Thoracic-outlet-Syndrom: Informationen & Spezialisten

17.02.2022
Prof. Dr. med. Götz Penkert
Medizinischer Fachautor
Beim Thoracic-outlet-Syndrom handelt es sich um ein Irritationssyndrom von Nerven oder Armarterie und –vene oberhalb der oberen Brustkorböffnung. Es wird durch von Geburt an vorhandene anatomische Anomalien ausgelöst. Zu den Symptomen gehören sowohl Nervenbeschwerden als auch komplizierte Durchblutungsstörungen. Die Behandlung des Thoracic-outlet-Syndroms erfolgt trotz nicht vermeidbarer Unsicherheiten und Risiken weitgehend nur operativ und erfordert vom Operateur viel Sorgfalt. Hier finden Sie weiterführende Informationen sowie ausgewählte Adipositas-Spezialisten und Zentren.
ICD-Codes für diese Krankheit: G54.0

Empfohlene Thoracic-outlet-Syndrom-Spezialisten

Thoracic-outlet-Syndrom Fälle in Deutschland

2.106 Fälle im Jahr 2020
2.164 Fälle im Jahr 2023 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Artikelübersicht

Was versteht man unter Thoracic-outlet?

„Thorax“ bedeutet „Brustkorb", „outlet“ bedeutet „Öffnung“. Mit dem Wort Thoracic-outlet ist also die obere Brustkorböffnung gemeint, um die herum die erste Rippe verläuft. Sie entspringt seitlich am ersten Brustwirbel.

Viele Patienten haben abgehend vom 7. Halswirbel noch eine weitere Rippe darüber. Diese Rippe nennt man „Halsrippe“. Sie kann stummelförmig oder lang ausgebildet sein und dann die obere Thoraxöffnung zusätzlich umspannen.

Aus der knöchernen Halswirbelsäule treten seitlich durch bestimmte Knochenöffnungen Nerven, genannt „Nervenwurzeln“, heraus. Die 5. bis 8. Halsnervenwurzeln sind für die motorische und sensible Versorgung von Arm und Hand verantwortlich.

Nach Austritt aus der Halswirbelsäule seitlich haben diese Nerven einen sehr komplexen anatomischen Verlauf. Die Nervenstrukturen verteilen sich geflechtartig, so dass diese Nervenregion auch „Plexus brachialis“ genannt wird („Armnervengeflecht“).

Die weit unten aus der Halswirbelsäule austretenden Anteile dieses Geflechts sind verantwortlich für

  • die kleinen Muskeln in der Hand sowie
  • Gefühl, Schmerz- und Temperaturempfindung der kleinfingerseitigen Hand.
Rippen des Menschen
Die Rippen im menschlichen Brustkorb © bilderzwerg | AdobeStock

Ursachen und Symptome des Thoracic-outlet-Syndroms

Genau diese Nerven können durch anatomische Strukturen am Thoracic-outlet irritiert werden. Diese Strukturen sind zwar von Geburt an vorhanden, stellen sich aber im Laufe des Lebens eventuell als störend heraus. Warum und wodurch eine solche Entwicklung einsetzt, ist nicht bekannt.

Menschen mit sehr schmalem Brustkorb und lang hochragendem Hals neigen eher zur Entwicklung des Thoracic-outlet-Syndroms. Vermutlich ist die dann spezifisch steile Verlaufsrichtung der Nerven begünstigend.

Eine isolierte oder mit den Nervensymptomen kombinierte Gefäßbeeinträchtigung ist beim Thoracic-outlet-Syndrom auch möglich. Durch armhaltungsabhängige Arterienverengungen können Gerinnsel entstehen und Embolien in Fingerarterien hinein auslösen.

Sehr selten wird die Blutzufuhr zum Gehirn angezapft. Dadurch können Schwindel- oder Ohnmachtsattacken auftreten. Gerinnsel in der Armvene sind noch gefährlicher.

Die Nervenbeschwerden beim Thoracic-outlet-Syndrom werden meistens als elektrisierend empfunden. Sie strahlen bis in die kleinfingerseitige Hand aus und können äußerst unangenehm sein.

Viele Patienten fühlen sich beim Arzt nicht verstanden. Oft diagnostizieren Medizinier psychische Probleme als Ursache für die Beschwerden. Dadurch entstehen lange Leidenswege.

Eine medikamentöse Therapie gibt es nicht. Schmerzmittel, welcher Art auch immer, haben nach Aussagen betroffener Patienten so gut wie nie gewirkt.

Brustkorb und Nerven
Nerven im Bereich des Brustkorbs © SciePro | AdobeStock

Behandlung des Thoracic-outlet-Syndroms

Wenn das Beschwerdebild des Thoracic-outlet-Syndroms erst einmal aufgetreten ist, ist Physiotherapie nahezu unwirksam.

