Arthrose ist eine fortschreitende Erkrankung der Gelenke, die durch den Verlust und Umbau des Gelenkknorpels charakterisiert ist. Sie betrifft nicht nur den Knorpel, sondern das gesamte Gelenk — Knochen, Bänder, Gelenkschleimhaut, umgebende Muskulatur. Im Kontext der Geriatrie und Altersmedizin ist sie die am häufigsten behandelte Gelenkerkrankung überhaupt.
Die Bezeichnung „Verschleiß" ist irreführend. Arthrose ist kein mechanisches Abnutzen wie bei einem Reifen, sondern ein aktiver biologischer Prozess mit entzündlichen, hormonellen und metabolischen Komponenten. Das ist klinisch wichtig, weil sich daraus Therapieansätze ableiten, die über das bloße Schmerzmanagement hinausgehen.

- Kniegelenksarthrose (Gonarthrose): Die häufigste Form. Oft medial (innen) betont. Symptome: Anlaufschmerzen morgens, Belastungsschmerz beim Treppensteigen, später Ruheschmerz.
- Hüftgelenksarthrose (Coxarthrose): Zweithäufigste Form. Schmerz in der Leiste, beim Aufstehen und längeren Gehen. Oft erst spät erkannt, weil die Schmerzen gerne in den Oberschenkel oder ins Knie ausstrahlen.
- Fingergelenksarthrose: Besonders bei Frauen nach der Menopause. Heberden-Knoten an den Endgelenken, Bouchard-Knoten an den Mittelgelenken. Schmerzhaft, aber funktionell oft überraschend gut bewältigbar.
- Daumensattelgelenksarthrose (Rhizarthrose): Sehr verbreitet. Schmerzen beim Greifen, besonders beim Öffnen von Gläsern.
- Wirbelsäulen-Arthrose: Oft als Rückenschmerz erlebt. Komplexes Zusammenspiel mit Bandscheibendegeneration und Haltungsveränderungen.
- Schulter- und Sprunggelenksarthrose: Seltener, aber im höheren Alter zunehmend häufig.
→ Zur operativen Versorgung, wenn konservative Therapie nicht ausreicht: Gelenkersatz im Alter.
→ Speziell zur Hüftprothese: Hüft-TEP ab 80.
→ Speziell zur Knieprothese: Knieprothese im Alter.
- Radiologische Arthrosezeichen: bei über 70 Prozent der über 65-Jährigen nachweisbar
- Symptomatische Arthrose: etwa 40 Prozent der über 65-Jährigen
- Häufigste Ursache chronischer Gelenkschmerzen im Alter
- Eine der häufigsten Ursachen für reduzierte Mobilität und erhöhtes Sturzrisiko im Alter
Ein wichtiger Punkt: Nicht jede radiologische Arthrose macht Beschwerden. Und nicht jede Beschwerde hat ein Korrelat auf dem Röntgenbild. Die Diskrepanz zwischen Bild und Symptom ist die Regel, nicht die Ausnahme.
- Alter: Der stärkste Einzelfaktor.
- Weibliches Geschlecht: Besonders nach der Menopause.
- Übergewicht: Mechanisch und metabolisch wirksam. Jedes Kilogramm zu viel wirkt beim Gehen mit vierfacher Last auf das Knie.
- Frühere Gelenkverletzungen: Bandverletzungen, Meniskusschäden, Brüche erhöhen das Arthroserisiko — ebenso wie ein überstandener Oberschenkelhalsbruch im Alter.
- Fehlstellungen: X- oder O-Beine, Hüftdysplasie.
- Muskelschwäche: Schwache Oberschenkelmuskulatur beschleunigt die Kniegelenksarthrose und ist häufig Zeichen einer beginnenden Sarkopenie.
- Stoffwechselerkrankungen: Diabetes im Alter, Gicht.
- Genetische Disposition: Bei Fingergelenks-, teils auch bei Knie- und Hüftarthrose.
