Eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt gelten als übergewichtig und adipös. Hierzulande betrifft das etwa jeden vierten Erwachsenen. Aber leiden alle Betroffenen deshalb an Krankheitssymptomen und sterben früher? Nein.
Seit einigen Jahren schon steht der sogenannte Body-Mass-Index - kurz BMI - in der Kritik. Bislang entschied der Wert mit einer einfachen Rechnung über Über- oder Untergewicht. Aber was sagt das Gewicht über den Gesundheitszustand der Menschen aus?
Eine internationale Kommission (Comission on Clinical Obesity) aus 56 Fachleuten erarbeitete in diesem Jahr neue Definitionen von Adipositas und empfiehlt eine veränderte Herangehensweise bei der Diagnose. Dadurch soll stark Übergewichtigen gezielter geholfen werden, während gleichzeitig Fehldiagnosen und Übertherapien reduziert werden. In diesem Zuge erhoffen sich die Experten außerdem eine Entstigmatisierung von Betroffenen in der Gesellschaft.
Wie sinnvoll ist der BMI-Rechner heute noch?
Im Internet lädt eine Fülle von Seiten zur Berechnung des eigenen BMIs ein. Die einfache Formel lautet: das Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Ein Wert unter 18,5 kg/m2 spricht für Untergewicht, ab 25 kg/m2 beginnt Übergewicht, bei Werten über 30 kg/m2 lautete die Diagnose bisher Adipositas. Ein Wert ab 40 kg/m2 wird als Adipositas dritten Grades kategorisiert.
Diese Angaben sagen aber nichts über den Körperfettanteil sowie die Muskelmasse eines Menschen aus. Wer viele Muskeln hat, kann fälschlicherweise als übergewichtig gelten. Zudem zeigen einige schwergewichtige Menschen gar keine Krankheitssymptome, während das bei “Normalgewichtigen” mit risikoreicher Fettverteilung gar nicht erst untersucht wird, da es nicht auffällt.
Der BMI lässt also keine Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Einzelnen zu. Das führte in der Vergangenheit zu Fehldiagnosen, unnötigen Risiken und Kosten. Medizinische Ressourcen wurden aufgebraucht - ohne Nutzen für Betroffene.
Entscheidende Faktoren bei der Körperzusammensetzung sind des Weiteren Alter, Geschlecht und ethnische Unterschiede, auch diese werden bei der Berechnung des BMI nicht berücksichtigt. Obwohl zum Beispiel in Asien der BMI-Grenzwert für Adipositas bereits bei 27,5 kg/m2 liegt, da die Bevölkerung im Durchschnitt etwas kleiner als in anderen Teilen der Welt ist. Mittlerweile gleichen sich die Größenverhältnisse jedoch langsam an.
Eine optimierte Adipositas-Diagnose soll laut Kommission in erster Linie den Menschen dienen und das Gesundheitssystem entlasten.
Die Rolle des viszeralen Körperfetts
Um das Risiko für Folgeerkrankungen von zu viel Körpergewicht besser einzuschätzen, richten Mediziner ihr Augenmerk auf die Verteilung des viszeralen Körperfetts, also des Fettanteils im Bauchraum und um die Organe. Bis zu einem gewissen Grad sind Fettansammlungen in diesem Bereich normal und gesund, was jedoch darüber hinausgeht, hat sich als großer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ 2 erwiesen.
Bei einer Beschränkung auf den BMI als Maßeinheit kann übermäßiges viszerales Körperfett leicht übersehen werden.
Neue Spezifizierung von Adipositas
Die internationale Kommission hat sich deshalb in ihrem Bericht auf neue Klassifizierungen von Adipositas verständigt:
Klinische Adipositas
Mit diesem Begriff beschreiben die Fachleute eine Adipositas, bei der eine chronische Erkrankung besteht, da aufgrund des Übergewichts bereits Organfunktionsstörungen vorliegen. Die klinische Fettleibigkeit wird als fortschreitende Krankheit angesehen, in deren weiteren Verlauf es zu schweren Dysfunktionen an Endorganen und lebensverkürzenden Komplikationen kommen kann.
In diesem Fall ist eine schnelle und gezielte medizinische Versorgung entscheidend.
Präklinische Adipositas
Dieser Typ gilt nicht als anhaltende Erkrankung, da keine Störungen der Organfunktionen zu erkennen sind. In diesem Fall besteht nur ein gesteigertes Gesundheitsrisiko, das gegebenenfalls durch vorbeugende Maßnahmen und eine sorgfältige Beratung verringert werden kann.
Um eine individuelle Diagnose stellen zu können – denn darum geht es der Kommission in erster Linie – müssen andere Parameter untersucht und nicht nur der BMI berechnet werden.
