Eine somatoforme Schmerzstörung ist eine über Monate andauernde Phase quälender Schmerzen. Für die Beschwerden lassen sich keine somatischen – also körperlichen – Ursachen finden. Von großer Bedeutung ist, dass die Betroffenen sich diese Schmerzen nicht nur einbilden. Sie sind entsprechend ernstzunehmen. Die anhaltenden Schmerzen können das tägliche Leben der Betroffenen deutlich beeinträchtigen und wirken sich häufig auf Arbeit, soziale Beziehungen und das emotionale Wohlbefinden aus. Neben fehlenden somatischen Befunden spielen dabei oft psychosoziale Einflüsse eine zentrale Rolle.
Im Folgenden finden Sie weitere Informationen sowie Kliniken, in denen die somatoforme Schmerzstörung behandelt wird.
Kurzübersicht:
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Symptome der somatoformen Schmerzstörung
Leitmerkmal der Störung sind körperliche Beschwerden. Die Patientinnen und Patienten täuschen sie nicht vor und sie entziehen sich seiner willentlichen Kontrolle. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. beschreibt, dass diese Schmerzen über Monate anhalten können. Körperliche Untersuchungen bleiben ohne Befund, das heißt, Ärzte finden keine Ursache für die Schmerzen.
Diese Tatsache verunsichert viele Betroffene. Deshalb muss klar sein: Die Symptome sind echt und der Patient ist nicht „verrückt“.
Somatoforme Schmerzstörungen können sich in sämtlichen Organsystemen bemerkbar machen und unterschiedliche Symptome verursachen. Am häufigsten sind folgende Bereiche betroffen:
- Herz-Kreislauf-System: Druckgefühl oder Brustschmerzen
- Magen-Darm-Bereich: Verdauungsprobleme mit Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen
- Urogenitalbereich: Unterleibsschmerzen und Beschwerden beim Wasserlassen
- Lunge: Atembeschwerden, die mit Schmerzen verbunden sind
- Gelenke und Muskeln: Schmerzen in Beinen und Armen oder im Rücken
Neben den Schmerzen berichten Patienten von psycho-vegetativen Begleiterscheinungen, wie
- Schwindelgefühle,
- Herzrasen,
- innerer Unruhe,
- übermäßigem Schwitzen,
- Abgeschlagenheit und Erschöpfung
- depressive Verstimmungen sowie
- Magen-Darm-Problemen.
Die Symptomatik kann individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und sowohl einzelne körperliche Symptome als auch mehrere Beschwerdebilder gleichzeitig umfassen. Jede Patientin und jeder Patient erlebt die Schmerzen dabei subjektiv unterschiedlich stark.

Somatoforme Schmerzstörungen können sich auch als Kopfschmerzen und Schwindel äußern © Klaus Eppele | AdobeStock
Diagnostik und Häufigkeit der somatoforme Störung
Bei somatoformen Schmerzstörungen existiert keine körperlichen Ursache für die Beschwerden. Der Patient ist körperlich vollkommen gesund. Für Betroffene bringt dies aber keine Erleichterung, denn die Schmerzen bestehen fort.
Mediziner erklärten sich das Phänomen lange Zeit mit „Hypochondrie“, im Sinne einer „eingebildeten Krankheit“. Betroffene berichteten von einer regelrechten „Ärzte-Odysse“. Diese Sichtweise greift in jedem Fall zu kurz: Personen, die tatsächlich unter einer hypochondrischen Erkrankung leiden, nehmen sämtliche Schmerzen als Indiz dafür, von einer schweren oder unheilbaren Erkrankung betroffen zu sein. Ängste stehen im Vordergrund. Im Unterschied der hypochondrische Störung steht bei der somatoformen Schmerzstörung nicht die Angst vor schweren Erkrankungen im Vordergrund, sondern die tatsächliche Belastung durch die Schmerzerkrankung. Die moderne psychosomatische Medizin betrachtet diese Beschwerden als ernstzunehmendes Zusammenspiel von Körper und Psyche.
Die Erkrankung "Somatoforme Störungen" hat den ICD-10-Code Code F45.ff. ICD-10 ist der Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Heute wissen Forscher und Mediziner sehr viel über psychosomatische Beschwerden. Es ist bekannt, dass es komplexe Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche gibt. Schmerzpatienten müssen keine Angst haben, als „Hypochonder“ oder gar hysterisch abgestempelt zu werden.
Für eine verlässliche Diagnose überweist der Hausarzt den Betroffenen zu einem Schmerzspezialisten oder einem Facharzt für Psychosomatik.
Dieser führt verschiedene Untersuchungen durch, um den Schmerz besser einzuordnen:
- eine umfassende Analyse der Krankengeschichte (Anamnese)
- Analyse des vom Patienten geführten Schmerztagebuches
- Messung der Schmerzintensität durch Fragebögen
- Skalen zur Messung der Schmerzempfindlichkeit (quantitativ sensorische Messung)
Die Lebenszeitprävalenz der somatoformen Schmerzstörung liegt unter einem Prozent. Das bedeutet: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung leidet im Laufe des Lebens an einer somatoformen Schmerzstörung.
