Ein paraneoplastisches Syndrom bezeichnet Beschwerden, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftreten, aber nicht unmittelbar durch das Wachstum des Tumors oder seine Metastasen verursacht werden. Paraneoplastische Syndrome können entstehen, wenn ein Tumor Hormone, Botenstoffe oder andere Substanzen sezerniert oder das Immunsystem eine Reaktion auslöst, die gesundes Gewebe betrifft.
Die paraneoplastische Symptomatik ist vielfältig und kann neurologisch, endokrin, kutan oder rheumatologisch ausgeprägt sein. Zu den möglichen allgemeinen paraneoplastischen Symptomen gehören beispielsweise Muskelschwäche, Nachtschweiß oder Juckreiz. Neurologische paraneoplastische Syndrome können das zentrale oder periphere Nervensystem betreffen und unter anderem Neuropathie, Ataxie oder Koordinationsstörungen hervorrufen. Besonders bekannt sind Zusammenhänge mit einem kleinzelligen Bronchialkarzinom, aber auch Brustkrebs, Lymphome und andere Malignome können mit einer Paraneoplasie einhergehen.
Ein entsprechendes Symptom kann einer Tumordiagnose teilweise vorausgehen und deshalb für die weitere klinische Abklärung bedeutsam sein.
Was ist das paraneoplastische Syndrom?
Im Rahmen einer Krebserkrankung können verschiedene Begleitsymptome auftreten, die nicht der Tumor selbst verursacht. Das heißt, dass die Beschwerden zum Beispiel nicht auf der Zerstörung des Gewebes durch den Tumor basieren. Auslöser sind stattdessen Signalstoffe, wie beispielsweise hormonähnliche Substanzen, die von den Tumorzellen gebildet werden.
Was sind allgemeine und spezielle Paraneoplasien?
Grundsätzlich kann zwischen allgemeinen und speziellen Paraneoplasien unterschieden werden. Zu den allgemeinen Paraneoplasien gehören zum Beispiel eine ausgeprägte Müdigkeit (Fatigue) sowie ein deutlicher Gewichtsverlust. Dieser wird in der Medizin auch als Tumorkachexie bezeichnet. Die allgemeinen Paraneoplasien treten bei einem Großteil der Krebspatienten auf.
Zu den speziellen Paraneoplasien gehören hingegen tumorspezifische Begleitsymptome. Von den vorliegenden Beschwerden kann häufig auf eine bestimmte Tumorart geschlossen werden. Oft sind paraneoplastische Funktionsstörungen ein erstes Anzeichen für einen bösartigen Tumor.
Zu dieser Gruppe der Paraneoplasien gehören die endokrinologischen Paraneoplasien, wie beispielsweise das Bronchialkarzinom. Es kann die Hormone Erythropoetin oder auch Calcitonin produzieren.
Welche Symptome und Befunde treten beim paraneoplastischen Syndrom auf?
Die Art der Beschwerden der speziellen Paraneoplasien hängt vor allem von den Botenstoffen ab, die der Tumor produziert.
Die häufigste endokrinologische Paraneoplasie ist das Bronchialkarzinom, das vermehrt Parathormon produziert. Das Parathormon wird eigentlich in den Nebenschilddrüsen gebildet und ist für das Calciumgleichgewicht im Blut verantwortlich. Bei einer vermehrten Produktion kommt es zu einem Abbau von Knochensubstanz sowie zu einer Verkalkung der Blutgefäße.
Produzieren die Krebszellen hingegen das Hormon TSH (Thyreotropin), führt dies zu einer Überfunktion der Schilddrüse mit Beschwerden wie
Eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) mit Symptomen wie
- Zittern,
- Übelkeit,
- Unruhe,
- Aggressivität oder
- Schwindel
kann ein Hinweis auf eine vermehrte Produktion von Insulin sein. Eine solche Hyperinsulinämie tritt zum Beispiel bei einer Tumorerkrankung der Leber oder der Bauchspeicheldrüse auf.
Eine weitere Variante der Paraneoplasien sind die antikörpervermittelten Reaktionen. Hier bildet das Immunsystem Antikörper gegen den Krebs. Diese Antikörper greifen aber auch gesundes Gewebe an. Ärzte sprechen hier von einer Kreuzreaktivität. Durch diese Kreuzreaktivität kann es im Rahmen einer Tumorerkrankung zum Beispiel zu einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) mit folgenden Symptomen kommen:
- Bewusstseinsstörungen,
- Halluzinationen,
- neurologische Ausfälle,
- Krampfanfälle,
- Orientierungslosigkeit,
- Erbrechen.
Zu den antikörpervermittelten Paraneoplasien gehören auch
- die aplastische Anämie,
- die Dermatomyositis,
- das Zollinger-Ellison-Syndrom und
- das Lambert-Eaton-Syndrom.

Wie wird das paraneoplastische Syndrom diagnostiziert?
Je nach Art des Primärtumors können die paraneoplastischen Symptome sehr unterschiedlich sein. Oft treten die Beschwerden auch als Frühzeichen auf, bevor die Krebserkrankung entdeckt wurde. So geht die antikörpervermittelte neurologische Paraneoplasie der eigentlichen Tumorerkrankung schon um Jahre voraus.
