In der Altersmedizin nennen wir das die geriatrische Kaskade. Ein erster Sturz, der glimpflich verläuft, ist medizinisch ein Geschenk. Er ist der einzige Moment, in dem sich die Kette noch unterbrechen lässt. Studien zeigen eindeutig: Wer einmal gestürzt ist, stürzt mit dreifach erhöhter Wahrscheinlichkeit erneut innerhalb der nächsten zwölf Monate.
Die typische Abfolge unbehandelter Sturzgefährdung ist vorhersehbar: vom Sturz zur Fraktur, von der Fraktur zur Immobilisation im Alter, von der Immobilisation zu Muskelabbau und Delir-Risiko, vom Funktionsverlust zur Pflegebedürftigkeit. Die Einjahresmortalität nach einer Schenkelhalsfraktur liegt je nach Studie zwischen 20 und 30 Prozent. Bei den über 90-Jährigen nach Hüft-TEP-Versorgung erreichte sie in der SOG-Studie 26,5 Prozent.
In meiner eigenen Klinik, den Main-Kinzig-Kliniken Schlüchtern, hat sich die Zahl der Hüftfrakturen innerhalb von sechs Jahren fast verdoppelt — von 109 Fällen im Jahr 2019 auf 217 Fälle im Jahr 2025. Das ist ein Anstieg von 99,1 Prozent in einem Zeitraum, in dem die Altersstruktur unseres Einzugsgebiets nicht annähernd so stark gewachsen ist. Die demographische Alterung erklärt nicht alles. Ein erheblicher Teil der Zunahme geht auf vermeidbare Stürze zurück.
→ Was genau nach einer Hüftfraktur medizinisch passiert — und warum die Versorgung interdisziplinär erfolgt — erläutern wir im Beitrag zur Alterstraumatologie und im Artikel zum Oberschenkelhalsbruch im Alter.

Die häufigste Fehleinschätzung im Umgang mit Stürzen älterer Menschen ist die Suche nach einem einzelnen Auslöser — der lose Teppich, die falschen Schuhe, die dunkle Treppe. In Wahrheit ist ein Sturz bei Senioren fast immer multifaktoriell. Die folgenden zehn Ursachen werden in der Praxis am häufigsten übersehen:
1. Medikamente — der unsichtbare Hauptverdächtige
Benzodiazepine (Lorazepam, Diazepam, Oxazepam), Z-Drugs (Zolpidem, Zopiclon), trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin), stark anticholinerge Substanzen, Opioide, aggressiv dosierte Antihypertensiva, Diuretika und bestimmte SSRI erhöhen das Sturzrisiko messbar. Die PRISCUS-Liste und die FORTA-Klassifikation bewerten diese Arzneimittel hinsichtlich ihrer Eignung für ältere Menschen. In meiner klinischen Arbeit sehe ich regelmäßig Patienten, bei denen bereits das Absetzen eines einzigen Präparats den Unterschied zwischen wiederholtem Stürzen und sicherem Stand ausmacht.
2. Orthostatische Hypotonie
Beim Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen fällt der Blutdruck stärker ab, als der Körper gegenregulieren kann. Die Folge: Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen, Sturz. Besonders tückisch ist die verzögerte orthostatische Hypotonie, die erst nach 30 bis 60 Sekunden einsetzt — genau dann, wenn der Patient schon auf dem Weg ins Bad ist.
3. Sarkopenie und Muskelschwäche
Zwischen dem 50. und 80. Lebensjahr verliert ein Mensch ohne gezieltes Training durchschnittlich 30 bis 40 Prozent seiner Muskelmasse. Wer sich aus einem niedrigen Stuhl nicht mehr ohne Armabstützung erheben kann, zeigt das typische Warnsignal. Der Chair-Rise-Test misst es objektiv.
→ Mehr zum schleichenden Muskelabbau und was dagegen hilft, finden Sie in unserem Artikel zu Sarkopenie im Alter.
4. Schwindel und vestibuläre Störungen
Der gutartige Lagerungsschwindel (BPPV) ist die häufigste Schwindelursache im Alter und zugleich die am leichtesten behandelbare — durch einfache Lagerungsmanöver. Nicht selten werden Monate mit Antivertiginosa behandelt, wenn zwei Minuten Epley-Manöver das Problem lösen würden.
