Idiopathische Skoliose - Informationen und Spezialisten

18.05.2022
Prof. Dr. med. Heiko Koller
Medizinischer Fachlektor

Die idiopathische Skoliose ist eine Erscheinungsform der Skoliose für die keine bekannte auslösende Ursache erkennbar ist. Mediziner unterscheiden je nach Zeitpunkt der Erkrankung drei Formen: die infantile idiopathische Skoliose, die juvenile idiopatische Skoliose und die idiopathische Adoleszenzskoliose. Die infantilen und juvenilen Skoliosen werden auch in den ‚Early-Onset‘ Skoliosen zusammengefasst.

Erfahren Sie hier mehr über die Ursachen, Symptome und Behandlung der idiopatischen Skoliose und finden Sie ausgewählte Spezialisten.

ICD-Codes für diese Krankheit: M41.0, M41.1, M41.2

Empfohlene Spezialisten für idiopatische Skoliose

Artikelübersicht

Was ist eine idiopathische Skoliose?

Die idiopathische Skoliose ist eine Erscheinungsform der Skoliose. Dabei handelt es sich stets um eine normwidrige Verbiegung der Wirbelsäule, welche auch immer mit einer Verdrehung der Wirbelsäule einhergeht. Das Wort „Skoliose“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet auf Deutsch „Krümmung“. Bei einer Skoliose weicht der Verlauf der Wirbelsäule von ihrer natürlichen Längsachse seitlich ab. Meistens weist diese seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule mehrere gegenläufige Bögen auf.

Zur Aufrechterhaltung des körperlichen Gleichgewichts versucht der Körper gegenzusteuern. Dabei kommt es unweigerlich zu Verdrehungen, Reibungen und Verformungen von einzelnen Wirbelkörpern, da der Ausgleich einzig über die Muskeln nicht mehr gelingt.

Die Wirbelsäulenverformung einer Skoliose bildet sich bereits im Kindheits- oder Jugendalter aus, insbesondere während Phasen ausgeprägten Wachstums, z.B. in der Pubertät.

Soweit möglich, richtet sich die Bestimmung der einzelnen Skoliose-Typen nach

  • deren Ursache,
  • dem Zeitpunkt ihrer Entstehung,
  • der Lage und Art der Krümmung,
  • dem jeweiligen Grad der Krümmungswinkel und nach
  • dem Ausmaß der verbliebenene Flexibiltität (Beweglichkeit) der verschiedenen Krümmungen

Beim sogenannten Krümmungsmuster unterteilen Mediziner in

  • C-förmige Skoliosen,
  • S-förmige Skoliosen und
  • Doppel-S-Skoliosen.

Als Ursachen für angeborene Skoliosen sind vor allem fehlgebildete Wirbelkörper und Wirbelkörperteilstrecken zu nennen, außerdem neuromuskuläre Störungen mit einer Beeinträchtigung der Signalübertragung für die Muskelfunktion. Ferner können insbesondere können nicht behandelte Beinlängendifferenzen zur Ausbildung einer Skoliose führen oder und die Geschwindigkeit des Fortschreitens einer Skoliose beeinflussen.

Erst wenn über klinische und radiologische Untersuchungsmethoden keine Ursache für die Skoliose erkennbar ist, spricht der Arzt von einer idiopathischen Skoliose. Der wie „Skoliose“ aus dem Altgriechischen stammende Begriff „Idiopathie“ bedeutet auf Deutsch „Eigenleiden". Eine idiopathische Skoliose ist somit ein eigenständiger Krankheitszustand ohne bekannte auslösende Ursache.

Die drei Formen der idiopathischen Skoliose

Je nach Zeitpunkt des Auftretens der idiopathischen Skoliose (IS) unterscheiden Mediziner drei Formen:

  1. Infantile idiopathische Skoliose (IIS): Auftreten bis zum 3. Lebensjahr
  2. Juvenile idiopathische Skoliose (JIS): Auftreten zwischen dem 4. und 10. Lebensjahr
  3. Idiopathische Adoleszenzskoliose (AIS): Auftreten ab dem 11. Lebensjahr

Der Höhepunkt des Auftretens einer idiopathischen Skoliose liegt im Alter zwischen 10 und 12 Jahren.

