Nebenschilddrüsenadenom (Primärer Hyperparathyreoidismus) - Informationen und Spezialisten

13.07.2022
Prof. Dr.  Robert Schwab
Medizinischer Fachlektor

Beim Nebenschilddrüsenadenom handelt es sich um eine gutartige Wucherung der Nebenschilddrüse. Dadurch kommt es zu einer Überfunktion der Nebenschilddrüse (Hyperparathyreoidismus) und einem Anstieg des Kalziumspiegels im Blut (Hyperkalzämie).

Erfahren Sie hier mehr über das Nebenschilddrüsenadenom und finden Sie ausgewählte Spezialisten für die Behandlung dieser Nebenschilddrüsenerkrankung.

ICD-Codes für diese Krankheit: D35.1

Empfohlene Spezialisten für ein Nebenschilddrüsenadenom

Artikelübersicht

Definition: Was ist ein Nebenschilddrüsenadenom?

Ein Nebenschilddrüsenadenom ist eine gutartige Wucherung der Nebenschilddrüse. Als Nebenschilddrüse bezeichnen Mediziner endokrine Drüsen, die beidseitig an der Schilddrüse vorkommen. Wie die Schilddrüse produzieren sie Hormone. Das Hormonprodukt der Nebenschilddrüsen ist das sogenannte Parathormon. Wird es bei einem Nebenschilddrüsenadenom in großen Mengen ausgeschüttet, entsteht ein Hyperparathyreoidismus, eine Überfunktion der Nebenschilddrüse.

Das Parathormon erhöht die Kalziumkonzentration im Blut, indem es die Freisetzung von Kalzium aus den Knochen, den Nieren und dem Darm fördert. Daher kommt es bei Patienten, die an einem Nebenschilddrüsenadenom leiden, zu einem nicht physiologischen Anstieg des Kalziumspiegels im Blut (Hyperkalzämie). Eine gesunde Nebenschilddrüse reguliert den Kalziumhaushalt über das Parathormon und einen Feedback-Mechanismus. Ist ein physiologischer Kalziumspiegel erreicht, senkt sich die Parathormon-Produktion ab. Bei einem Adenom funktioniert dieser Rückkopplungsmechanismus nicht. Das Hormon entsteht unkontrolliert und führt zu der erhöhten Kalziumfreisetzung aus den Knochen und Kalziumresorption im Darm.

Symptome bei einem Nebenschilddrüsenadenom

Befindet sich langfristig eine überhöhte Menge an Kalzium im Blut, kommt es zu pathologischen Veränderungen an verschiedenen Organsystemen wie den Nieren, dem Gastrointestinaltrakt oder dem Bewegungsapparat. Durch diese Auswirkungen des Hyperparathyreoidismus entstehen die Symptome der Erkrankung. Häufig sind die Symptome sehr unspezifisch, so dass die Patienten bis zur Diagnosestellung nicht selten einen langen Krankheitsverlauf durchlaufen müssen.

Folgende Symptome können bei einem Nebenschilddrüsenadenom auftreten:

Entstehung eines Nebenschilddrüsenadenoms – Ursachen & Risikofaktoren

Bei dem Nebenschilddrüsenadenom handelt es sich um einen Tumor im Gewebe der Nebenschilddrüse. Er kann einseitig oder beidseitig auftreten. Tumore entstehen durch die Entartung von Zellen aufgrund von persistierenden Entzündungen oder von Mutationen des Erbguts. Unkontrollierte Zellteilungen führen zur Zellvermehrung und damit zur Gewebewucherung. Die entarteten Adenomzellen produzieren kontinuierlich das Parathormon.

Nebenschilddrüsenadenome treten in den meisten Fällen sporadisch auf und betreffen meist nur eine Nebenschilddrüse (sog. solitäres Nebenschilddrüsenadenom). Seltener können alle Nebenschilddrüsen betroffen sein, was als Mehrdrüsenhyperplasie beschrieben wird. In den meisten Fällen bleibt die Ursache für die Entartung und die Entstehung des Adenoms unbekannt.

Als Risikofaktoren werden Traumata, Verletzungen oder Strahlenbelastungen des Halsbereichs diskutiert. In seltenen Fällen liegt dem Nebenschilddrüsenadenom eine genetische Disposition zu Grunde (z.B. genetische Syndrome wie MEN (multiple endokrine Neoplasie) oder FIHP (familiärer isolierter Hyperparathyreoidismus)).

Frauen sind von einem Nebenschilddrüsenadenom häufiger betroffen als Männer. Tritt es auf, entwickelt es sich meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr.