5. Polyneuropathie und Sensibilitätsstörungen
Besonders bei langjährigem Diabetes mellitus im Alter: Die Füße spüren den Boden schlechter, die Trittsicherheit sinkt, das Gleichgewicht wird zunehmend visuell kompensiert — was in schlecht beleuchteten Räumen scheitert.
6. Sehbeeinträchtigungen
Katarakt, Makuladegeneration, Glaukom und selbst eine jahrelang nicht aktualisierte Brille verschlechtern Tiefenwahrnehmung und Kontrastsehen. Eine neue Brille kann das Sturzrisiko messbar senken — vorausgesetzt, die Gewöhnung an Gleitsichtgläser verläuft nicht umgekehrt kontraproduktiv.
7. Kognitive Beeinträchtigung und Delir
Demenz im Alter verdoppelt das Sturzrisiko. Ein akutes Delir — oft ausgelöst durch Infekte, Exsikkose oder Medikamente — kann in Stunden aus einem stabilen Menschen einen schwer sturzgefährdeten machen.
→ Was ein Delir ist, wie man es erkennt und warum es oft übersehen wird, erklären wir im Beitrag zur Delirprävention.
8. Schmerz und Osteoarthrose
Kniegelenks- und Hüftschmerzen durch Arthrose im Alter führen zu vorsichtigem, verkürztem Gang, verlagerter Balance und reduzierter Trittkraft. Schmerztherapie ist damit auch Sturzprävention — allerdings mit der Einschränkung, dass bestimmte Schmerzmittel selbst sturzfördernd sind.
9. Wohnumfeld
Schlecht befestigte Teppiche, fehlende Haltegriffe im Bad, niedrige Toilettensitze, fehlendes Nachtlicht, steile Treppen ohne Geländer, rutschige Badewannen und ungeeignete Hausschuhe — das klassische Repertoire, das Angehörige mit einer einstündigen Begehung meist erkennen können.
10. Angst vor dem Stürzen
Das klingt paradox, ist aber klinisch gut belegt: Wer einmal gestürzt ist, bewegt sich oft vorsichtiger, weniger, zögerlicher — und verliert dadurch weiter an Muskelkraft und Gleichgewicht. Das Ergebnis ist ein selbsterfüllender Kreislauf. In der Geriatrie heißt dieses Syndrom „Fear of Falling" oder Post-Fall-Syndrom und gehört zu den am häufigsten übersehenen psychischen Komponenten.
???? Wenn ein Angehöriger nach einem Sturz beginnt, sich weniger zu bewegen oder häufiger sitzt — werten Sie das als Warnsignal, nicht als vernünftige Vorsicht. Das Vermeidungsverhalten erhöht das Risiko für den nächsten Sturz.
Wenn ich heute nur einen Satz mitgeben dürfte, dann diesen: Die häufigste Ursache für Stürze älterer Menschen ist nicht das Stolperhindernis im Wohnzimmer. Es ist die Tabletten-Sortierbox auf dem Küchentisch.
Polypharmazie im Alter — die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten — betrifft mehr als 40 Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland. Jedes zusätzliche Medikament erhöht das Interaktions- und Nebenwirkungsrisiko überproportional. Und nicht jedes Medikament, das vor zehn Jahren richtig war, ist heute noch sinnvoll.
Ein Fallbeispiel aus meiner Klinik
Eine 81-jährige Patientin kam bei uns mit wiederholten Stürzen und zunehmender Verwirrtheit zur Aufnahme. Die Eingangsmedikation umfasste 19 Präparate — Herzmedikamente, Blutdrucksenker, Magenschutz, Schlafmittel, ein Benzodiazepin, ein SSRI, ein Opioid-Pflaster gegen Rückenschmerzen, dazu vier verschiedene Nahrungsergänzungsmittel. Jedes einzelne war irgendwann einmal begründet. In der Summe erzeugten sie das, was wir als pharmakogenes Delir mit Sturzrisiko bezeichnen.
Nach systematischer Medikationsüberprüfung nach PRISCUS- und FORTA-Kriterien reduzierten wir über drei Wochen auf sechs wirklich indizierte Medikamente. Die Patientin ging aufrecht, klar und ohne Gehstock nach Hause. Das ist keine Ausnahme, sondern unser Regelfall. In unserer Klinik erzielen wir bei Patienten mit geriatrischer Medikationsreduktion durchschnittliche Einsparungen von 30 bis 50 Prozent der Präparate — fast immer ohne dass der Gesundheitszustand leidet.