“Eine gründliche und ausgewogene Definition von Adipositas ist längst überfällig, um die medizinischen und sozioökonomischen Herausforderungen anzugehen“, erklärt Prof. Stefan Richard Bornstein, Mitglied der Kommission und Direktor des Zentrums für Innere Medizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden sowie Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).
Schritt für Schritt zur individuellen Diagnose
Die Experten sprechen sich für eine mehrphasige Diagnostik der klinischen Adipositas aus. Im ersten Schritt erfolgen die Anamnese und eine körperliche Untersuchung. Anschließend soll eine Reihe von Standard-Labortests durchgeführt werden, die ein vollständiges Blutbild, Blutzuckermessungen, ein Lipidprofil sowie Nieren- und Leberfunktionstests umfassen. Gegebenenfalls erfolgen weitere diagnostische Tests.
18 Kriterien stellten die Experten am Ende für die Ermittlung einer klinischen Adipositas vor. Alle sind Anzeichen, die auf Organ- oder Gewebedysfunktionen hindeuten sowie durch das Übergewicht bedingte starke Einschränkungen im Alltag. Zu den Parametern gehören unter anderem erhöhter arterieller Blutdruck, Lymphödeme, Kurzatmigkeit usw.
Moderne Alternativen zum BMI
Ist der BMI-Rechner dann überhaupt noch sinnvoll? Als erster Richtwert für eine mögliche Erkrankung bzw. die Einleitung weiterer Untersuchungen kann der Body-Mass-Index auch heute noch gelten, bei einem Wert von über 40 kg/m2 ist er von Nutzen, da Übergewicht in diesem Bereich in der Regel immer auch mit schweren gesundheitlichen Folgen einhergeht.
Als moderne Alternativen zur besseren Ermittlung des Gesundheitszustands gelten dagegen die Bioelektrische Impedanzanalyse sowie die Waist-to-Hip Ratio (Taille-Hüft-Verhältnis).
Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA)
Bei dieser Analyse können in wenigen Minuten und völlig schmerzfrei der Körperfettanteil, die Muskelmasse sowie der Wasseranteil im Körper bestimmt werden. Nachteile: Die Messgeräte sind verhältnismäßig teuer und das Ergebnis kann in Bezug auf den Mageninhalt vom tatsächlichen Wert abweichen. Deshalb sollte vor der Messung keine Mahlzeit eingenommen werden.
Waist-to-Hip Ratio (WHR)
Bei der sehr einfachen Messmethode wird das Verhältnis von Taillenumfang und Hüftumfang miteinander in Beziehung gesetzt. Beide werden mit dem Maßband gemessen und der Taillenwert durch den Hüftwert geteilt. Dadurch kann das viszerale Fett gut eingeschätzt werden.
Fazit
Der BMI-Rechner ist bei der Adipositas-Diagnose ungenügend, da die Werte keinen Rückschluss auf die Gesundheit des Einzelnen erlauben. Laut Gremium soll zwischen chronischer Erkrankung mit Organdysfunktionen und Adipositas nur als Risikofaktor für Folgeerkrankungen, aber bislang ohne Beeinträchtigung unterschieden werden.
Mithilfe einer Reihe von Untersuchungskriterien möchte die internationale Kommission die Diagnose einer klinischen und unverzüglich behandlungsbedürftigen Adipositas erleichtern. Im Falle einer präklinischen Adipositas werden eine Beratung und nur bei Bedarf weitere vorsorgende Maßnahmen empfohlen.
Durch diese Trennung erhoffen sich die Experten, die individuelle Lage Erkrankter schnell zu verbessern sowie das Gesundheitssystem durch weniger Fehldiagnosen zu entlasten und Betroffene vor unnötigen Risiken zu schützen.
Wenn Sie übergewichtig sind und sich Klarheit über Ihren Gesundheitszustand verschaffen möchten, nehmen Sie Kontakt zu Adipositas-Zentren auf.
Quellen
- https://www.dzd-ev.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2025/internationale-kommission-schlaegt-umfassende-ueberarbeitun/index.html
- https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/kardiologie-interdisziplinaer/herz-und-diabetes/neue-kriterien-diagnose-klinische-adipositas.html
- https://www.swr.de/wissen/neues-verfahren-zur-definition-und-diagnose-von-adipositas-uebergewicht-100.html
- https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Adipositas-Diagnose-BMI-bald-Geschichte-455775.html
- https://www.stern.de/gesundheit/ernaehrung/bmi-und-uebergewicht-warum-der-body-mass-index-ueberholt-ist-3796626.html#:~:text=So%20kann%20ein%20trainierter%20Sportler%20wegen%20seines,die%20Wahrscheinlichkeit%2C%20krank%20zu%20werden%2C%20stark%20beeinflussen.u