Dagegen leiden elf Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer undifferenzierten Schmerzstörung (F45.1). Diese Diagnose steht für Beschwerden, die nicht das Vollbild einer Somatisierungsstörung erfüllen.
Auffallend ist die hohe Komorbiditätsrate bei somatoformen Schmerzstörungen. Patienten mit einer Schmerzstörung leiden häufig auch an anderen Erkrankungen wie
- Depressionen,
- Angststörungen,
- körperlich begründbaren Schmerzen oder
- Schizophrenie.
Mögliche Ursachen
Der Grund für die Beschwerden sind eine Störung der Stress- und Schmerzverarbeitung. Deshalb sind Patienten schmerz- und stressempfindlicher als andere Personen.
Meist löst psychischer Stress die Erkrankung aus. Diese Erkenntnis ist plausibel, wenn man bedenkt, dass das Schmerzempfinden des Menschen im Gehirn entsteht, genauso wie Emotionen. Seelischer und körperlicher Schmerz sind aus diesem Grund sehr eng miteinander verbunden. Zu den möglichen psychischen Ursachen zählen insbesondere anhaltender Stress und individuelle Herausforderungen in der Lebenssituation. Wiederholte oder langanhaltende belastende Lebenssituationen können die Schmerzverarbeitung zusätzlich negativ beeinflussen.
Bei somatoformen Schmerzstörungen verbinden sich Schmerz und negative Emotionen. Die Ursache dieser negativen Gefühle können Mangelsituationen, Verlusterfahrungen oder Mobbing sein. Betroffene berichten auch über belastende Erlebnisse wie
- frühe Schmerzerlebnisse,
- chronische Erkrankungen,
- Alkoholismus,
- emotionale Vernachlässigung oder
- körperliche Misshandlung in der Vergangenheit.
Von der „Einbildung“ zur Krankheit: Neurowissenschaft und Psyche
Die Hirnforschung brachte unzählige Erkenntnisse zutage und beeinflusste damit die Vorstellung über das Verhältnis von Körper und Seele.
Frühe Kulturen und auch die Religionen gehen von einer Trennung von Körper und Seele aus. Das bedeutet, die Seele existiert unabhängig vom Körper. In der Antike beschrieb zum Beispiel der griechische Dichter Homer, wie die Seele (psyché) dem Körper Leben einhaucht. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse befeuern die Diskussion des Leib-Seele-Problems.
Wissenschaftler konnten zum Beispiel mit
- Sonografie (Ultraschall),
- EEG (Messung der Hirnströme) oder
- SPECT-Verfahren (Hirnstoffwechsel)
feststellen, wie Schmerzimpulse aus dem Körper ins Gehirn gelangen. Das lässt Rückschlüsse auf die Schmerzwahrnehmung zu. Studien zeigen, dass bestimmte Schmerzareale im Gehirn bei Betroffenen verstärkt aktiviert sind. Gleichzeitig reagiert das körpereigene Alarmsystem empfindlicher auf Reize, wodurch Schmerzen intensiver wahrgenommen werden können.
Diese Erkenntnisse führten zu einem Durchbruch: Die Vorstellung, Körper und Seele seien voneinander getrennt, lässt sich nicht mehr halten. Aktuell forschen Wissenschaftler aus vielen Bereichen wie
- Psychosomatik,
- Psychoneuroimmunologie und
- Neuropsychologie
an der großen Frage, wie das Zusammenspiel von Körper und Seele funktioniert. Ein komplexes Forschungsfeld mit vielen offenen Fragen.
Eine Erkenntnis ist allerdings sicher: Schmerzen ohne körperliche Ursache sind real, erklärbar und behandelbar. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und eine 3D-Darstellung des Gehirns finden Sie zum Beispiel auf der Website www.gehirn.info
Therapieverfahren der Somatisierungsstörung
Die Behandlung somatoformer Schmerzstörungen erfolgt in der Regel im Rahmen der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Dabei kommen unterschiedliche Therapieansätze zum Einsatz, die individuell auf die Beschwerden und Ressourcen der Betroffenen abgestimmt werden. Psychotherapie ist die erste Wahl bei der Behandlung der somatoformen Schmerzstörung. Die Therapie der somatoformen Schmerzstörung zielt darauf ab,
- den Schmerzursachen auf den Grund zu gehen und
- den Schmerz zu lösen oder zumindest zu lindern.
Die Gesprächstherapie kann mit folgende Methoden kombiniert werden:
- Achtsamkeitstraining,
- Musik- und Kunsttherapie,
- soziales Kompetenztraining,
- Bewegungstherapie,
- Entspannungsverfahren und
- ggf. die Gabe von Antidepressiva
Schmerzmittel spielen in der Schmerztherapie eine untergeordnete Rolle. Sie kommen vor allem als kurzfristige Akutbehandlung zum Einsatz.
Das Ziel der Behandlung ist, die individuelle Schmerzwahrnehmung des Patienten zu verändern. Der Betroffene lernt, zwischen Emotionen und Schmerzen zu unterscheiden. Außerdem soll der Patient üben, Emotionen, die mit den Schmerzen verbunden sind, zuzulassen. Im weiteren Verlauf der Behandlung suchen Therapeut und Patient nach anderen Ausdrucksformen für negative Gefühle.