Ablauf der Untersuchung und diagnostische Methoden

Stellt der Arzt bei einer Routineblutuntersuchung einen erhöhten Kalziumspiegel fest, kommt das Nebenschilddrüsenadenom als Ursache infrage. Berichten Patienten außerdem über die Symptome eines Hyperparathyreoidismus, liegt in circa 80 Prozent der Fälle ein Parathormon-produzierendes Adenom vor. Weniger wahrscheinlich sind Nebenschilddrüsenhyperplasien oder das Nebenschilddrüsenkarzinom. Die Erkrankungen gelten aber als Differenzialdiagnosen und der Arzt wird versuchen, sie im Rahmen der Diagnostik zu erkennen beziehungsweise auszuschließen.

Um ein Nebenschilddrüsenadenom nachzuweisen, nutzt der Arzt die Laborwerte (erhöhtes Calcium und Parathormon) in Kombination mit einem bildgebenden Verfahren wie der Sonografie (Abb. 1). Mit dem Ultraschall lassen sich die vergrößerten Nebenschilddrüsen in den meisten Fällen lokalisieren und ausmessen.

Ultraschall Nebenschilddrüsenadenom
Abb. 1: Sonografie mit Darstellung eines Nebenschilddrüsenadenoms (mit freundlicher Abbildungserlaubnis von Fr. OFA Dr. Diekmeyer, Klin. Direktorin Nuklearmedizin, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz)

Eine zusätzliche Nebenschilddrüsenszintigraphie bestätigt zu 90 Prozent den in der Sonografie zu vermutenden Lokalisationsbefund (Abb 2).

Nebenschilddrüsenszintigraphie
Abb. 2: Klassische Nebenschilddrüsenszintigraphie (Spätaufnahme mit SPECT/CT) mit Darstellung eines Nebenschilddrüsenadenoms (mit freundlicher Abbildungserlaubnis von Fr. OFA Dr. Diekmeyer, Klin. Direktorin Nuklearmedizin, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz)

Wenn die Sonografie und die Szintigrafie keine sichere Lokalisation des Adenoms detektieren können, kommen folgende bildgebende Verfahren zum Einsatz:

  • 4D-Computertomografie (Abb. 3)
  • 4D-Magnetresonanztomografie
  • Cholin-PET CT (Abb. 4)

Nebenschilddrüsenadenom 4D-CT
Nebenschilddrüsenadenom 4D-CT
Nebenschilddrüsenadenom 4D-CT
Abb. 3 a-c: Darstellung eines Nebenschilddrüsenadenoms im 4D-CT in der nativen, arteriellen und venösen Phase, nachdem weder Sonografie noch Nebenschilddrüsenszintigraphie eine Lokalisation des Adenoms sicherstellen konnten (mit freundlicher Abbildungserlaubnis von Hr. OTA PD Dr. Waldeck, Klin. Direktor Radiologie und Neuroradiologie, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz)

Nebenschilddrüsenadenom Cholin-PET-CT
Abb. 4: Darstellung eines Nebenschilddrüsenadenoms im Cholin-PET-CT, nachdem weder Sonografie noch Nebenschilddrüsenszintigraphie und 4D-CT eine Lokalisation des Adenoms sicherstellen konnten (mit freundlicher Abbildungserlaubnis von Fr. OFA Dr. Diekmeyer, Klin. Direktorin Nuklearmedizin, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz)

Da ein Hyperparathyreoidismus als Folge des Nebenschilddrüsenadenoms viele Organe beeinflussen und schädigen kann, wird der behandelnde Arzt zusätzliche Untersuchungen aller beteiligten Organsysteme anordnen. Diese reichen von Urinanalysen oder Ultraschalluntersuchungen von Nieren und Bauchorganen über Röntgenaufnahmen von Knochen (inklusive Knochendichtemessung) bis hin zum EKG zur Überprüfung der Herzfunktion.

Therapieoptionen und Fachärzte

Bei einem Nebenschilddrüsenadenom zieht der Hausarzt einen Spezialisten hinzu. Hier kommen neben einem Endokrinologen auch ein Nuklearmediziner in Frage. Je nach Symptomatik und Organbeteiligung ist eine Behandlung durch weitere Fachärzte wie Gastroenterologen, Nephrologen oder Neurologen nötig.

Die Chirurgie der Nebenschilddrüse ist die Therapieoption der Wahl, um die Auswirkungen des primären Hyperparathyreoidismus zu bekämpfen. Die Beobachtung des Nebenschilddrüsenadenoms durch regelmäßige ärztliche Kontrollen ist nur bei asymptomatischen Fällen möglich.

