Rotatorenmanschettenruptur - Infos & Spezialisten

11.03.2022

Die Rotatorenmanschette ist eine Gruppe von vier Muskeln, den Rotatoren, die vom Schulterblatt zum Oberarmknochen ziehen. Ihre Ansätze wickeln sich wie eine Manschette oder Haube um den Kopf des Oberarmknochens und können daher den Arm drehen, deshalb „Rotatoren“. Aber auch das Heben des Arms nach vorne oder zur Seite ist strenggenommen eine Rotation, da die Schulter ein Kugelgelenk ist und nichts anderes kann als zu drehen.

Diese Rotatorenmanschette ermöglicht die erhebliche Beweglichkeit des Schultergelenks in mehreren Richtungen, die wir für Dinge wie Armkreisen, Werfen oder Überkopfarbeit brauchen. Gleichzeitig kann eine gemeinsame Anspannung dieser Muskel den Oberarmkopf in die Gelenkspfanne drücken und das Gelenk stabilisieren. Damit ist die Rotatorenmanschette also für beides mit verantwortlich: Beweglichkeit und Stabilität

Naturgemäß entstehen in dieser Doppelrolle hohe Belastungen für das Gewebe, und zwar sowohl als kurze Belastungsspitzen beim Sport oder Sturz als auch lange und stark repetitive Belastungen im Alltag. Zerreissen und Abnutzung der Rotatorenmanschette sind wenig überraschend auch das größte Thema in der Schulterchirurgie.

ICD-Codes für diese Krankheit: S46, M75.1

Empfohlene Spezialisten

Rotatorenmanschettenruptur Fälle in Deutschland

79.157 Fälle im Jahr 2020
80.500 Fälle im Jahr 2023 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Artikelübersicht

 

Definition und Häufigkeit des Rotatorenmanschettenrisses

Aufgrund der hohen Belastung der Rotatorenmanschette in Sport, Alltag und Beruf sind Probleme sehr häufig und kommen in verschiedenen Formen vor. Typischerweise betreffen Verletzungen die Sehne, sprich den Teil der die Kraft des bewegenden Muskelbauch auf den statischen Knochen weiterleitet. Diese Probleme reichen von Verquellung und Zerquetschung der Sehnen über kleine Einrisse an der Oberfläche bis hin zum kompletten Abriss mehrerer Muskelsehnen.

Anatomie der Schulter
© bilderzwerg / Fotolia

Über die Häufigkeit von Rotatorenmanschettenrupturen und deren Altersverteilung liegen widersprüchliche Literaturangaben vor. MILGROM (1995) fand bei Patienten unter 50 Jahren in 5 Prozent Risse. In der 5. Altersdekade waren es 11 Prozent, über dem 70. Lebensjahr hatte jeder 2. Patient eine Rotatorenmanschettenruptur und über dem 80. Lebensjahr waren bei 80 Prozent der Patienten Risse nachweisbar. Viele dieser Risse sind aber ohne Symptome. In der Literatur unstrittig ist das äußerst seltene Vorkommen eines kompletten Rotatorenmanschettenrisses vor dem 40. Lebensjahr (HAWKINS et al. 1999).

Ursachen für eine Rotatorenmanschettenruptur

Rotatorenmanschettenrupturen (ICD-Code: S46/ M75.1) entstehen einerseits durch Unfälle, wie zum Beispiel nach einem Sturzereignis auf den nach hinten ausgestreckten Arm. Rotatorenmanschettenrupturen auf der Grundlage einer degenerativen Vorschädigung sind andererseits aber häufiger. Es gibt auch Mischformen, bei denen Patienten mit degenerativer Vorschäden einen Bagatellunfall erleben, der den vorliegenden Defekt vergrößert und Symptome auslöst (HABERMEYER et al. 2000). Isolierte Läsionen der Subskapularissehne hingegen werden in 70 Prozent der Fälle durch Unfälle ausgelöst (WALCH 1993). Die Schultergelenkluxation bei einem Patienten über 40 Jahre führt in 40 bis 70 Prozent der Fälle zu einer Rotatorenmanschettenruptur (McLAUGHLIN 1994).

Symptome des Rotatorenmanschettenrisses

Obwohl die Symptome einer Rotatorenmanschettenruptur recht eindeutig sind, ist die Schmerzstärke sehr unterschiedlich. Effektiv ist es sogar so, dass ein großer Teil der Sehnenrisse asymptomatisch sind und keine Beschwerden verursachen, besonders wenn es kleinere degenerative Risse sind. Bei diese langsam entstehenden Rissen hatte die Schulter genug Zeit sich dem Problem anzupassen. Akute Massenrupturen haben hingegen sehr deutliche Beschwerden.

