Supinatorlogensyndrom, Radialisnerv und Supinatortunnelsyndrom – motorische Nervenkompression im Unterarm bei Epicondylitis und Tennisellenbogen

07.01.2026
Prof. Dr. med. Götz Penkert
Medizinischer Fachautor

Das Supinatorlogensyndrom ist ein seltenes, aber klinisch relevantes Engpasssyndrom, bei dem der Nervus radialis im Bereich der Supinatorloge am Ellenbogen eingeengt wird. Betroffen ist dabei vor allem der motorische Ast, der Ramus profundus, was zu Funktionsstörungen der Streckmuskulatur im Unterarm führen kann.

Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen im Unterarm, eine Schwäche bei der Fingerstreckung sowie Beschwerden, die häufig mit Tennisarm, Tennisellenbogen oder einer Epicondylitis verwechselt werden. Ursache der Nervenkompression sind oft Überbeanspruchung, wiederholte Drehbewegungen, entzündliche Veränderungen oder eine Einengung durch den Musculus supinator beziehungsweise den Supinatormuskel selbst.

Auch Ganglien, anatomische Varianten oder eine Reizung im Bereich des Ellenbogens können das Supinatortunnelsyndrom auslösen. Die Diagnostik ist anspruchsvoll und erfordert neben der klinischen Untersuchung häufig bildgebende Verfahren wie Ultraschall, MRT oder Magnetresonanztomographie sowie die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Je nach Ausprägung kommen konservative Therapieansätze wie Schonung, Physiotherapie und Antirheumatika oder eine operative Dekompression in der Handchirurgie infrage, um die Nervenfasern zu entlasten und eine untere Radialislähmung oder Fallhand zu verhindern.

ICD-Codes für diese Krankheit: G56.3

Kurzübersicht:

Das Supinatorlogensyndrom ist eine seltene Form der Nervenkompression im Bereich der Supinatorloge des Unterarms. Betroffen ist der motorische Ast des Nervus radialis, der für die Streckfunktion von Finger und Handgelenk zuständig ist. Die Beschwerden ähneln häufig einem Tennisellenbogen oder einer Epicondylitis, weshalb die Diagnostik anspruchsvoll sein kann. Je nach Ausprägung erfolgt die Behandlung konservativ oder operativ durch Dekompression.

Artikelübersicht

Was ist ein Supinatorlogensyndrom?

Bei dem Supinatorlogensyndrom handelt es sich um ein Nervenkompressionssyndrom. Darunter versteht man eine Nervenbeeinträchtigung, die langsam fortschreitet und durch leichten Druck immer wieder neu auftritt.

Voraussetzung für die Entstehung eines Supinatorlogensyndroms sind von Natur aus vorgegebene Engpassstrecken innerhalb der Extremitäten (Arm oder Bein). Eine solche Engpassstelle befindet sich unterhalb des Ellenbogengelenks unter dem Muskel Musculus supinator. Dieser Muskel ist dafür zuständig, den Unterarm und die Hand in eine Position zu drehen, bei der wir von oben in die geöffnete Hohlhand schauen können.

Der so funktionierende Supinatormuskel hat mit dem betroffenen Nerven nichts zu tun. Er bezeichnet lediglich die Lokalisation der Nervenkompression beim Supinatorlogensyndrom.

Der Supinatormuskel am Ellenbogengelenk
Darstellung des Supinatormuskels am Ellenbogengelenk © SciePro | AdobeStock

Entstehung des Supinatorlogensyndroms

Der Speichennerv und das Supinatorlogensyndrom

Vom Supinatorlogensyndrom betroffen ist ein Ast des Speichennerven (Nervus radialis). Dieser Nerv steuert all die Muskeln, mit denen Handgelenk, die vier Langfinger und der Daumen gestreckt werden.

Im Niveau der Ellenbogengelenksfalte teilt sich der eben genannte Nervus radialis in zwei Äste:

  • einen oberflächlichen Ast (Ramus superfizialis) und
  • einen tiefen Ast (Ramus profundus).

Der oberflächliche Ast enthält vorwiegend Nervenfasern, die für die Sensibilität

  • am Unterarmrücken,
  • am Handrücken und
  • an der Rückfläche der Finger

verantwortlich sind. Das bedeutet, dass dieser Nervenast Berührungen oder Druck am Handrücken als elektrische Reize zum Gehirn sendet. Das Gehirn verarbeitet die Reize, so dass wir den Druck spüren können.

