribing, Sekundärprävention, Osteoporoseabklärung

Tag 8 bis 21: Weitere Rehabilitation und Entlassungsplanung

  • Anschlussrehabilitation, geriatrische Frühreha oder Entlassung nach Hause
  • Sozialrechtliche Beratung, Hilfsmittelversorgung, Wohnumfeldanpassung
  • Übergabebrief an Hausarzt mit ausführlichen Empfehlungen

Zum Ablauf der geriatrischen Frührehabilitation: Geriatrische Frührehabilitation.

Zur präoperativen Bewertung des Risikos im Alter: OP-Risiko im Alter.

Die Rolle der Delir-Prävention

Das postoperative Delir ist die häufigste und folgenreichste Komplikation der Alterstraumatologie. Es ist kein Nebenphänomen — es ist ein eigenständiger Prädiktor für Mortalität, längere Liegedauer und Verlust der Selbstständigkeit. Die wirksamste Strategie ist Prävention:

  • Frühe Mobilisation
  • Multimodale Schmerztherapie mit Opioid-Sparing
  • Brille, Hörgerät und Zahnprothese am Bett
  • Vertraute Bezugspersonen fördern
  • Ausreichende Flüssigkeit und Ernährung — besonders relevant bei Mangelernährung im Alter
  • Tag-Nacht-Rhythmus schützen
  • Systematisches Screening mit CAM oder 4AT

Zur ausführlichen Darstellung von Delir und Delirprävention: Delir bei älteren Menschen und Delirprävention.

Was Angehörige wissen und tun können

  • Nach dem zertifizierten AltersTraumaZentrum fragen: Die Struktur der Klinik macht einen messbaren Unterschied.
  • Aktuelle Medikamentenliste mitbringen: Auch frei verkäufliche und pflanzliche Präparate nennen. Stichwort Polypharmazie im Alter.
  • Brille, Hörgerät, Zahnprothese, vertraute Gegenstände bereitstellen: Das reduziert Delir und fördert Mobilisation.
  • Regelmäßig besuchen: Vertraute Gesichter reduzieren nachweislich das Delir-Risiko.
  • Bei der Entlassungsplanung aktiv mitwirken: Je früher Sie einbezogen werden, desto besser gelingt die Rückkehr nach Hause.
  • Nach Osteoporose-Diagnostik und Sekundärprävention fragen: Diese Schritte sind nicht optional. Mehr dazu: Osteoporose im Alter.

???? Die zentrale Frage, die Angehörige stellen dürfen: „Gibt es in dieser Klinik ein strukturiertes alterstraumatologisches Co-Management?" Die Antwort entscheidet über die Qualität der Versorgung mehr als viele andere Faktoren.

Wann sollten Sie einen Geriater einbeziehen?

In zertifizierten AltersTraumaZentren ist die geriatrische Mitbetreuung Standard. In anderen Häusern — und nach Entlassung — gehört eine geriatrische Perspektive bei folgenden Konstellationen zur guten Versorgung:

  • Nach hüftnaher Fraktur, wenn keine strukturierte Mitbetreuung erfolgt ist
  • Bei Polypharmazie mit fünf oder mehr Dauermedikamenten
  • Nach mehreren Stürzen im Alter im Verlauf eines Jahres
  • Bei vorbestehender kognitiver Einschränkung oder Verdacht auf Demenz im Alter
  • Drei bis sechs Monate nach der Fraktur zur Evaluation der Sekundärprävention
  • Bei anhaltender Verunsicherung, Schwäche oder dem Verdacht auf ein Frailty-Syndrom nach Entlassung

Wie das strukturierte geriatrische Assessment die weitere Versorgung begleitet: Geriatrisches Assessment.

Zur systematischen Sturzabklärung nach der ersten Fraktur: Sturzprävention — was wirklich wirkt.

Quellen

  • Grigoryan KV, Javedan H, Rudolph JL (2014): Orthogeriatric care models and outcomes in hip fracture patients: a systematic review and meta-analysis. Journal of Orthopaedic Trauma. DOI: 10.1097/BOT.0b013e3182a5a045
  • Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU): AltersTraumaZentrum DGU — Struktur- und Qualitätskriterien. Aktuelle Fassung.
  • AWMF S3-Leitlinie „Schenkelhalsfraktur des Erwachsenen", Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. AWMF-Register 012-001, aktuelle Fassung.
  • Pincus D, Ravi B, Wasserstein D et al. (2017): Association Between Wait Time and 30-Day Mortality in Adults Undergoing Hip Fracture Surgery. JAMA. DOI: 10.1001/jama.2017.17606
  • Main-Kinzig-Kliniken Schlüchtern, Abteilung Geriatrie: Fallzahlentwicklung proximaler Femurfrakturen 2019–2025 (interne Daten).