Milzriss: Informationen & Milzriss-Spezialisten

05.08.2022
Dr. Claus  Puhlmann
Medizinischer Fachautor

Bei einem Milzriss – auch Milzruptur genannt – handelt es sich um eine Verletzung der Milz. Sie wird meist durch ein stumpfes Bauchtrauma hervorgerufen. In der Folge können schwere innere Blutungen auftreten. Je nach Ausmaß der Verletzung werden bei einem Milzriss fünf verschiedene Schweregrade unterschieden. Wenn möglich wird ein heute eine nichtoperative, milzerhaltende Therapie bevorzugt. Bei einem schweren Milzriss ist in der Regel aber eine Notoperation erforderlich.

Hier finden Sie weiterführende Informationen sowie ausgewählte Milzriss-Spezialisten und Zentren.

ICD-Codes für diese Krankheit: S36.0

Empfohlene Milzriss-Spezialisten

Milzriss Fälle in Deutschland

2.434 Fälle im Jahr 2020
2.454 Fälle im Jahr 2023 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Artikelübersicht

Definition: Was ist ein Milzriss (Milzruptur)?

Ein Milzriss bzw. eine Milzruptur ist eine Verletzung der Milz. Die Milzruptur wird meist durch ein stumpfes Bauchtrauma hervorgerufen. Sie hat schwere Blutungen in die Bauchhöhe zur Folge, die eine eine Notoperation notwendig machen können.

Bei einem Milzriss ist

  • nur die Milzkapsel von der Verletzung betroffen, oder 
  • zusätlich das innere Gewebe der Milz, das so genannte Milzparenchym.

Zudem kann es bei einem Milzriss auch zu einem Abriss der Blutgefäße der Milz kommen. Je nach Ausmaß der Verletzungen weist man dem Milzriss einen von fünf Schweregraden zu.

Die Milz ist ein im linken Oberbauch unterhalb des linken Rippenbogen liegendes Organ. Sie ist für die Beseitigung alter roter Blutkörperchen und Blutplättchen zuständig. Darüber hinaus spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Abwehr körperfremder Stoffe.

Mit einer Länge von zehn bis zwölf Zentimetern ist die Milz das größte Lymphorgan im menschlichen Körper. Sie ist sechs bis acht Zentimeter breit, drei bis vier Zentimeter dick und 150 bis 200 Gramm schwer.

Von der Bindegewebskapsel ziehen blutgefäßführende Trabekel (Milzbalken) in das Parenchym.

Die Milz ist aufgrund ihrer Position im Bauchraum gut geschützt. Daher sind in der Regel massive Einflüsse von außen notwendig, um sie zu verletzen. Dazu kann ein heftiger Schlag oder Stoß in die Magengrube gehören.

Die Lage der Milz
Die Lage der Milz im menschlichen Körper © pixdesign123 | AdobeStock

Formen und Schweregrade eines Milzrisses

Bei einem Milzriss werden abhängig vom Ausmaß der Verletzung fünf verschiedene Schweregrade unterschieden. Man spricht hier von der AAST-Klassifikation.

Ein Milzriss vom Grad 1 ist durch

  • einen Kapselriss,
  • eine Parenchymverletzung, die weniger als einen Zentimeter in die Tiefe reicht, und
  • ein unterhalb der Milzkapsel gelegenes (subkapsuläres), sich nicht ausbreitendes Hämatom (kleiner zehn Prozent der Oberfläche)

gekennzeichnet. Es kommt zu keiner Blutung.

Bei einem Milzriss vom Grad 2 liegt

  • ein Kapselriss,
  • eine Parenchymverletzung, die ein bis drei Zentimeter in die Tiefe reicht, und
  • ein subkapsuläres Hämatom (zehn bis 50 Prozent der Oberfläche), das weniger als zwei Zentimeter ins Parenchym reicht,

vor. Es kommt zu einer Blutung.

Bei einem Milzriss vom Grad 3 liegt

  • ein Kapselriss,
  • eine Parenchymverletzung, die mehr als drei Zentimeter in die Tiefe reicht, und
  • ein subkapsuläres Hämatom (mehr als 50 Prozent der Oberfläche), das mehr als zwei Zentimeter ins Parenchym reicht,

vor. Die Tabekelgefäße (Blutgefäße innerhalb der Milz) sind verletzt.

Beim Milzriss vom Grad 4 kommt es zu einem Kapselriss und einer Parenchymverletzung. Bei der Parenchymverletzung werden mehr als 25 Prozent der Milz aufgrund einer Verletzung der Tabekelgefäße und der Hilusgefäße nicht mehr durchblutet.

Beim Milzriss vom Grad 5 ist die Milz vollständig zerrissen. Die Milz ist im Milzhilus abgerissen, was eine komplette Unterbrechung der Gefäßversorgung der Milz zur Folge hat.