Die Nerven des Arms
Drei Nerven, die im Arm verlaufen. Der Speichennerv ist vom Supinatorlogensyndrom betroffen © öogo3in1 | AdobeStock

Der tiefer gelegene zweite Ast ist für die Motorik zuständig. Er leitet elektrische Signale aus dem Rückenmark an die Muskeln im Unterarm weiter. Diese Muskeln haben die Funktion, Handgelenk, Finger und Daumen hoch zu strecken. Er enthält also keine sensiblen Nervenfasern, sondern motorische.

Ein kleiner motorischer Nervenast stellt eine regelhafte anatomische Ausnahme dar. Er verlässt den oberflächlichen, sensiblen Radialnervenast und führt zum Handgelenksstreckermuskel (Musculus extensor carpi radialis brevis).

Diese Ausnahme hat große Bedeutung bei der Einordnung des neurologischen Ausfallsbildes des Supinatorlogensyndroms. Auch für den Operateur ist sie wichtig.

Beeinträchtigungen dieses Nervenastes erzeugen beim Supinatorlogensyndrom motorische Ausfälle (Lähmungen). Gefühlsstörungen oder Schmerzen treten dabei nicht auf.

Aubau eines Nerven

Jeder periphere Nerv besteht aus mehreren gruppierten Nervenbündeln, die von einer relativ derben Hüllstruktur, dem Epineurium, umfasst und zusammengehalten werden. Zwischen den Nervenbündeln verlaufen Blutgefäße.

Die Nervenbündel ihrerseits bestehen aus Tausenden einzelner Nervenfasern. Jede einzelne dieser Nervenfasern ist umgeben von einer Isolationsschicht, vergleichbar mit der Gummiumhüllung eines Kupferdrahtes. Diese Isolationsschicht verhindert das Überspringen elektrischer Impulse von einer Nervenfaser auf die nächste. Sie beeinflusst außerdem die Geschwindigkeit der Fortleitung dieses Nervenreizes.

Die Nervenfaser ist ein zylindrischer Zellfortsatz, dessen eigentliche Zelle im Rückenmark liegt. Der Nervenzellfortsatz kann bis zu 2 Meter lang innerhalb eines peripheren Nervs werden.

Gruppierte Nervenfasern
Querschnitt durch einen Nerven. Tausende Nervenfaser werden zu Nervenbündeln zusammengefasst, die vom Epineurium umgeben sind © crevis | AdobeStock

Entstehung des Supinatorlogensyndroms

Die fetthaltige Isolierschicht um jede einzelne Nervenfaser herum reagiert hoch empfindlich auf Druck. Sich wiederholende Druckauswirkungen auf einen Nerven können diese Isolationsschicht schädigen. Dadurch verringert sich die Geschwindigkeit der Erregungsausbreitung entlang der Nervenfaser.

Diese ungünstige Beeinflussung führt dann zum neurologischen Ausfallsbild des Supinatorlogensyndroms. Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit können den Schaden nachweisen.

Symptome des Supinatorlogensyndroms

Das Supinatorlogensyndrom trifft den Ramus profundus, also den tiefen Ast des Nervus radialis (Speichennerv). Es entsteht kein Schmerz, sondern ein motorischer Ausfall (Lähmung).

Die vier Langfinger können beim Supinatorlogensyndrom immer weniger angehoben werden. Das Gleiche gilt für den Daumen: sein Wegstrecken vom Handrücken wird immer schwächer.

Auffällig ist, dass im Gegensatz dazu die Anhebung des Handrückens ziemlich kräftig bleibt. Begründen lässt sich das mit dem erwähnten vom oberflächlichen Ast des Nervus radialis abgehenden Nervenast zum Handgelenkstreckermuskel.

Die Druckkompression des tiefen Hohlhandastes (Ramus profundus) unter dem Musculus supinator in der Supinatorloge findet also an einer Stelle statt, an der jener kleine motorische Muskelast für den daumenseitigen Handgelenkstrecker schon weggezogen ist.

Daraus entsteht beim Supinatorlogensyndrom das charakteristische Bild der Langfinger- und Daumenstreckerschwäche mit erhaltener Handgelenkstreckerfähigkeit.