Erwähnenswert ist zudem, dass es sich bei einer erst im Erwachsenenalter diagnostizierten Skoliose um eine bisher unentdeckte, dabei fortbestehende idiopathische Adoleszenzskoliose im Erwachsenenalter handeln kann. Arzt und Patient können es hier aber auch mit einer spät aufgetretenen Skoliose zu tun haben, oft infolge von degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule beziehungsweise Wirbelkörper. Dann spricht der Arzt von degenerativer Erwachsenenskoliose oder auch De novo Skoliose.

Welche Symptome sind typisch für die idiopathische Skoliose?

Wie bei der herkömmlichen Skoliose zeigen sich auch bei der idiopathischen Skoliose dafür typische Symptome bereits auf den ersten Blick:

  • schiefer Rücken
  • Beckenschiefstand
  • unterschiedliche Schulterhöhen
  • hervorstehendes Schulterblatt
  • schief gehaltener Kopf
  • Asymmetirscher Taillierung oder Mamillenstang

Die Symptome treten nicht zwingend gleichzeitig auf. Je nach Krankheitsbild und Erkrankungsfortschritt nimmt ihre Zeit zu – wobei ein Symptom eventuell nie auftritt, zum Beispiel der schief gehaltene Kopf.

Zu Beginn verursacht eine idiopathische Skoliose häufig keine Schmerzen und bleibt unbemerkt. Kommt es nach abgeschlossenem Körperwachstum aufgrund der fehlgebildeten Wirbelsäule und Wirbel irgendwann zu fortschreitenden Verformungen oder Abbauprozessen, klagen Patienten mitunter über Verspannungen und Schmerzen im oberen und unteren Rückenbereich sowie über Bewegungseinschränkungen. Eine gerade Haltung ihres Rückens fällt Patienten zunehmend schwerer. In fortgeschrittenen Fällen ist längeres Stehen und Gehen erschwert und die Funktionalität der Patienten deutlich eingeschränkt.

Bei stärkerer Wirbelsäulenverkrümmung und einer damit verbundenen Verformung oder Verengung des Brustkorbes kann es sogar zu Funktionsstörungen von Herz und Lunge kommen. Obendrein können bei starker Skoliose die unteren Rippen und der Beckenkamm einander schmerzhaft berühren.

Untersuchung und Diagnose der idiopathischen Skoliose

Sofern eine idiopathische Skoliose nicht sehr ausgeprägt ist und keine Beschwerden verursacht, findet ihre Diagnose häufig als Zufallsbefund während einer körperlichen Untersuchung aus anderem Anlass statt. Das geschulte Auge des Arztes vermag frühzeitig die Laien verborgenen sichtbaren Anzeichen einer Skoliose zu erkennen.

Bei Verdacht auf eine idiopathische Skoliose betrachtet der Arzt die freigemachte Rückenpartie seines dabei stehenden Patienten. Zusätzlich wirft er einen kontrollierenden Blick auf die Beine: Gibt es Unterschiede der Beinlängen? Beinlängendifferenzen werden im Liegen und im Stehen analysiert.

Als weiteres wichtiges Untersuchungsmittel dient der Adams-Vorbeugetest: Der Patient wendet dem Arzt weiterhin den Rücken zu und beugt sich im Stehen nach vorn. Unregelmäßigkeiten im Verlauf der Wirbelsäule sowie der davon abgehenden Rippen treten bei diesem Test verstärkt hervor.

Eine Röntgen-Untersuchung der Wirbelsäule in der Frontalebene und in der Seitebene sichert den Diagnosebefund ab. 

Auf den sog. Wirbelsäulenganzaufnahmen, welche durch Abbildung der Beckenkämme auch die Beurteilung des sog. knöchernen Reifestatus der Patienten ermöglichen, werden die unterschiedlichen Krümmungsarten analysiert:

  • Hauptkrümmung: stärkste Wirbelsäulenabweichung
  • Nebenkrümmung: korrigierende Abweichung über und unter der Hauptkrümmung
  • Neutralwirbel: Krümmungsrichtungswechsel = Wendepunkt der Krümmung

Beurteilt werden zudem die Balance der Wirbelsäule in beiden Ebenen sowie die Rotation der Wirbelsäule in der Frontalebene und auch die Form der Wirbelsäule in der seitlichen Ebene.