Die häufigsten Schulterbeschwerden bei Rotatorenmanschettenläsion sind Schmerzen, speziell bei Tätigkeiten über Kopf, wobei das natürlich sehr unspezifisch ist. Die wichtigsten Beschwerden für einen Sehnenriss sind jedoch Nachtschmerz und eine eingeschränkte Kraft. Ein Patient der wegen Schulterschmerzen nachts aufwacht und einen Kraftverlust hat hat eine 70 prozentige Wahrscheinlichkeit einer Rotatorenmanschettenruptur. Bei einem Alter über 65 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit 90 Prozent.

Schulterschmerzen

Diagnose einer Rotatorenmanschettenruptur

Die Diagnose einer Rotatorenmanschettenruptur setzt sich aus einer gezielten Befragung (Anamnese), der klinischen Untersuchung und der bildgebenden Untersuchung zusammen.

Die klinische Untersuchung umfasst die Prüfung des aktiven und passiven Bewegungsausmaßes in allen Freiheitsgraden und die isometrische Kraftprüfung. Zusätzlich gibt es spezielle Funktionstests mit denen die einzelnen Muskeln der Rotatorenmanschette isoliert getestet werden können. Die Aussagekraft aller Rotatorenmanschettenfunktionstests kann aber durch Schmerzen während der Untersuchung deutlich beeinträchtigt werden.

Als Basisdiagnostik für krankhafte Veränderungen der Rotatorenmanschette haben sich Röntgenaufnahmen in drei Ebenen bewährt. Hierzu sind die Aufnahme mit korrekter Einstellung des Gelenkspaltes, die Axialaufnahme und die Y-Aufnahme geeignet. Aus diesen Aufnahmen sind die wesentlichen Informationen für eine Einschätzung der Veränderungen des knöchernen Gelenkes möglich.

Die Ultraschalluntersuchung ermöglicht den schnellen, dynamischen und kostengünstigen Rotatorenmanschettenbefund. Einfache Degenerationen (Verschleißerscheinungen) bis hin zur kompletten Rotatorenmanschettenruptur lassen sich mit einer Genauigkeit zwischen 94 bis 98 Prozent (WIENER und SEITZ 1993) und einer Sensitivität von 96 Prozent für komplette Risse sowie 90 Prozent für partielle Risse (HEDTMANN und FETT 1995) diagnostizieren. Gleichzeitig ist es möglich, die lange Bizepssehne hinsichtlich der Stabilität und der Begleitentzündung zu beurteilen.

In den letzten Jahren hat sich die Magnetresonanztomografie (MRT) als äußerst genaues und sensitives Verfahren in der Schulterdiagnostik etabliert. Die Genauigkeit wird noch durch die gelenkseitige Gabe von Kontrastmitteln in der so genannten Kontrastmittel-MR-Arthrografie erhöht.

Die Computertomografie (CT) hat in der Diagnostik von Weichteilveränderungen des Schultergelenkes keine bedeutende Rolle mehr und wurde durch die MRT weitestgehend verdrängt. Lediglich zur Beurteilung von fettigen Degenerationen des Muskels wird sie vereinzelt noch eingesetzt (GOUTALLIER et al. 1994).

Behandlung des Rotatorenmanschettenrisses

Die therapeutischen Optionen richten sich nach einer Vielzahl von Einflussfaktoren, die im Detail analysiert und von der Befundkonstellation abgewogen werden müssen. Ein standardisiertes therapeutisches Vorgehen gibt es nicht.

Kriterien zur Therapieentscheidung sind:

  • Alter des Patienten,
  • Rissursache,
  • Aktivitätsgrad des Patienten,
  • Rissform,
  • Rissgröße,
  • Sehnenqualität und
  • Muskelqualität.

Aus diesen Kriterien ergeben sich zahlreiche Therapiemöglichkeiten, welche im Einzelnen einen unterschiedlichen therapeutischen Erfolg besitzen.

In vielen Fällen, speziell bei langsam aufgetreten, degenerativen Rotatorenmanschettendefekten ist eine konservative, nichtoperative Therapie eine gute Wahl und kann gute Ergebnisse bringen. Dies kann durch biologische Methoden wie ACP unterstützt werden.

Die Verbesserungen durch die Therapie sollten sich aber binnen 3 Monaten einstellen, sonst sinken die Chancen auf eine erfolgreiche konservative Therapie dramatisch und eine Operation wird nötig. Der Erfolg der konservativen Therapie hält zumeist auch nicht für immer, denn die Risse der Rotatorenmanschette haben die Tendenz größer zu werden. Die Hälfte der Patienten entwickelt über 3-5 Jahre neue Symptome und bedarf dann einer Operation.

Operation der Rotatorenmanschettenruptur

Die Therapie der Wahl bei Rotatorenmanschettenrissen ist heute die anatomische Rekonstruktion. Sie kann durch eine offene, minimiert offene oder rein arthroskopische Naht durchgeführt werden. Aufgrund der besseren Mobilisierbarkeit und der Gewebeschonung setzt sich immer mehr das rein arthroskopische Verfahren durch. Die Heilungsaussicht einer Sehnennaht hängt von der Rissgröße ab. Während kleine Risse mit hoher Sicherheit ausheilen, heilen mittlere und große Rotatorenmanschettenrupturen nur in 70 bis 80 Prozent aus. Für diese gibt es aber heute eine Reihe chirurgischer Möglichkeiten um die biologische Heilung zu stimulieren.