Daneben lässt sich bei einem Milzriss zudem nach der akuten klinischen Symptomatik unterscheiden:

Bei einer einzeitigen Milzruptur zerreißen die Milzkapsel und das Milzparenchym gleichzeitig unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis.

Bei einer zweizeitigen Milzruptur liegt zunächst nur ein Riss des Milzparenchyms vor. Die Milzkapsel ist noch intakt und reißt erst mehrere Stunden bis Tage nach dem traumatischen Ereignis.

Ursachen für einen Milzriss

Ein Milzriss kann sowohl traumatische als auch nicht-traumatische Ursachen haben. In den meisten Fällen wird ein Milzriss aber durch ein stumpfes Bauchtrauma hervorgerufen.

Die häufigsten Auslöser eines Bauchtraumas sind

  • schwere Autounfälle,
  • Arbeitsunfälle,
  • Sportunfälle oder
  • Schlägereien

auf. Die Verletzung ist durch eine stumpfe Gewalteinwirkung auf den Bauch gekennzeichnet.

In seltenen Fällen können auch

  • Schüsse,
  • Messerstiche,
  • intraoperative Verletzungen oder
  • linksseitige Rippenbrüche

einen traumatischen Milzriss zur Folge haben.

Zu den seltener vorkommenden, nicht-traumatischen Ursachen eines Milzrisses gehören unter anderem

  • Virusinfektionen,
  • hämatologische Erkrankungen und
  • Milztumoren.

Diese Erkrankungen können eine so genannte Spontanruptur der Milz zur Folge haben.

Symptome eines Milzrisses

Bei einem Milzriss tritt Blut aus der Milz in die freie Bauchhöhle. Daraus resultiert ein Mangel an Blut im Kreislauf. Wie stark die Beschwerden ausgeprägt sind, hängt vom Schweregrad des Milzrisses und dem Ausmaß des Blutverlustes ab.

Bei einem einzeitigen Milzriss tritt unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis Blut in die Bauchhöhle aus. Dies führt zu

  • Schmerzen im linken Oberbauch, die in die linke Körperseite ausstrahlen können,
  • einer reflexartigen Verspannung der Bauchdeckenmuskulatur mit einem brettharten Bauch,
  • einer Druckempfindlichkeit des Bauches und
  • gegebenenfalls eine Zunahme des Bauchumfangs.

Bei einem Milzriss besteht zudem die akute Gefahr eines lebensbedrohlichen Schocks. Infolge des starken Blutaustritts in die Bauchhöhle sinkt der Blutdruck in den Blutgefäßen. Deshalb erhalten das Gehirn und das Herz unter Umständen nicht mehr ausreichend Sauerstoff.

Die Minderdurchblutung und der Sauerstoffmangel führen zu

  • Schwindel,
  • Benommenheit,
  • Verwirrtheit,
  • Sehstörungen,
  • Ohnmacht,
  • leichten Kopfschmerzen,
  • beschleunigtem Puls und
  • flacher Atmung.

Bei einem zweizeitigen Milzriss besteht initial nur eine Parenchymverletzung, die Kapsel ist vorerst noch intakt. Die Milzkapsel reißt erst mehrere Stunden oder Tage nach dem eigentlichen traumatischen Ereignis. Daher sammelt sich das Blut zunächst innerhalb der Milzkapsel an.

Die Symptome eines einzeitigen Milzrisses treten daher erst dann auf, wenn die Milzkapsel schließlich doch reißt. Das kann mehrere Stunden oder Tage dauern.

Diagnose einer Milzruptur

Das diagnostische Vorgehen hängt maßgeblich vom Zustand des Patienten und seiner Kreislaufsituation ab. Im Rahmen einer körperlichen Untersuchung, beispielsweise nach einem Verkehrs- oder Sportunfall, wird auf

  • Prellmarken,
  • Gurtmarken,
  • Abwehrspannung,
  • Spontanschmerz und
  • Druckschmerz

geachtet.

  • Linke Oberbauchschmerzen, die in die linke Körperhälfte ausstrahlen,
  • eine Druckempfindlichkeit des Bauches und
  • Prellmarken an der linken Seite des Brustkorbs

deuten bereits auf einen Milzriss hin. Darüber hinaus werden die Vitalparameter (Blutdruck und Herzfrequenz) sowie bestimmte Laborwerte bestimmt.

Besteht daraufhin der Verdacht auf einen Milzriss, folgt meistens eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums. Medizinisch spricht man dabei von einer Abdomen-Sonografie. Damit lassen sich Flüssigkeit im Bauchraum nachweisen und das Ausmaß eines Milzrisses beurteilen.

Goldstandard bei der Diagnose einer Milzverletzung ist aber die Computertomografie des Bauchraumes (Abdomen-CT). Mit einer CT lässt sich das Milzparenchym besser darstellen.