Die Diagnose erfolgt klinisch und radiologisch:
- Ausführliche Anamnese und gezielte körperliche Untersuchung
- Funktionstests: Bewegungsumfang, Belastbarkeit, Gangbild — eine strukturierte Ganganalyse kann dabei wertvolle Hinweise liefern
- Röntgen — Standard bei symptomatischer Arthrose
- MRT selten nötig — wenn, dann bei unklaren Befunden, Verdacht auf Meniskusproblem oder Knochenödem
- Gelenkpunktion bei Verdacht auf entzündliche Begleitkomponente
- Bei unklaren Befunden: rheumatologische Abklärung zur Abgrenzung von entzündlichen Gelenkerkrankungen wie Rheumatismus. Auch ein Frailty-Screening ist bei älteren Patienten empfehlenswert, um den Gesamtzustand einzuschätzen. Ein umfassendes geriatrisches Assessment ermöglicht dabei die systematische Erfassung aller relevanten Funktionsbereiche.
Bewegung — die wichtigste Einzelmaßnahme
Der häufigste Fehler in der Arthrosebehandlung ist der Rat „Schonen Sie sich". Das Gegenteil stimmt. Bewegung — in der richtigen Dosierung — ist die am besten belegte Einzelmaßnahme:
- Krafttraining stärkt die gelenkstützende Muskulatur und reduziert Belastung des Gelenks
- Aerobes Training verbessert Durchblutung, Stoffwechsel und das allgemeine Wohlbefinden
- Beweglichkeitsübungen erhalten den Bewegungsumfang
- Physiotherapie mit Anleitung ist besonders für Patienten mit Bewegungsangst sinnvoll — gerade bei gleichzeitig bestehender Immobilität im Alter
Empfehlung: Kombination aus 2 bis 3 Einheiten Krafttraining pro Woche plus regelmäßige aerobe Aktivität (Schwimmen, Radfahren, Walking) — gelenkschonend, aber effektiv. Bei starken Beschwerden beginnen mit gering belasteter Aktivität, dann steigern.
→ Zur Bedeutung der Muskulatur im Alter: Sarkopenie.
Gewichtsreduktion
Bei Übergewicht eine der wirksamsten Interventionen. Studien zeigen: 5 bis 10 Prozent Gewichtsverlust können die Kniegelenksschmerzen um 30 Prozent oder mehr reduzieren. Dies lohnt sich selbst bei moderatem Übergewicht — auch weil Mangelernährung im Alter auf der anderen Seite ebenso problematisch ist und eine ausgewogene Ernährungsberatung daher stets beides im Blick behalten sollte.
Hilfsmittel und Schuhwerk
- Stockhilfe auf der kontralateralen Seite entlastet das betroffene Gelenk
- Gut sitzende, gepolsterte Schuhe mit Pufferung
- Einlagen bei Fehlstellungen
- Bei schwerer Kniearthrose manchmal Kniebandagen oder Entlastungsorthesen
- Haltegriffe, Toilettensitzerhöhung, Badewannenbrett im häuslichen Umfeld — maßgeblich auch für eine effektive Sturzprävention
Physikalische Therapie
- Wärme bei muskulären Verspannungen
- Kälte bei entzündeten, geschwollenen Gelenken
- Elektrotherapie (TENS) bei chronischen Schmerzen
- Manuelle Therapie und Massage als adjuvante Maßnahmen
Medikamentöse Therapie
Im Alter besonders bedachte Anwendung:
- Paracetamol: Erster Griff bei leichten Schmerzen. Tagesdosis bei älteren Patienten auf 2 bis 3 Gramm begrenzen.
- Topische NSAR (Diclofenac-Gel, Ibuprofen-Creme): Lokale Anwendung, geringe systemische Nebenwirkungen, nachweislich wirksam bei Knie- und Fingerarthrose.
- Orale NSAR (Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen): Wirksam, aber im Alter problematisch. Risiko: Magenulkus, Blutungen, Niereninsuffizienz, Blutdruckanstieg, Herzinsuffizienz-Dekompensation im Alter. Kurzfristig und niedrigdosiert möglich, nicht als Dauertherapie.
- COX-2-Hemmer (Celecoxib, Etoricoxib): Etwas bessere gastrointestinale Verträglichkeit, aber ähnliche kardiovaskuläre Probleme. Patienten mit bekanntem Vorhofflimmern im Alter benötigen bei dieser Wahl besondere Vorsicht.