Hilfreich bei einer reinen Nervensymptomatik ist allenfalls eine Änderung der Körperhaltung. Dadurch kann der Patient versuchen, die in der oberen Thoraxöffnung gelegenen Strukturen so zu positionieren, dass sie nicht mehr irritiert werden.

Bei wiederholten Beschwerden mit dem Blutkreislauf muss das Thoracic-outlet-Syndrom stattdessen unbedingt operiert werden.

Untersuchung und Diagnose des Thoracic-outlet-Syndroms

Nur wenige Ärzte befassen sich überhaupt mit dem Beschwerdebild des Thoracic-outlet-Syndroms. Darunter gehen die Meinungen darüber, welche Untersuchungswege für die Diagnosestellung Beweiskraft haben, weit auseinander. Es gibt keine generellen, in der Literatur nachlesbaren Regeln für die Diagnostik des Thoracic-outlet-Syndroms. Daher muss sich der hinzugezogene Arzt weitgehend auf persönliche Erfahrungswerte verlassen. Für den Patienten ist das jedoch unbefriedigend.

Die Auslösung bestimmter Provokationsmanöver im Rahmen einer klinischen Untersuchung ist fast die wichtigste Diagnosemethode. Hierbei übt der Untersucher mit seinen Fingern Druck in der oberen Schlüsselbeingrube des Patienten aus.

Kommt es dadurch zur Auslösung des typischen Beschwerdebildes, weist dies am eindrücklichsten auf ein Thoracic-outlet-Syndrom hin. Komplizierte elektrophysiologische Untersuchungen durch den Neurologen sind beim Thoracic-outlet-Syndrom sehr ausführlich und zeitaufwändig. Sie haben daher auch lediglich eine ergänzende Funktion.

Bei ausschließlicher Nervensymptomatik dient eine Bildgebung mittels Kernspintomographie (MRT) nur dazu, einen etwaigen Tumor auszuschließen. Ein Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule erzeugt gegebenenfalls ähnliche Symptome wie ein Thoracic-outlet-Syndrom. Diese Erkrankung muss während der Diagnose ausgeschlossen werden.

Das Röntgenbild entscheidet über das Vorhandensein einer Halsrippe. Momentan gewinnt die Sonographie (Ultraschalluntersuchung) an echter Bedeutung, weil sie unter Haltungsänderungen des Arms erfolgen kann.

All diese Bildgebungen sind aber nicht vollständig beweiskräftig für eine Armnervenirritation in der Region des Thoracic-outlet.

Bei Gefäßsymptomen kommen Untersuchungen von Armarterie und –vene unbedingt hinzu: Mithilfe von Kernspinangiographie und Sonographie der Gefäße in unterschiedlicher Armposition sucht man hierbei nach Verengungen bzw. Blutflussbehinderungen.

Die Thoracic-outlet-Syndrom-Operation

Bei Unwirksamkeit von Physiotherapieversuchen kann die Behandlung des Thoracic-outlet-Syndroms nur operativ erfolgen. Bei bedenklichen Gefäßsymptomen ist eine operative Behandlung sogar unumgänglich.

Einer solchen OP gehen intensive Patientengespräche voraus. Darin klärt der Arzt seinen Patienten gründlich über alle Unsicherheiten der Operation, aber auch Gefahren des Abwartens bei Gefäßsymptomen auf.

Das Thoracic-outlet-Syndrom ist sehr selten und an der OP sind verschiedene Fachärzte beteiligt, darunter

Daher gibt es sehr unterschiedliche Ansichten über den Operationsvorgang und den zu wählenden Operationszugang.

Wenn Armarterie und Armvene freie Durchgängigkeit haben, hat sich ein Eingriff über die obere Schlüsselbeingrube mit verhältnismäßig kleiner Schnittführung bewährt.

Der Operateur muss alle Armnerven, die Armarterie und –vene gemeinsam identifizieren. Dann kann er die Struktur ausmachen, die für die Irritation der unteren Halsnervenwurzel verantwortlich ist. Das können

  • sehnige, senkrecht herunterziehende Strukturen innerhalb der Halsstreckermuskeln, 
  • eine scharfe Innenkante der ersten Rippe oder
  • eine ggf. vorhandene stummelförmite Halsrippe sein.

sein.

Was hier entfernt oder teilentfernt werden muss, entscheidet der Operateur in der individuellen Situation.

Thoracic-outlet-Syndrom1

Es gibt keine generelle Regel, wie eine Thoracic-outlet-Syndrom-Operation abgewickelt werden muss. Selbstverständlich sind Wünsche in Richtung Schlüssellochtechnik mit viel zu großen Schädigungsrisiken behaftet.