Als Alternative zum CT kann bei stabiler Kreislaufsituation des Patienten auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt werden.

Behandlung einer Milzruptur

Die Behandlung eines Milzrisses zielt darauf ab, die Milz zu reparieren und zu erhalten. Die Entfernung der Milz würde schwere Komplikationen nach sich ziehen.

Die Therapie richtet sich nach

  • dem Schweregrad des Milzrisses und
  • dem Ausmaß der Blutung in den Bauchraum und damit der Kreislaufstabilität,
  • dem Vorliegen von Begleitverletzungen sowie
  • nach patientenabhängigen Faktoren wie Alter, Nebenerkrankungen und Medikamenteneinnahme.

Frpher wurde nahezu jede Milzverletzung operiert. Heute bevorzugt man bei stumpfen Milzverletzungen ein nicht-operatives (konservatives) Vorgehen. Voraussetzung dafür ist, dass der Patient hinsichtlich des Kreislaufs stabil bzw. stabilisierbar ist.

Zum konservativen Vorgehen gehören

  • die rein abwartende Strategie, bei der der Patient am Monitor überwacht wird, und
  • die interventionelle Therapie mit Angioembolisation.

Die Milz und damit die wichtige Funktion der Milz als Immunorgan bleiben erhalten.

Bei der Angioembolisation wird über einen Gefäßzugang ein Katheter bis in die Milz vorgeschoben. Dann versucht der Arzt, die Blutung durch das Einbringen von beispielsweise

  • Platinspiralen,
  • Kunststoffpartikeln oder
  • Klebstoffen

zum Stillstand zu bringen.

Ist ein Patient durch Bluttransfusionen allerdings nicht stabilisierbar, muss operiert werden.

Eine milzerhaltende Operation ist die Splenorrhaphie. Dabei setzt der Operateur einengende Nähte bettet die Milz in ein resorbierbares Netz.

Ist die Blutung allerdings nicht durch dieses oder lokale Blutstillungsverfahren beherrschbar, muss die Milz

  • teilweise (Teilsplenektomie) oder
  • komplett (Splenektomie)

entfernt werden.

In den aktuellen medizinischen Empfehlungen wird folgendes grundsätzliches Vorgehen vorgeschlagen:

  • Beim kreislaufstabilen Patienten mit Milzverletzung ohne Begleitverletzungen: Nicht-operative Versorgung.
  • Beim kreislaufstabilen Patienten mit Milzverletzung, bei denen die Blutung nicht von alleine zum Stillstand kommt: Anstelle einer Operation eine Angioembolisation.
  • Bei einem Milzriss vom Grad 1, 2 oder 3 soll, wenn ein operativer Eingriff erforderlich sein sollte: Milzerhaltende Operation.
  • Bei einem Milzriss vom Typ 4 oder 5: Milzentfernung statt Milzerhaltung.

Nach einer Milzentfernung ist das Risiko, an Infektionskrankheiten zu erkranken, deutlich erhöht. Daher sollte der Patient vor dem Eingriff gegen

  • Grippeviren
  • Pneumokokken (Erreger der Lungenentzündung)
  • Meningokokken (Erreger der Hirnhautentzündung)
  • Haemophilus influenzae Tyb b (HiB) (verschiedene Entzündungen sowie Blutvergiftung)

geimpft weren.

Damit kann das OPSI-Syndrom ("overwhelming post-splenectomy infection") vermieden werden. Das ist die schwerste Komplikation nach einer Milzentfernung. Sie umfasst schwere bakterielle Infektionen und führt zu hoher Sterblichkeit.

Prognose bei einem Milzriss (Milzruptur)

Die Prognose bei einem Milzriss hängt von

  • Blutverlust,
  • den Begleitverletzungen und
  • dem Alter des Patienten

ab. Zur Vorbeugung des OPSI-Syndroms sollten die obigen Impfungen durchgeführt und eine gegebenenfalls lebenslange Antibiotikaprophylaxe gegeben werden.

Quellen

  • Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (2015) Traumatische Milzruptur im Kindesalter. AWMF-Registernummer 006-112
  • Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (2016) S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Registernummer 012-119
  • Rokitansky A (2018) Erkrankungen der Milz bei Kindern und Jugendlichen: Chirurgische Therapie. In: von Schweinitz D, Ure B (eds) Kinderchirurgie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin, Heidelberg
  • Schiebler TH (2005) Anatomie - Histologie, Entwicklungsgeschichte,makroskopische und mikroskopische Anatomie,Topographie, 9. Aufl. Springer, Berlin, Heidelberg
  • Weitzel C et al. (2018) Therapeutisches Vorgehen bei der stumpfen Milzverletzung. chirurgische praxis 84: 1–14
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