In der Auswertung des Röntgenbildes misst der Arzt über den Cobb-Winkel den Grad der bestehenden Wirbelsäulenverkrümmung. Der Cobb-Winkel umfasst einen Messbereich von 10° für leichte Abweichungen bis 30° – und vereinzelt mehr – für schwere Verkrümmungen. Dabei fällt auf: Je höher der Cobb-Winkel ausfällt, desto stärker betrifft er Mädchen und Frauen – zum Beispiel circa siebenmal häufiger ab einem Cobb-Winkel von 30°.

Welche Behandlungen für eine idiopathische Skoliose gibt es?

Leichte idiopathische Skoliosen mit einem Cobb-Winkel unter 10° sind noch nicht behandlungsbedürftig. Es ist allerdings sinnvoll, eine bekannte Skoliose regelmäßig zu kontrollieren. Ansprechpartner zur Behandlung einer Skoliose sind Orthopäden, darunter am besten ein Spezialist für Wirbelsäulenverkrümmungen.

Für Skoliosen von maximal 20° genügt eine ärztliche Kontrolle alle 6 Monate, gegebenenfalls unterstützt von Röntgenaufnahmen.

Bei Skoliosen von 20-30° aufwärts ist bei weiterhin regelmäßigen Kontrolluntersuchungen der parallele Einsatz eines Korsetts zu evaluieren. Hierbei gilt, je konsequenter das Korsett getragen wird, desto effektiver ist seine Wirkung!

Gute Erfolge bei einer stark ausgeprägten idiopathischen Skoliose verspricht eine operative Korrektur. Hierbei führt der Wirbelsäulenchirurg, welcher besondere Schwerpunkte und Erfahrung im Bereich der Skoliosechirurgie vorweisen sollte (Stichwort: Spezialist für Skoliosechirurgie), eine Korrektur der Skoliose herbei und versteift die verantwortlichen Wirbelsäulenabschnitte. Dabei gilt als höchster Grundsatz: Stets so kurz wie möglich und nur so lange wie nötig. 

Die sog. dynamische Skoliosekorrektur oder die Korrektur mit Wachstumsstäben kommt bei Kindern mit ausgeprägten Skoliosen (40-60°) und noch sehr großem Wachstumspotential zum Einsatz.

Eine stark ausgeprägte idiopathische Skoliose belastet zahlreiche Betroffene auch seelisch. Eine Psychotherapie als ergänzende Behandlung baut auf und hilft beim weiteren Umgang mit der Erkrankung.

Prognose der idiopathischen Skoliose

Sowohl mit konservativen als auch mit operativen Therapien können heutzutage sehr genau und reproduzierbar exzellente Ergebnisse erreicht werden. Funktionalität, Ausbildung und Berufsleben sollten nur selten signifikant eingeschränkt sein. Wichtig für gute Ergebnisse mit Skoliose und nach einer Skoliosetherapie ist eine gute Muskulatur des Stütz- und Bewegungsapparates der betroffenen Patienten. Hier helfen Physiotherapien, körperliche Ertüchtigung und Fitness-Studios, um ungünstige Verläufe und Beschwerden mit zunehmenden Alter vorzubeugen.

Fazit

Die idiopathische Skoliose tritt in unterschiedlicher Ausprägung von Wirbelsäulenverkrümmungen auf. Anfangs bereitet sie oft keine Beschwerden und ist eher ein Zufallsbefund. Spätere Beschwerden zeigen sich insbesondere durch Schmerzen am unteren Rücken sowie beim längeren Stehen und Gehen.

Unsere moderne Medizin hält für Patienten hilfreiche Behandlungsmethoden bereit. Die fachärztlichen Therapien ermöglichen von einer idiopathischen Skoliose Betroffenen auch langfristig eine lohnende Lebensqualität.

Quellen

https://www.thieme.de/de/orthopaedie-unfallchirurgie/die-idiopathische-skoliose-150941.htm
https://www.aerzteblatt.de/archiv/79564/Die-idiopathische-Skoliose
https://www.amboss.com/de/wissen/Idiopathische_Skoliose/
https://wirbeldoc.de/idiopathische-skoliose/
https://de.wikipedia.org/wiki/Skoliose
https://koller-spine.de/idiopathische-skoliose/

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