Die Abheilung der Wundregion in der oberen Schlüsselbeingrube sollte mit einer 2 bis 3-tägigen Saugdrainage gesichert werden. In der kleinen Fetttasche nach Hauteröffnung befinden sich geflechtartige Lymphgefäßchen, bei deren Zerreißung es zu Gewebswasseraustritt kommen kann. Durch die Saugdrainage wird

  • eine ausreichende Verklebung des Operationsbereiches sichergestellt und
  • eine ungewollte Ansammlung von Wundwasser vermieden.

Deshalb sollte eine stationäre Nachbeobachtung gesichert sein.

Thoracic-outlet-Syndrom2

Wenn Gefäßsymptome im Vordergrund stehen, wählen Thoraxchirurgen einen Zugang durch die Achselhöhle. Sie streben dann die Totalentfernung der ersten Rippe an, um einen freien Blutfluss in den Gefäßen zu sichern.

Eigene Erfahrungen mit dem Operationszugang oberhalb des Schlüsselbeins haben gezeigt, dass mit diesem Weg das Ziel auch erreicht wird, und zwar ohne Rippenentfernung. Es bleibt aber bei unterschiedlichen Auffassungen hierüber und berechtigten Argumenten für jede Ansicht.

Nachbehandlung nach der Thoracic-outlet-Syndrom-Operation

Es gibt keinerlei Nachbehandlungsbedürftigkeit nach einer Thoracic-outlet-Syndrom-Operation. Der Patient merkt sofort am nächsten Tag, ob der Eingriff erfolgreich war. Krankengymnastische Übungen sind nicht nötig, da es meistens schon vor der Operation keine gravierenden neurologischen Ausfälle gegeben hat.

Lokale Wundbehandlungen durch Massagen und ähnliches sind dringend zu vermeiden. Dadurch könnten während des Vernarbungsvorganges neue Irritationen entstehen.

Mögliche Komplikationen und Risiken der Thoracic-outlet-Syndrom-Operation

Aufgrund der Unsicherheiten in der Diagnose- und Indikationsstellung besteht immer das Risiko eines ausbleibenden Erfolges. Die Thoracic-outlet-Syndrom-Operation darf keine zusätzlichen Nervenschädigungen verursachen.

Kein Operateur kann das garantieren, dennoch sind die Anforderungen an die Sorgfaltspflicht und Geduld des etwaigen Operateurs sehr hoch. Nur wenn er während des Operationsvorganges jederzeit alle Nerven- und Gefäßstrukturen im Blick hat entsteht kein Schaden.

Die Literatur erwähnt im Falle des Zuganges oberhalb des Schlüsselbeines die Gefahr für den Nervus phrenicus. Dieser Nerv versorgt das Zwerchfell einseitig motorisch. Der Eingriff geht bis an die Lungenspitze.

Sowohl die Lunge ist von einer Haut umgeben (inneres Brustfell), als auch die Brustkorbinnenseite (äußeres Brustfell). Wenn die äußere Brustfellspitze verletzt wird, kann Luft durch das Operationsfeld in den Spalt zwischen Lunge und Brustkorbinnenwand gelangen („Pneumothorax“).

Der Patient bemerkt das durch Atembeschwerden, und das Röntgenbild kann den Beweis liefern. Die intraoperativ in Richtung Lungenspitze zu platzierende Saugdrainage verhindert die Entstehung der Luftansammlung im Brustkorb.

Der Zugang durch die Achsel enthält diese Komplikationsmöglichkeiten ebenfalls. Zusätzlich besteht eine Schädigungsgefahr für die untere Armnervenwurzel. Alles hängt letztlich von der Operationssorgfalt ab.

Erkenntnisse der Thoracic-outlet-Syndrom-Operation

Verlässliche statistische Aussagen über die Wirksamkeit solcher Thoracic-outlet-Syndrom-Operationen existieren nur vereinzelt. Die wenigen Operateure, die sich mit solchen Schädigungen befassen, können nur persönliche Erfahrungen äußern.

Nach langen Gesprächen zwischen Patient und Arzt muss ein Vertrauensverhältnis entstehen. Dadurch kann auf beiden Seiten eine Ermessensentscheidung fallen.

Fazit

Das Thoracic-outlet-Syndrom ist ein Irritationssyndrom von

  • Nerven (neurogenes TOS) oder
  • Armarterie und –vene (vaskuläres TOS)

oberhalb der oberen Thoraxöffnung.

Bei ersterem sind immer Nerven betroffen, die die kleinfingerseitige Region der Hand versorgen. Bei letzterem entstehen komplizierte Durchblutungsstörungen.

Ursächlich sind kleine, von Geburt an vorhandene anatomische Anomalien. Behandeln lässt sich das davon ausgehende Beschwerdebild weitgehend nur operativ, auch wenn

  • Diagnosestellung,
  • Erstellung der Operationsindikation und
  • Durchführung der Thoracic-outlet-Syndrom-Operation

mit nicht vermeidbaren Unsicherheiten verbunden sind.

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