Das soziale Umfeld und die Qualität der Beziehungen der Betroffenen spielen in der Behandlung ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Patient soll seine Erwartungen an sich und sein Umfeld sowie sein Verhalten gründlich reflektieren. Er lernt seine Bedürfnisse kennen und gut für sich zu sorgen. Ziel ist es, dass der Betroffene Überforderungssituationen schneller erkennt und sich vor ihnen schützen kann.
Im Verlauf der Therapie können
- belastende Ereignisse,
- Verlusterfahrungen,
- Enttäuschungen oder
- Kränkungen
thematisiert werden. Dies wirkt entlastend und reduziert den Schmerz.
Vorbeugung gegen somatoformer Störungen
Bis vor einigen Jahren lautete der ärztliche Rat bei Schmerzen sinngemäß: Halten Sie die Beschwerden aus und greifen Sie nicht sofort zu Medikamenten.
Heute weiß die Medizin: Je länger die Schmerzen andauern, desto höher ist das Risiko, dass sie sich chronifizieren. Wenn Sie also immer wieder oder bereits seit längerer Zeit unter körperlichen Beschwerden leiden, sollten Sie mit Ihrem Hausarzt darüber sprechen.
Klären Sie mögliche körperliche Ursachen ab und ziehen Sie auch seelische Auslöser wie Stress, Ängste oder Depressionen in Betracht. Fragen Sie sich zum Beispiel, ob es in Ihrem Leben aktuelle Belastungen gibt, die der Grund für Ihre Beschwerden sein können. Eine verbesserte Stressverarbeitung kann dazu beitragen, das Risiko für eine Chronifizierung der Beschwerden zu reduzieren.
Grundsätzlich zählen
- ein ausgewogener Lebensstil,
- eine abwechslungsreiche Ernährung sowie
- die Pflege positiver Beziehungen
zu den zentralen Säulen eines gesunden Lebens.
Behandlungskonzept Selbsthilfe: Das können Sie selbst tun
Einige Patienten, die unter somatoformen Schmerzstörungen leiden, verfallen mehr und mehr in Lethargie. Sie meiden soziale Kontakte und verlassen ihre vier Wände nur noch ungern. Dieses Verhalten ist nicht förderlich, denn das Ziel heißt: Bleiben Sie so aktiv wie möglich. Dadurch können Funktionsstörungen in der betroffenen Körperregion langfristig reduziert werden.
- Planen Sie regelmäßige Bewegung im Alltag ein, gehen Sie beispielsweise in ein Sportstudio oder lernen Sie eine Entspannungsmethode.
- Sorgen Sie für ausreichend Entspannung und Ruhepausen. Damit vermeiden Sie Unter- und Überforderung
- Nehmen Sie trotz Ihrer Schmerzen am gesellschaftlichen Leben. Während Sie sich mit anderen Menschen treffen, treten die körperlichen Beschwerden in den Hintergrund.
- Suchen oder pflegen Sie ein Hobby, das Ihnen gut tut.
- Suchen Sie Orte auf, an denen Sie sich wohl fühlen und treffen Sie sich mit Personen, mit denen Sie gerne Zeit verbringen.
FAQ
1. Was unterscheidet die somatoforme Schmerzstörung von einer organischen Erkrankung?
Bei der somatoformen Schmerzstörung finden sich trotz umfassender Untersuchungen keine krankhaften Befunde, die den Schmerz erklären, obwohl keine organische Schädigung vorliegt.
2. Welche Rolle spielen psychische Faktoren bei der Erkrankung?
Psychischen Faktoren wie Stress, unverarbeitete Emotionen oder belastende Erfahrungen kommt eine zentrale Bedeutung bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Schmerzen zu.
3. Ist die Erkrankung mit anderen Schmerzen wie Fibromyalgie vergleichbar?
Eine Abgrenzung zu anderen Schmerzformen wie Fibromyalgie ist wichtig, da sich Ursachen, Verlauf und Therapieansätze unterscheiden können.
4. Wie wird die somatoforme Schmerzstörung behandelt?
Die Therapie orientiert sich an einer individuellen Behandlung, das auf eine langfristige Schmerzreduktion und den besseren Umgang mit den Beschwerden abzielt.
Quellen
- Morschitzky, H. (2007): Somatoforme Störungen: Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. 2. Auflage. Springer-Verlag. (inkl. Selbsthilfe-Teil)
- Kleinstäuber et al. (2017): Kognitive Verhaltenstherapie bei medizinisch unerklärten Körperbeschwerden und somatoformen Störungen. 2. Auflage. Springer-Verlag.
- Bleichhardt, G. & Weck, F. (2019): Kognitive Verhaltenstherapie bei Hypochondrie und Krankheitsangst. 4. Auflage. Springer-Verlag.
- Voderholzer, U. & Hohagen, F. (2013): Therapie psychischer Erkrankungen. Elsevier-Verlag.
- Spektrum, Lexikon der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/leib-seele-problem/6967