- Opioide: Nur bei nicht-kontrollierbarem Schmerz und nach Ausschöpfung anderer Optionen. Im Alter besonders vorsichtig titrieren — Sturz- und Delirrisiko. Zur gezielten Vorbeugung eines medikamentös mitbedingten Delirs: Delirprävention.
- Intraartikuläre Kortison-Injektion: Bei akutem Reizzustand kurzfristig wirksam, aber bei wiederholter Anwendung problematisch für den Knorpel.
- Intraartikuläre Hyaluronsäure: Evidenz widersprüchlich, bei ausgewählten Patienten manchmal hilfreich.
Der wichtigste Satz zur Medikamententherapie bei Arthrose im Alter: NSAR sind keine Dauermedikation. Wer täglich Ibuprofen oder Diclofenac nimmt, riskiert Magenulkus, Nierenversagen und Herzinsuffizienz. Die alternative Strategie: Bewegung ausbauen, gezielt trainieren, Schmerzmittel nur bei Spitzen.
→ Zur Medikamentenprüfung im Alter: Polypharmazie im Alter. Wer mehrere Medikamente einnimmt, sollte auch das Thema Deprescribing kennen.
Die Operation — insbesondere der Gelenkersatz — ist die letzte Stufe der Behandlungskaskade, nicht die erste. Kriterien für die Entscheidung:
- Nachts Schmerzen, Schlafstörung durch Gelenk
- Deutliche Einschränkung der Gehstrecke und der Alltagsaktivitäten
- Konservative Therapie über mindestens 6 Monate ausgeschöpft
- Radiologisch fortgeschrittene Arthrose (nur Röntgen allein rechtfertigt keine OP)
- Lebensqualität relevant beeinträchtigt
- Patient ist operabel — das Alter allein ist hier nicht ausschlaggebend. Bei sturzbedingten Verletzungen im Vorfeld gelten ähnliche Grundsätze wie in der Alterstraumatologie.
Bei älteren Patienten ist vor jeder elektiven Operation das präoperative geriatrische Assessment Standard. Nach dem Eingriff spielt die geriatrische Frührehabilitation eine entscheidende Rolle für den Genesungserfolg.
→ Zur Gelenkersatz-Entscheidung im Alter: Gelenkersatz im Alter.
→ Zur präoperativen Risikoeinschätzung: OP-Risiko im Alter.
- Bewegung fördern statt Schonung: Gemeinsame Spaziergänge, kleine Aktivitäten, angepasstes Training.
- Bei der Gewichtsreduktion unterstützen: Moderate Veränderungen, gemeinsame Ernährungsplanung.
- Wohnumfeld anpassen: Haltegriffe, Treppenliftlösungen prüfen, Stürze vermeiden — weitere Tipps finden Sie in unserem Artikel zu Stürzen im Alter.
- Medikamententreue beobachten: Besonders bei Schmerzmitteln — heimliche Selbstmedikation mit rezeptfreien NSAR ist im Alter gefährlich. Bei Unsicherheit über Wechselwirkungen lohnt sich ein Blick auf das Thema Polypharmazie im Alter.
- Zum Arzt begleiten: Bei Therapieumstellungen oder OP-Entscheidungen.
- Bei neuen Gelenkschmerzen, die Wochen andauern
- Bei deutlicher Zunahme bestehender Beschwerden
- Bei nächtlichen Schmerzen oder Ruheschmerz
- Bei zunehmender Einschränkung der Alltagsaktivitäten — ein Hinweis auf mögliche Immobilität im Alter
- Bei Gelenkschwellung, Rötung oder Überwärmung (Verdacht auf akute Entzündung)
- Bei Schmerzen, die täglich Schmerzmittel erfordern
- Vor Entscheidungen für oder gegen eine Operation
Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt. Orthopäden bringen die spezifische Gelenk- und operative Expertise ein. Geriater ergänzen bei komplexen Situationen — Multimorbidität, Polypharmazie, Frailty-Syndrom, Sturzneigung — die Gesamtschau. Bei älteren Patienten mit zusätzlich eingeschränkter Nierenfunktion oder Diabetes im Alter ist die enge interdisziplinäre Abstimmung besonders wichtig. Besteht gleichzeitig eine Osteoporose im Alter, sollte auch diese in die Therapieplanung einbezogen werden.
→ Zur umfassenden Einordnung im Alter: Geriatrisches Assessment.