Die Diagnosestellung gestaltet sich somit häufig schwierig. Immer, wenn sich ein Symptom nicht eindeutig durch eine bestimmte Erkrankung erklären lässt, sollte deshalb auch an eine Paraneoplasie gedacht werden.
Bei Verdacht auf eine antikörpervermittelte Paraneoplasie bestimmt der behandelnde Arzt Antikörper im Blut. Auch dann, wenn bisher kein Tumor diagnostiziert wurde. So sind verschiedene Antikörper mit bestimmten Tumoren assoziiert. Hu-Antikörper finden sich zum Beispiel beim Prostatakarzinom, wohingegen die Antikörper ANNA-3 auf eine Krebserkrankung der Lunge hinweisen.
Hinweise auf das hormonvermittelte paraneoplastische Syndrom finden sich ebenfalls im Blut. Bei einer solchen endokrinen Paraneoplasie ist das entsprechende Hormon im Blut erhöht. Allerdings kann eine solche Hormonstörung auch andere Ursachen haben. Deshalb ist die endokrine Paraneoplasie oft eine Ausschlussdiagnose.
Wenn der Arzt eine Paraneoplasie als Ursache der Beschwerden vermutet, wird zudem immer eine Tumorsuche durchgeführt. Dazu kommen verschiedene Diagnoseinstrumente wie
- Röntgen,
- MRT,
- CT oder
- Ultraschall
zum Einsatz. Weitere Verfahren in der Krebsdiagnostik sind:
- Endoskopie (Spiegelung),
- Szintigraphie,
- Positronen-Emmissions-Tomographie (PET),
- die Entnahme (Biopsie) und pathologische Untersuchung von Zell- und Gewebeproben.
Paraneoplastisches Syndrom – die Behandlung
Die Therapie hängt vor allem von der Art des Tumors und seinem Malignitätsgrad ab. Dieser Grad beschreibt das Wachstum und die Differenzierung von Tumoren und Neoplasien. Die Bezeichnung Neoplasie wird oft synonym für eine bösartige Tumorerkrankung genutzt.
Das paraneoplastische Syndrom kann nur über den Primärtumor erfolgreich behandelt werden. Erste Erfolge erreicht der Arzt oft schon über eine Reduktion der Tumorgröße. Dazu kommen vor allem Chemotherapie und Bestrahlung zum Einsatz.
Eine operative Entfernung des auslösenden Tumors kann in den meisten Fällen die paraneoplastischen Begleitsymptome komplett beseitigen. Eine Ausnahme stellen hier die antikörpervermittelten Paraneoplasien dar. Auch nach Entfernung des Tumors können Antikörper im Blut verbleiben und Beschwerden hervorrufen.
Zusätzlich zu den tumorspezifischen Behandlungsstrategien nutzt der Arzt auch unspezifische Maßnahmen. So erhalten die Patienten je nach Art und Ausprägung der Symptome Medikamente wie nichtsteroidale Antirheumatika oder Opiate zur Schmerzlinderung.
Spezialisten für das paraneoplastische Syndrom
Die Diagnose und die Behandlung des paraneoplastischen Syndroms fällt in den Fachbereich der Onkologie. Die Onkologie ist die medizinische Fachrichtung, die sich mit Krebs befasst. Zur Onkologie gehören
- Prävention,
- Diagnostik,
- Therapie und
- Nachsorge
von Krebserkrankungen und ihren Begleiterscheinungen.
Die Onkologie ist ein komplexes Fachgebiet. Deshalb ist sie in der Regel von einer interdisziplinären Zusammenarbeit geprägt. In der Onkologie arbeiten zum Beispiel
- Radiologen,
- Pathologen und
- Schmerztherapeuten.
Um in dem Fachbereich der Onkologie praktizieren zu dürfen, muss ein Arzt nach seinem Medizinstudium eine Weiterbildung zum Facharzt für Hämatologie und Onkologie absolvieren. Diese Fortbildung dauert insgesamt sechs Jahre und umfasst unter anderem diagnostische und therapeutische Verfahren der Hämatologie und Onkologie.
Fazit
Paraneoplastische Syndrome sind ein seltenes Syndromspektrum, das als indirekte Folge einer Tumorerkrankung auftreten kann und je nach Pathogenese unterschiedliche Organsysteme betrifft. Allgemeine paraneoplastische Symptome können ebenso vorkommen wie neurologische paraneoplastische Syndrome, wobei die allgemeine paraneoplastische Symptomatik sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Eine neurologische Paraneoplasie kann beispielsweise Koordinationsstörungen, Schwindel und Doppelbilder, sensorischer und motorischer Verlust oder eine progressive proximale Muskelschwäche verursachen; auch Nervenzellen des Rückenmarks können betroffen sein. Bei manchen Betroffenen treten nachweisbare Muskelentzündungen und Nekrosen auf, während andere paraneoplastische Veränderungen mit Thrombose oder Ödem verbunden sein können.