???? Die wichtigste Frage, die Sie als Angehörige dem Hausarzt oder dem Geriater stellen sollten: „Welches dieser Medikamente muss heute wirklich weitergenommen werden — und welches wurde zuletzt vor mehreren Jahren als passend eingestuft und nie überprüft?"
→ Ausführlich zum Thema zu viele Medikamente und wie man sie systematisch reduziert: Polypharmazie im Alter und Deprescribing — die PRISCUS-Liste verstehen.
Ein Geriater ersetzt nicht den Hausarzt, den Orthopäden, den Kardiologen oder den Neurologen. Er ist die Fachrichtung, die entscheidet, welche dieser Perspektiven im individuellen Fall welche Priorität bekommt — und die systematisch abklärt, was die einzelnen Fachrichtungen nicht sehen, weil sie durch ihr jeweiliges Organfenster blicken.
Das Werkzeug dafür heißt Comprehensive Geriatric Assessment (CGA) — ein strukturiertes Untersuchungsverfahren, das innerhalb einer bis mehrerer Sitzungen fünf Dimensionen erfasst: medizinischen Status, funktionellen Status, kognitiven Status, emotionalen und sozialen Status. Für die Sturzabklärung sind vier Testverfahren besonders etabliert:
- Timed Up and Go (TUG): Der Patient steht aus einem Stuhl auf, geht drei Meter, dreht um und setzt sich. Unter 10 Sekunden unauffällig, über 13,5 Sekunden signifikant sturzgefährdet.
- Tinetti-Test (POMA): 28-Punkte-Skala für Balance und Gangbild. Unter 19 Punkten: hohes Sturzrisiko.
- Chair-Rise-Test: Fünfmaliges Aufstehen vom Stuhl ohne Armabstützung. Länger als 15 Sekunden: Sarkopenie-Verdacht.
- Medikamentenreview nach PRISCUS/FORTA: Systematische Durchsicht jeder einzelnen Substanz mit Indikation, Alternativen und Absetzmöglichkeiten.
→ Das gesamte Spektrum des Assessments mit allen sieben Dimensionen beschreiben wir im Beitrag zum Geriatrischen Assessment.
Die gute Nachricht zum Schluss: Sturzprävention funktioniert. Der umfassende Cochrane-Review von Gillespie und Kollegen mit mehr als 150 Einzelstudien kommt zu einem klaren Ergebnis: Multifaktorielle Interventionen — Programme, die mehrere Risikofaktoren gleichzeitig angehen — senken die Sturzrate bei zu Hause lebenden älteren Menschen um durchschnittlich 23 Prozent.
Was nachweislich wirkt
- Gruppenbasierte Übungsprogramme mit Fokus auf Kraft und Gleichgewicht (Otago-Programm, Tai Chi) — Sturzreduktion bis 40 Prozent
- Individuelles Physiotherapieprogramm nach geriatrischem Assessment
- Systematische Medikationsüberprüfung mit Absetzen oder Dosisanpassung von Risikomedikamenten — mehr dazu: Deprescribing
- Behandlung orthostatischer Hypotonie (Anpassung Antihypertensiva, Kompressionsstrümpfe, Flüssigkeitszufuhr)
- Kataraktoperation bei Indikation — Sturzreduktion bis 30 Prozent im operierten Auge
- Vitamin-D-Substitution bei nachgewiesenem Mangel (nicht routinemäßig bei allen) — relevant auch im Zusammenhang mit Osteoporose im Alter
- Wohnraumanpassung: Haltegriffe im Bad, Beleuchtung auf dem Weg zur Toilette, rutschfeste Unterlagen, flache geschlossene Schuhe
- Hüftprotektoren bei institutionalisierten Hochrisikopatienten
Was weniger wirkt, als man denkt
Vitamin-D-Gabe ohne nachgewiesenen Mangel bringt keinen Präventionsnutzen und erhöht in Hochdosisstudien sogar das Sturzrisiko. Isolierte Wohnraumanpassung ohne Training ist weniger effektiv als kombinierte Programme. Der Effekt einer einzelnen Maßnahme ist begrenzt — die Wirkung entsteht durch die strukturierte Kombination, und das ist genau die Domäne des geriatrischen Behandlungsansatzes.