Untersuchung und Diagnose des Supinatorlogensyndroms

Das für das Supinatorlogensyndrom charakteristische Lähmungsbild ohne begleitende Schmerzen ist für Neurologen leicht zu erkennen. Mittels Elektroneurographie (Messung der Nervenleitgeschwindigkeit) kann er bestätigen, dass die Weitergabe des elektrischen Reizes zur Fingerstreckung verlangsamt ist.

Darüber hinaus zeigt die Sondierung der vom tiefen Ast des Nervus radialis versorgten Muskulatur am Unterarm Veränderungen der ableitbaren Potenziale. Zuständig dafür ist die Elektromyographie. Sie misst die elektrische Muskel-Aktivität.

Bildgebende Verfahren, wie z.B. die Sonographie (Ultraschall) oder die MRT (Kernspintomographie), können eine das Supinatorlogensyndrom nicht sicher diagnostizieren. Sie können aber in Einzelfällen ein unter dem Musculus supinator gelegenes Lipom (Fettgewebstumor) nachweisen oder ausschließen.

Aus bisher unbekannten Gründen kann unter dem Musculus supinator ein Lipom entstehen. Dieses kann die Nervenkompressionssymptomatik des Supinatorlogensyndroms mitverursachen.

Vorgehen bei der Supinatorlogensyndrom-Operation

Die Behandlung des Supinatorlogensyndroms kann nur operativ erfolgen.

Der Kompressionsort ist eine kleine halbmondförmige, sehnige Struktur, von der Muskelfasern des Musculus supinator wegziehen. Sie überkreuzt Verlauf des tiefen Astes des Nervus radialis. Bei Druckeinwirkungen drückt sich die Kante dieser Sehne in den Nerv.

Ziel der Supinatorlogensyndrom-Operation ist es, der um jede Nervenfaser befindlichen Isolierschicht die Chance zu geben, sich wieder komplett zu erholen. Dazu muss der Operateur die sehnige, quer über den Nerven verlaufende Struktur kerben und durchtrennen.

Supinatorlogensyndrom1

An dieser Stelle kreuzen gleichzeitig mehrere kleine Gefäßchen den Nervenverlauf. Der Nervenast selber hat zudem nur den Durchmesser einer Bleistiftmine. Daher ist bei der Supinatorlogensyndrom-Operation größte Sorgfalt nötig, um das kleine Nervchen selbst nicht zu schädigen.

Noch mehr Sorgfalt muss aufgebracht werden, um den erwähnten noch dünneren zum daumenseitigen Handgelenkstrecker ziehenden Nervenast oberhalb des Beginnes des Supinatormuskelkanales sicher darzustellen und in der Kontinuität zu erhalten.

Leistet man das nicht, fällt dieser Handgelenkstrecker auch noch aus!

Supinatorlogensyndrom2

Die Supinatorlogensyndrom-Operation ist also anspruchsvoll. Sie erfordert zwar keine mikroskopischen Vergrößerungsvoraussetzungen. Die minimal-invasive Schlüssellochtechnik kommt als OP-Methode aber nicht infrage. Die Gefahr ist zu groß, das soeben herausgestellte Nervenästchen zu schädigen. Dieses ist so dünn, dass der Versuch seiner Rekonstruktion nicht gelingen könnte.

Hautschnittführung und Zugangswahl müssen also groß genug sein, um die genannten Nervenstrukturen sicher identifizieren und schonen zu können.

Medikamentöse Behandlung des Supinatorlogensyndroms

Es existiert keine medikamentöse wirksame Beeinflussbarkeit sogenannter Engpasssyndrome peripherer Nerven.

Die lokale Infiltration von Kortisonen kann allenfalls vorübergehende Effekte haben, das Problem selbst aber nicht lösen.

Mögliche Komplikationen und Risiken der Supinatorlogensyndrom-Operation

Eine postoperative Verbesserung der motorischen Ausfallserscheinungen tritt nicht sofort ein. Das Resultat zeigt sich eher nach Wochen oder Monaten, abhängig vom Schädigungsausmaß vor der Supinatorlogensyndrom-Operation.

Es sollte aber nach einer Supinatorlogensyndrom-Operation nicht zu einer Verschlechterung durch Schädigung einer anatomischen Besonderheiten der Nervenverteilung kommen. Der Patient muss jedoch über das Risiko eines zumindest potentiellen Ausfalls der Handgelenkstreckerfunktion aufgeklärt werden.

