- Deutschland: Rund 150.000 proximale Femurfrakturen pro Jahr.
- Altersverteilung: Über 80 Prozent der Betroffenen sind über 75 Jahre.
- Geschlechterverhältnis: Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer, vor allem wegen postmenopausaler Osteoporose im Alter.
- Lebenszeitrisiko: Etwa jede vierte Frau und jeder zehnte Mann über 70 erleidet im Verlauf eine hüftnahe Fraktur.
In meiner eigenen Klinik, den Main-Kinzig-Kliniken Schlüchtern, hat sich die Fallzahl zwischen 2019 und 2025 nahezu verdoppelt — von 109 auf 217 Fälle pro Jahr. Das entspricht einem Anstieg von 99,1 Prozent in sechs Jahren. Die demographische Alterung unseres Einzugsgebiets erklärt nur einen Teil dieser Kurve; der andere Teil geht auf vermeidbare Stürze im Alter zurück. Diese Zahlen haben zwei Konsequenzen: Wir haben unsere geriatrische Frührehabilitation entsprechend ausgebaut — und wir haben die Delirprävention, Medikationsreview und präoperative Assessment-Struktur zum Standardprozess gemacht, nicht zur Ausnahme.
→ Warum Stürze im Alter selten „nur" Stürze sind — und was dahinter steckt: Stürze im Alter.
Ein Oberschenkelhalsbruch ist in jedem Alter eine schwere Verletzung, aber bei älteren Menschen kommt etwas hinzu: Die Fraktur selbst ist meist das sichtbare Ereignis — die eigentliche Herausforderung beginnt danach. Die relevanten Zahlen:
- 1-Jahres-Mortalität: 20 bis 30 Prozent, je nach Ausgangszustand und Versorgungsqualität. Das ist höher als nach den meisten Tumorerkrankungen in der Altersmedizin.
- Funktioneller Verlust: Nur etwa 40 bis 50 Prozent der Patienten erreichen das präfrakturelle Mobilitätsniveau vollständig zurück.
- Pflegebedürftigkeit: 20 bis 30 Prozent der zuvor selbstständig lebenden Patienten gehen nach der Fraktur in stationäre Pflege.
- Delir-Rate: 30 bis 50 Prozent der Patienten entwickeln postoperativ Zeichen eines Delirs — mehr dazu: Delirprävention.
- Re-Fraktur-Risiko: Nach einer hüftnahen Fraktur ist das Risiko für eine zweite Fraktur auf der Gegenseite innerhalb weniger Jahre deutlich erhöht.
Diese Zahlen klingen alarmierend — und sie sind es. Sie sind aber keine unveränderlichen Naturgesetze. Sie unterscheiden sich erheblich je nach Versorgungsqualität. Das Frailty-Syndrom ist dabei ein zentraler Faktor: Patienten mit vorbestehender Gebrechlichkeit haben ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen.

Die operative Versorgung ist heute Standard in der Alterstraumatologie. Nicht-operative Behandlung kommt nur noch bei klar definierten Ausnahmen in Frage (Patienten in palliativer Situation, nicht OP-fähige Zustände). Die Wahl des Verfahrens hängt von der Frakturlokalisation und dem Aktivitätsniveau ab:
Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP)
Der kaputte Oberschenkelkopf wird durch eine Prothese aus Metall und Kunststoff ersetzt. Bevorzugt bei aktiven Patienten mit guter Lebenserwartung und vorbestehender Hüftarthrose. Langlebige Versorgung, hohe funktionelle Belastbarkeit.
Hemiarthroplastik (Duokopfprothese)
Nur der Oberschenkelkopf wird ersetzt, die Hüftpfanne bleibt erhalten. Kürzere OP-Zeit, kleinerer Eingriff. Bevorzugt bei älteren, wenig aktiven Patienten ohne vorbestehende Arthrose.
Osteosynthese (Verschraubung oder Marknagel)
Die Fraktur wird mit Schrauben, Platten oder einem Marknagel stabilisiert, der eigene Knochen bleibt erhalten. Bei stabilen, nicht dislozierten Frakturen und bei Frakturen im Trochanterbereich.
Die Entscheidung zwischen diesen Verfahren wird vom operierenden Team individuell getroffen. Wichtig für Patienten und Angehörige zu wissen: Die Wahl des Implantats entscheidet nicht allein über den Verlauf. Die postoperative Mobilisation und die geriatrische Begleitung sind mindestens genauso wichtig.
→ Vertieft zum Gelenkersatz im Alter — was ältere Patienten wissen sollten.
→ Speziell zur Hüftendoprothese: Hüft-TEP ab 80.
Eine der am besten belegten Erkenntnisse der letzten Jahre: Die Zeit bis zur Operation ist ein unabhängiger Prädiktor für Mortalität und Funktionsverlust. Die S3-Leitlinie der AWMF und internationale Leitlinien empfehlen eine operative Versorgung innerhalb von 24 Stunden, spätestens aber innerhalb von 48 Stunden nach Aufnahme. Gründe:
- Längere Wartezeit erhöht die Rate an Pneumonien, Thrombosen, Delir und Dekubitus
- Ausgedehnte Bettlägerigkeit vor der OP führt zu Muskelabbau (Sarkopenie) und kardiovaskulärer Dekonditionierung
- Die Schmerzen sind in Ruhe oft erheblich, selbst bei liegender Lage — Schmerzlinderung kommt primär durch die Operation
In Deutschland gelingt die 24-Stunden-Versorgung nicht überall flächendeckend, auch wenn sie in spezialisierten Zentren der Altersmedizin zunehmend Standard wird.