Für die chirurgische Entfernung des Adenoms sollten die Patienten in einer Klinik mit Spezialisierung in der endokrinen Chirurgie vorgestellt werden. Hier empfehlen sich von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie zertifizierte Zentren für Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenchirurgie (http://www.dgav.de/zertifizierung/zertifizierte-zentren.html).

Bei einem Nebenschilddrüsenadenom entfernt der Chirurg die betroffene Nebenschilddrüse (Abb. 5). In über 85 Prozent der Fälle ist der Tumor einseitig und befindet sich in einem der kaudalen (unteren) Drüsenkörperchen. Damit die Funktion der Nebenschilddrüse erhalten bleibt und es nicht zu einem Mangel an Parathormon kommt (Nebenschilddrüsenunterfunktion), verbleiben die nicht befallenen Nebenschilddrüsen am Schilddrüsengewebe.

Nebenschilddrüsenadenom nach Resektion
Abb. 5: Makroskopisch typisches Bild eines Nebenschilddrüsenadenoms nach operativer Resektion (mit freundlicher Abbildungserlaubnis von Hr. OTA Prof Dr. Schwab, Klin. Direktor Allgemein-, Viszeral-und Thoraxchirurgie, BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz)

Die Operation zur Adenomentfernung erfolgt unter Vollnarkose. Der Eingriff lässt sich als minimalinvasives Verfahren durchführen, wenn nur ein vereinzeltes Adenom vorliegt. Minimalinvasive Methoden haben den Vorteil einer geringeren Gewebeschädigung. Zudem sind Heilungsphase und Erholungszeit nach der Operation geringer. Bei multiplen Adenomen und der Beteiligung weiterer Drüsenkörperchen wählt der Chirurg eine konservative Operationsmethode.

Im Operationsbereich verlaufen die Stimmbandnerven und Schilddrüsengefäße, die während der Entfernung des entarteten Gewebes geschont werden müssen. Hier sollte zur Stimmbandnervkontrolle ein intraoperatives Neuromonitoring des Nervens durchgeführt werden. Eine pathologische Untersuchung der entnommenen Nebenschilddrüse und die Messung des Parathormonspiegels erfolgen noch während der OP, um den Erfolg der Therapie sicherzustellen.

Krankheitsverlauf und Prognose bei einem Nebenschilddrüsenadenom

Durch die Entfernung des überaktiven Nebenschilddrüsengewebes lässt sich der primäre Hyperparathyreoidismus erfolgreich behandeln. Bei einem solitären Adenom besteht für Patienten, die noch keine gravierenden Organschäden durch den erhöhten Kalziumspiegel tragen, eine Heilungschance. Der Parathormonspiegel und die Funktionalität betroffener Organe normalisieren sich wieder. Nach der Operation bekommen die Patienten Vitamin D- und Kalziumpräparate verordnet, um einen Mangel an Parathormon auszugleichen und um den Kalziumhaushalt zu stabilisieren.

Ungünstiger ist die Prognose, wenn bereits Organschäden z.B. an Niere oder Knochen vorliegen, da diese in der Regel nicht reversibel sind.

Auch kann es nach der Entfernung aller vier Epithelkörperchen zu einer schwierigen Einstellung der Kalziumwerte kommen, was die Prognose insgesamt verschlechtert. Die langfristige Substitutionstherapie mit Calcium und Vitamin D ist in einzelnen Fällen nicht ausreichend, so dass nur eine Hormonersatztherapie mit rekombinanten Parathormon in Frage kommt. Diese wird seit 2017 angeboten, bedarf aber einer aufwendigen endokrinologischen Begleitung.

Bei einem Nebenschilddrüsenadenom besteht die erfolgreiche Therapie aus der Entfernung des entarteten Gewebes. Da der gesunde Teil der restlichen Nebenschilddrüsen die Funktion vollständig übernimmt, werden viele Patienten nach der Operation und einer kurzen Erholungszeit beschwerdefrei. Regelmäßige Nachkontrollen sind jedoch wichtig, um den Kalziumspiegel im Auge zu behalten.

Quellen

www.aerzteblatt.de/archiv/34757/Primaerer-Hyperparathyreoidismus-Heute-ein-meist-asymtomatisches-Krankheitsbild www.deutsches-schilddruesenzentrum.de/wissenswertes/nebenschilddruese/ www.laekh.de/heftarchiv/ausgabe/artikel/2022/januar-2022/chirurgie-der-nebenschilddruesen-aktuelle-diagnostik-und-therapie www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/naptar
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