Sollte unter dem Supinatormuskel ein Lipom aufgefunden werden, muss der geplante Eingriff zudem erweitert werden. Das ist jedoch selten der Fall.

Nachbehandlung nach der Supinatorlogensyndrom-Operation

Bei erhaltener Handgelenkstreckerfunktion ist nicht zu befürchten, dass die Sehnen der Langfinger- und Daumenstrecker durch ständiges Herunterhängen überdehnen. Anders als bei der verletzungsbedingten Radialisnervenzerreißung ist dann keine sogenannte Handgelenksschiene erforderlich.

Physiotherapie oder eigenes, vom Kopf gesteuertes Training muss sich auf die Streckbewegungen von Langfingern und Daumen konzentrieren.

Nach der Operation sind zudem Nachkontrollen zu empfehlen. Dazu sollte ein- oder zweimal eine Elektromyographie durchgeführt werden.

Fazit

Das Supinatorlogensyndrom ist eine langsam fortschreitende Nervenkompression des tiefen Astes des Nervus radialis. Die Kompressionsstelle liegt etwa 3 cm unterhalb der Ellenbogengelenksfalte. Es kommt nicht zu Schmerzen, aber zu einer zunehmenden Lähmung beim Anheben (Strecken) der Langfinger und des Daumens.

Im Gegensatz zu diesen Lähmungen bleibt die Fähigkeit zum Anheben des Handgelenkes erhalten.

Die Dekompressionsoperation ist notwendig, erfordert aber größte Sorgfalt, um die Handgelenksstreckerfunktion zu erhalten.

Ein minimal-invasiver Eingriff ist aktuell aufgrund der beschriebenen spezifischen anatomischen Situation nicht zu empfehlen.

FAQ zu Supinatorlogensyndrom

Was ist das Supinatorlogensyndrom?

Das Supinatorlogensyndrom ist ein Engpasssyndrom, bei dem der Nervus radialis beziehungsweise sein Ramus profundus im Bereich des Musculus supinator eingeengt wird. Durch diese Nervenkompression kommt es vor allem zu motorischen Ausfällen im Unterarm, ohne ausgeprägte Sensibilitätsstörungen an der Handfläche.

Welche Symptome treten beim Supinatorlogensyndrom auf?

Typisch sind Schmerzen im Unterarm und Ellenbogen, die in den Arm ausstrahlen können, sowie eine Schwäche der Fingerstreckung. Bei fortgeschrittener Schädigung kann eine untere Radialislähmung mit Fallhand auftreten. Sensibilitätsstörungen stehen meist nicht im Vordergrund, da vor allem motorische Fasern betroffen sind.

Wie wird das Supinatorlogensyndrom diagnostiziert?

Die Diagnostik umfasst eine klinische Untersuchung des Ellenbogens, Funktionstests der Streckmuskulatur und die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Bildgebende Verfahren wie MRT, Ultraschall oder Magnetresonanztomographie helfen, Ganglien, eine Einengung oder eine Entzündung im Bereich der Supinatorloge darzustellen. Wichtig ist die Abgrenzung zum Tennisarm, Tennisellenbogen oder Karpaltunnelsyndrom.

Wie erfolgt die Behandlung des Supinatorlogensyndroms?

Die Behandlung des Supinatorlogensyndroms beginnt meist konservativ mit Schonung, Physiotherapie, Antirheumatika und der Vermeidung belastender Drehbewegungen wie beim Klavierspielen. Bleiben die Beschwerden bestehen oder kommt es zu einer deutlichen Beeinträchtigung der motorischen Funktion, kann eine operative Dekompression erforderlich sein. Dabei wird der Nerv chirurgisch entlastet.

Wann ist eine Operation notwendig?

Eine operative Behandlung wird empfohlen, wenn trotz konservativer Therapie eine anhaltende Nervenkompression, zunehmende Lähmung oder eine deutliche Beeinträchtigung der Fingerstreckung vorliegt. Ziel der operativen Dekompression ist die Entlastung des Nervus radialis, um eine dauerhafte Schädigung der Nervenfasern und der Unterarmmuskulatur zu verhindern.

Empfohlene Spezialisten