Im nachfolgenden Video sehen Sie den Ablauf eines minimal-invasiv durchgeführten Eingriffs zur Behandlung eines Rotatorenmanschettenrisses:

 

Bitte akzeptiere zusätzliche externe Inhalte, um dieses Video anzusehen.

 

Bei nicht anatomisch verschließbaren Rissen, sogenannten irreparablen Rupturen, gibt es zahlreiche Behandlungsalternativen, wie ein arthroskopisches Debridèment mit oder ohne Dekompression, die arthroskopische Dekompression (Tuberkuloplastik), die Partialrekonstruktion (Äquartorialverschluss), die Muskelschwenklappen (Pectoralis-Transfer, Latissimus-Transfer, L´Episcopo), die Implantation einer Hemialloarthroplastik oder eines subacromialen Ballons. Die letzte Option ist eine inverse Schultergelenkprothese.

Die Prognose des behandelten Rotatorenmanschettendefektes ist stark abhängig vom Vorschädigungsgrad, von der Kranialisation des Humeruskopfes, der Sehnenqualität, der Funktion des Deltamuskels und vom operativen Verfahren. In Summe sieht man aber eine relevante Verbesserung nach einer Sehnennaht, und interessanterweise das sogar auch dann, wenn nicht alles festheilt!

Nachbehandlung nach einer Rotatorenmanschettenruptur

Die Nachbehandlung einer Rotatorenmanschettenruptur richtet sich nach der Versorgungsart. Nach einer anatomischen Rekonstruktion ist die Ruhigstellung der oberen Extremität von zwischen 2 und 6 Wochen erforderlich, um das Anwachsen der Sehne am Knochen zu ermöglichen. Während dafür früher ausschließlich Abspreizkissen benutzt wurden gibt es heute Daten die zeigen, dass eine einfache Schlinge auch reichen kann. Während dieser Zeit sind passive Bewegungsübungen unter physiotherapeutischer Anleitung gestattet.

Ab der 7. Woche nach der Operation sind aktive Bewegungsübungen und Bewegungsübungen im Wasserbecken möglich. Zusätzlich sind umfangreiche Oberarmkopfzentrierungsübungen erforderlich. Die gesamte Rehabilitationszeit beträgt etwa 12 bis 16 Wochen.

Arbeits- und Sportfähigkeit nach einem Rotatorenmanschettenriss

Die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit nach einer Rotatorenmanschettenruptur hängt stark von der beruflichen Belastung und Aktivität ab. Leichte körperliche Tätigkeiten ohne Überkopfarbeiten sind ab der 5. bis 7. Woche nach der Operation möglich. Überkopftätigkeiten sind nicht vor der 13. postoperativen Woche gestattet. Die Rehabilitationsphase ist insgesamt verlängert.

Sportliche Überkopfaktivitäten sollten frühestens 6 Monaten nach der operativen Maßnahme aufgenommen werden.

Quellen

  • Goutallier D, Postel JM, Bernageau J, Lavau L, Voisin MC (1994) Fatty muscle degeneration in cuff ruptures. Pre- and postoperative evaluation by CT scan. Clin-Orthop 304: 78-83
  • Habermeyer P, Lehmann L, Lichtenberg S (2000) Rotatorenmanschetten-Ruptur. Diagnostik und Therapie. Orthopäde 29: 196-208
  • Hawkins RJ, Morin WD, Bonutti PM, Wis EC (1999) Surgical treatment of full-thickness rotator cuff tears in patients 40 years of age or younger. J Shoulder Elbow Surg 8: 259-265
  • Hedtmann A, Fett H (1995) Schultersonographie bei Subakromialsyndromen mit Erkrankungen und Verletzungen der Rotatorenmanschette. Orthopade 24: 498-508
  • Litaker D, Pioro M, El Bilbeisi H, Brems J. Returning to the bedside: using the history and physical examination to identify rotator cuff tears. J Am Geriatr Soc 2000;48:1636.
  • McLaughlin HL (1994) Lesions of the musculotendinous cuff of the shoulder. The exposure and treatment of tears with retraction. Clin Orthop 304: 3-9
  • Milgrom CSM, Gilbert S, Holsbeeck M (1995) Rotator cuff changes in asymptomatic adults. The effect of age, hand dominance and gender. J Bone Joint Surg Br 77 : 296-298
  • Walch G (1993) Synthese sur l´epidemiologie et l´ethiologie des ruptures de la coiffe des rotateurs. J Lyon l,Epaule, pp 256-266
  • Wiener SN, Seitz WH Jr (1993) Sonography of the shoulder in patients with tears of the rotator cuff: accuracy and value for selecting surgical options. Am J Roentgenol 160: 103-107; discussion 109 – 11
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