Die Orthogeriatrie — die strukturierte Zusammenarbeit von Unfallchirurgie und Geriatrie — ist eine der am besten belegten Organisationsformen der modernen Altersmedizin. Studien zeigen:
- Senkung der 1-Jahres-Mortalität um bis zu 30 Prozent
- Kürzere Liegedauer
- Deutliche Reduktion postoperativer Komplikationen (Delir, Pneumonie, Thrombose)
- Höhere Rate an Rückkehr in die eigene Wohnung
Der Geriater übernimmt dabei nicht die Operation, sondern die Gesamtsteuerung der Nebenaspekte, die den eigentlichen Verlauf bestimmen: Schmerztherapie, Flüssigkeits- und Ernährungsmanagement, Delirprävention, Mobilisationsplanung, Medikationsreview zur Behandlung von Polypharmazie im Alter, Sekundärprävention weiterer Frakturen.
???? Bei jeder Klinikaufnahme wegen einer hüftnahen Fraktur: Fragen Sie aktiv, ob eine geriatrische Mitbetreuung angeboten wird. In Zentren mit orthogeriatrischer Struktur ist das Standard — in anderen Häusern muss es explizit erfragt werden.
Nach der Operation beginnt die geriatrische Frührehabilitation idealerweise am ersten postoperativen Tag. Der typische Verlauf:
Tag 1–2: Erste Mobilisation an die Bettkante, Atemtherapie, Sekretmobilisation, Thromboseprophylaxe. Schmerzmittel ausreichend, aber Opioide möglichst sparsam.
Tag 3–7: Erste Gehversuche am Rollator oder Gehbock. Beginn von Ergotherapie für Alltagsaktivitäten. Aufnahmeassessment mit Barthel und Tinetti. Delir-Screening.
Tag 8–14: Ausbau der Gehstrecke. Training von Alltagsfunktionen (Anziehen, Waschen, Toilettengang). Treppensteigen. Planung der Entlassung.
Tag 14–21: Entlassungsvorbereitung mit Abschluss-Assessment. Hilfsmittelversorgung, Wohnraumanpassung, Organisation von Pflegedienst oder Physiotherapie zu Hause, Sekundärpräventionsplan.
→ Ausführlich zum Ablauf: Geriatrische Frührehabilitation.
Eine hüftnahe Fraktur erhöht das Risiko für eine zweite Fraktur erheblich. Das ist medizinisch nicht zwingend — es ist vermeidbar. Drei Bausteine gehören zur Sekundärprävention:
- Osteoporose-Diagnostik und Therapie: Knochendichtemessung, Vitamin-D-Bestimmung, Labor. Bei Indikation: Bisphosphonate, Denosumab oder bei schwerer Osteoporose im Alter Romosozumab. Antiresorptive Therapie reduziert das Re-Fraktur-Risiko um 40 bis 50 Prozent.
- Sturzabklärung und -prävention: Systematische Analyse der Sturzursachen — Medikamente, Sehen, Mobilität, Wohnumfeld — und gezielte Interventionen. Mehr dazu: Sturzprävention.
- Muskel- und Kraftaufbau: Fortführung des Trainings über die Reha hinaus. Ohne strukturiertes Kraft- und Gleichgewichtstraining ist das Rückfallrisiko hoch — eng verknüpft mit der Prävention von Sarkopenie.
→ Zur Osteoporose und antiresorptiven Therapie: Osteoporose im Alter.
→ Zur strukturierten Sturzprävention: Sturzprävention — was wirklich wirkt.
→ Zur Rolle der Medikamentenprüfung nach einer Fraktur: Polypharmazie im Alter.
- Zeit investieren in die ersten Tage: Vertraute Gesichter reduzieren Delir und geben Motivation.
- Brille, Hörgerät, Zahnprothese mitbringen: Sinneseinschränkungen verstärken Verwirrtheit und behindern Mobilisation.
- Aktuelle Medikamentenliste zur Aufnahme mitbringen: einschließlich frei verkäuflicher und pflanzlicher Präparate. Gerade bei Polypharmazie ist die vollständige Liste entscheidend.
- Nach Delir-Screening und geriatrischer Mitbetreuung fragen: Beides sollte von Beginn an Thema sein. Mehr dazu: Delirprävention.
- An der Entlassungsplanung mitwirken: Je früher Sie einbezogen werden, desto besser gelingt der Übergang nach Hause.
- Wohnumfeld vorbereiten: Haltegriffe, Nachtbeleuchtung, Stolperfallen beseitigen — oft ist das parallel zur Reha sinnvoll und Teil der Sturzprävention.
In Kliniken mit orthogeriatrischer Struktur wird der Geriater automatisch mit einbezogen. In anderen Häusern — und insbesondere nach der Entlassung — gehört eine geriatrische Verlaufskontrolle zur guten Versorgung. Konkret:
- Während des Klinikaufenthalts, wenn keine automatische Mitbetreuung stattfindet
- Nach der Entlassung bei anhaltender Unsicherheit, Schwäche oder Verwirrtheit
- Drei bis sechs Monate nach der Fraktur zur Evaluation der Sekundärprävention
- Bei neu aufgetretenen Stürzen im Alter nach der Operation
- Wenn die Medikation nach der Fraktur nicht systematisch überprüft wurde
→ Wie ein umfassendes geriatrisches Assessment die weitere Planung unterstützt.