→ Konkrete, aktionsorientierte Schritte zur Sturzprävention im eigenen Umfeld finden Sie im gleichnamigen Beitrag.
Die folgenden Situationen sind konkrete Anlässe, die hausärztliche Versorgung um eine geriatrische Zweitperspektive zu ergänzen — nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung:
- Erster Sturz, auch ohne schwerwiegende Verletzung
- Mehr als ein Sturz in zwölf Monaten
- Fünf oder mehr Dauermedikamente (Polypharmazie)
- Neu aufgetretene Gangunsicherheit, auch wenn subtil
- Unerklärliche Schwächephasen, Benommenheit, Schwindel
- Zunehmende Vergesslichkeit in Kombination mit Bewegungsveränderung — mögliches Zeichen einer leichten kognitiven Störung (MCI)
- Vor geplanten Operationen (präoperatives geriatrisches Assessment) — mehr dazu: OP-Risiko im Alter
- Nach Krankenhausaufenthalt mit neuem Funktionsverlust — hier hilft die geriatrische Frührehabilitation
Der häufigste Fehler, den ich sehe, lautet: zu lange warten. Eine Abklärung nach dem ersten Sturz ist um ein Vielfaches wirksamer als dieselbe Abklärung nach dem dritten Sturz mit Hüftfraktur. Ein Sturz ohne Folgen ist keine Beruhigung — er ist ein Termin.
→ Wer vor einem geplanten chirurgischen Eingriff wissen möchte, wie die Belastbarkeit eingeschätzt wird, findet alle Informationen im Beitrag zu OP-Risiko im Alter.
Ist ein Sturz im Alter immer ein Grund, zum Arzt zu gehen?
Ja. Auch wenn der Sturz scheinbar folgenlos blieb, sollte die Ursache abgeklärt werden — besonders bei älteren Menschen. Studien zeigen, dass das Risiko für einen erneuten Sturz nach dem ersten Ereignis um das Dreifache steigt. Der erste Sturz ist das diagnostische Zeitfenster, bevor es zur Fraktur kommt. Ein Hausarztbesuch, gerne mit Überweisung in die Geriatrieambulanz, ist der richtige Schritt.
Welche Medikamente erhöhen das Sturzrisiko am stärksten?
Benzodiazepine und Z-Drugs (Schlaf- und Beruhigungsmittel), trizyklische Antidepressiva, stark anticholinerge Substanzen, Opioide, aggressiv dosierte Antihypertensiva und Diuretika sind die Hauptgruppen. Die PRISCUS-Liste und die FORTA-Klassifikation bieten strukturierte Übersichten dazu. Wichtig: Medikamente nie eigenständig absetzen — immer in ärztlicher Begleitung. Mehr zum systematischen Medikamentenabbau: Deprescribing.
Hilft Vitamin D, Stürze zu verhindern?
Nur bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel. Bei ausreichendem Spiegel bringt eine Substitution keinen Präventionsnutzen; in Hochdosisstudien zeigte sich sogar ein erhöhtes Sturzrisiko. Die Entscheidung sollte auf einem Blutspiegel basieren, nicht auf pauschaler Prophylaxe.
Was ist der Unterschied zwischen einem Geriater und einem Hausarzt?
Der Hausarzt betreut den Patienten kontinuierlich und kennt die individuelle Vorgeschichte am besten. Der Geriater ist Facharzt für Geriatrie und Altersmedizin und bringt eine zusätzliche, strukturierte Perspektive ein: das Comprehensive Geriatric Assessment. Er ist nicht Ersatz, sondern Ergänzung — typischerweise für konkrete Fragestellungen wie Sturzabklärung, Medikationsprüfung, präoperative Einschätzung oder nach Klinikaufenthalt.
Können Stürze vollständig verhindert werden?
Nein — und dieses Versprechen sollte niemand machen. Aber strukturierte Programme senken die Sturzrate nachweislich um 20 bis 40 Prozent, und die Schwere der Sturzfolgen lässt sich deutlich reduzieren. Das Ziel ist nicht Sturzfreiheit um jeden Preis, sondern der möglichst lange Erhalt von Selbstständigkeit und Lebensqualität — im Sinne einer umfassenden Sturzpräventionsstrategie.