Endokrine Beschwerden können entstehen, wenn ein Tumor Zytokine und Hormone oder andere wirksame Substanzen sezerniert und dadurch Funktionen der endokrinen Drüsen beeinflusst. Paraneoplastische Syndrome werden unter anderem bei Malignomen wie einem kleinzelligen Bronchialkarzinom beobachtet und können auch bei Patientinnen und Patienten mit kleinzelligen Bronchialkarzinomen auftreten.
Die Beschwerden können Arme und Beine oder andere Körperregionen betreffen und müssen von direkten Auswirkungen des Tumorgewebes abgegrenzt werden. Wird der zugrunde liegende Tumor entfernt oder anderweitig erfolgreich behandelt, können sich bestimmte Beschwerden bessern, wobei dies insbesondere bei neurologischen Schäden nicht garantiert ist. Die Prognose hängt deshalb von der Tumorerkrankung, der Art des paraneoplastischen Syndroms und dem Ausmaß bestehender Schäden ab; in ausgeprägten Fällen kann das paraneoplastische Syndrom lebensgefährliche Folgen haben.
FAQ
Was ist ein paraneoplastisches Syndrom?
Ein paraneoplastisches Syndrom umfasst Symptome und Beschwerden im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung, die nicht direkt durch den lokalen Tumor oder Metastasen hervorgerufen werden. Die paraneoplastische Reaktion kann beispielsweise entstehen, wenn der Tumor eine hormonähnliche Substanz sezerniert oder das Immunsystem neben Tumorgewebe auch gesundes Gewebe angreift. Paraneoplastische Syndrome können verschiedene Organsysteme betreffen und sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.
Welche Symptome können paraneoplastische Syndrome verursachen?
Allgemeine paraneoplastische Symptome können sehr unterschiedlich sein. Möglich sind unter anderem Fieber, Muskelschwäche oder Hautveränderungen; je nach zugrunde liegender Krebserkrankung können weitere Beschwerden auftreten. Neurologische paraneoplastische Syndrome können beispielsweise Neuropathie, Schwindel, Ataxie oder Koordinationsstörungen verursachen. Auch kutane Veränderungen, Muskelentzündungen wie Dermatomyositis sowie endokrine Störungen können mit einer Paraneoplasie verbunden sein.
Welche neurologischen paraneoplastischen Syndrome gibt es?
Neurologische paraneoplastische Syndrome sind seltene Krankheitsbilder, bei denen das Nervensystem im Zusammenhang mit einer Tumorerkrankung beeinträchtigt wird. Dazu gehören unter anderem die subakute sensorische Neuropathie, subakute zerebelläre Degeneration und weitere Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems. Je nach betroffenem Bereich können sensorischer und motorischer Verlust, progressive proximale Muskelschwäche, Schwindel und Doppelbilder oder andere neurologische Symptome auftreten. Bestimmte paraneoplastische Antikörper können bei der diagnostischen Einordnung hilfreich sein.
Bei welchen Krebsarten treten paraneoplastische Syndrome auf?
Paraneoplastische Syndrome können mit unterschiedlichen Malignomen verbunden sein. Ein wichtiger Zusammenhang besteht mit dem kleinzelligen Bronchialkarzinom, bei dem paraneoplastische Beschwerden vergleichsweise häufig vorkommen können. Auch bei Brustkrebs, Lymphomen und anderen Tumorerkrankungen sind paraneoplastische Syndrome möglich. Welche Symptomatik auftritt, hängt unter anderem von der Tumorart sowie der zugrunde liegenden Immunreaktion oder den sezernierten Hormonen und Zytokinen ab.
Wie werden ein paraneoplastisches Syndrom und die zugrunde liegende Erkrankung behandelt?
Die Behandlung richtet sich wesentlich gegen den verursachenden Tumor und zusätzlich nach der Art des paraneoplastischen Syndroms. Kann der Tumor behandelt oder entfernt werden, können sich manche paraneoplastischen Beschwerden bessern; bei neurologischen Schäden ist eine vollständige Rückbildung jedoch nicht immer möglich. Abhängig von der Pathogenese und Symptomatik können weitere gezielte Behandlungen notwendig sein. Die Prognose hängt daher sowohl von der zugrunde liegenden Krebserkrankung als auch vom betroffenen Organsystem und dem Ausmaß der Schädigung ab.
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Über den Fachautor
Sabine Schneider
Chefredakteurin
Sabine Schneider – medizinische Fachautorin: Entdecken Sie fundierte Fachbeiträge und medizinische Expertise im Leading Medicine Guide.
Vollständiges Expertenprofil ansehen →Quellen
- https://www.nzz.ch/die_kollateralschaeden_von_krebs-1.10616795
- https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/aktuelle-themen/aktuelle-themen-2018/rheuma-und-krebs.html
- https://www.neuroonkologie.de/files/guidelines/11-paraneoplastische-syndrome.pdf (PDF)
- https://flexikon.doccheck.com/de/Paraneoplastisches_Syndrom
- https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-064l_S1_Paraneoplastische_neurologische_Syndrome-2015-abgelaufen.pdf (PDF)
- https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/h%C3%A4matologie-und-onkologie/maligne-tumoren-im-%C3%BCberblick/paraneoplastische-syndrome
